Ich singe Dir

Paul Gerhardt, an dessen 350. Todestag wir in diesem Jahr denken, hat ein Lied geschrieben, dessen erste Strophe lautet (EG 324):

Ich singe dir mit Herz und Mund,
Herr, meines Herzens Lust;
ich sing und mach auf Erden kund,
was mir von dir bewusst.

Ich, also jeder Mensch, der das singt, singt nicht nur mit dem Mund, sondern mit dem ganzen Wesen, mit dem Herzen – und zwar dem, der des Menschen, des ganzen Wesens, Lust ist: Gott. Und der Mensch singt das, was er von Gott weiß, was ihm von Gott bewusst ist. Wir sind begrenzt im Verstehen Gottes. Wir durchschauen ihn nicht ganz, wie wir uns und den Mitmenschen ja auch nicht durchschauen. Darum können wir nur das von Gott weitersagen, was uns zum Zeitpunkt des Singens bewusst ist. Glaubende sind nicht überheblich. Mission ist hier wunderbar beschrieben: Singend weitergeben dessen, was der Herr, des Herzens Lust, mir hat bis zu diesem Zeitpunkt bewusst werden lassen. Aber der Glaube ist nicht nur Wort-Werdung, sondern eben eine Herzensangelegenheit. Er bringt den ganzen Menschen in dankbare, fröhliche Bewegung. Herz und Mund gehören zusammen – das Herz aber singt zuerst!

Und was hat der Herr, des Herzens Lust, bewusst werden lassen? Die zweite Strophe lautet:

Ich weiß, dass du der Brunn der Gnad
und ewge Quelle bist,
daraus uns allen früh und spat
viel Heil und Gutes fließt.

Ein wunderbares Bild. Früher hatten wir Brunnen. Der Eimer wurde in den Brunnen hinuntergekurbelt und dann wieder hochgekurbelt – und er brachte einen ganzen Eimer frischen Wassers mit herauf. Wasser, das Lebensnotwendig ist, klares, frisches Wasser. So ist Gottes Gnade – wie ein Eimer frischen Wassers zum Leben. Und dieser Brunnen steht mitten im Dorf, und er gibt uns allen ewig frisches Wasser, er ist die Quelle der Gnade. Gottes Gnade ist ewig und Heilung und Gutes können wir immer, früh wie spät, aus dem Brunnen herausholen. Gott ist wie der Brunnen immer zugänglich, er hat keine Sprechstunden.

Die nächste Strophe fragt, was wir haben, ohne dass Gott, der Vater, es uns gibt. In den weiteren Strophen wird vieles aufgezählt: Nahrung, Schutz, Leben, Frieden, Beistand, Vergebung, Gebetserhörung, Gott ist gegenwärtig, wenn ein Christ weint; und: führst uns in des Himmels Haus, / wenn uns die Erd entgeht. Das ganze Leben des Glaubenden steht in Gottes Hand. Nichts ist ausgenommen.

In den Strophen 13 und 14 wird erklärt, warum Gott des Herzens Lust ist:

Wohlauf mein Herze,
sing und spring
und habe guten Mut!
Dein Gott, der Ursprung aller Ding,
ist selbst und bleibt dein Gut.

Er ist dein Schatz, dein Erb, dein Teil,
dein Glanz und Freudenlicht, dein Schirm und Schild,
dein Hilf und Heil,
schafft Rat und lässt dich nicht.

Die größte Gabe – Gott selbst ist das Gut. Es ist nicht etwas, das er alles dem Menschen schenkt, an Nahrung, Schutz, Leben, Frieden, Beistand, sondern Gott schenkt sich selbst. Er selbst ist das, was die nächste Strophe beschreibt. Wie es im Psalm 73 heißt: „Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.“ Der Mensch wird also vom HabenWollen, damit es ihm gut geht, auf Gott als alleiniges zentrales Gut verwiesen. Wer Gott hat, braucht nicht mehr – oder anders gesagt: Wer Gott hat, hat das Ganze, hat Alles.

In den letzten vier Strophen wird seelsorgerlich gefragt: Warum sich das Herz kränkt und grämt, es hat doch keinen Grund dazu, darum soll man sich in Gott machen lassen und hat dadurch Frieden und ewige Fröhlichkeit. Er spricht nicht über seine Sorgen, sondern spricht mit seinem herzen, seiner Seele und erinnert sie an Gottes Zusage und Handeln.

Paul Gerhardt hat viel Leid im Leben erfahren, von Jugend auf. Leid wird nicht verdrängt. Es ist da. Aber ihm ist von Gott bewusst, um die erste Strophe aufzugreifen, dass er sich von Gott tragen lassen kann. Auch wenn wir nicht alles von Gott wissen; Er trägt.

Und: Während die Singenden dem Herzen, der Seele das alles sagen, loben und preisen sie gleichzeitig Gott.

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