Paul Gerhardt und die Unschuld

Paul Gerhardt kann auch anders, er dichtet nicht nur freundliche Lieder.

Das ist ein mächtiger Text: „Du liebe Unschuld du, wie schlecht wirst du geacht“. In diesem geht es darum, dass der wahre Fromme sich an Gott hält, darum verlacht, verhöhnt wird und Gegenstand böswilligen Geschwätzes wird.

Der Unschuldige straft die, die Böses tun, er spricht aus, was Unrecht ist, er heuchelt nicht. Er fordert mit dem Text auf, Gott treu zu bleiben, auch wenn es viele Nachteile mit sich bringt.

Aber nicht nur der Unschuldige hat Nachteile. Das Lied richtet sich gegen diejenigen, die ihren Wohlstand durch Unrecht erworben haben. Damit dürfte er so manchen auf die Füße getreten haben. Besonders anklagend ist die 11 Strophe:

Was hat doch mancher mehr
Denn armer Leute Schweiß?
Was isst und trinket er?
Worin besteht sein Preis,
Als im geraubten Erb
Und armer Witwen (1) Tränen,
Die wie ein dürres Land
Sich nach Erquickung sehnen?

Derjenige, der vom unrechtmäßig angesammelten Gut lebt, lebt letztlich vom Schweiß anderer Menschen. Er lebt von den Tränen armer Menschen – von Menschen, die sich wie ein ausgedörrtes Land nach Regen sehnen. Das ausgedörrte Land, ausgesaugt von denen, die Unrecht tun. Sie hinterlassen nicht nur eine materielle Wüste, sie hinterlassen auch Unmenschlichkeit.

Paul Gerhardt hat keine Möglichkeit, die gesellschaftliche Situation zu verändern. Was ihm blieb, war das Wort. Mit seinem Text redet er denen, die von unrecht Gut leben, ins Gewissen, er hat keine andere Möglichkeit, als mit Gottes Gericht zu drohen.

Zugleich tröstet er die Leidenden mit der Hoffnung, mit der Aussicht, dass Gottes gerechtes Gericht Gerechtigkeit schaffen wird.

Aber, wie gesehen, ist der Unschuldige kein Quietist, sondern tut das, was ihm übrigbleibt: straft die, die Böses tun, er spricht offen aus, was Unrecht ist, er heuchelt nicht.

Besonders spannend ist, wenn man sich seine Wirkung im Gottesdienst vorstellt. Wurde das Lied tatsächlich von mutigen Pfarrern im Gottesdienst eingebracht? Wenn es wirklich von solchen armen Menschen gesungen wurde – welche Bilder steigen in ihnen auf? Welche Menschen kommen ihnen in den Sinn? Menschen, die auch in der Kirche waren und auf ihren Ehrenplätzen saßen? Diesen konnten sie gleichsam ins Gesicht singen, in die Ohren hineindröhnen, was Gott über Unrecht denkt – und welches Gottesgericht sie erwarten wird, wenn sie weiterhin unmenschlich handeln, auf Kosten anderer leben.

*

Heftig ist auch das Lied: „Wie ist so groß und schwer die Last“, das ich später ansprechen möchte. Ebenso ist zu nennen: „Was trotzest du, stolzer Tyrann“.

*

(1) https://www.evangelischer-glaube.de/paul-gerhardt-lieder/ in dem mir vorliegenden Band (Paul Gerhardt: Wach auf, mein Herz, und singe. Vollständige Ausgabe seiner Lieder und Gedichte, Hg.v. Eberhard von Cranach-Sichart, BrockhausVerlag Wuppertal 2004, 228ff.) ist von „armer Leute Tränen“ die Rede.