Paul Gerhardt: Geh aus, mein Herz, und suche Freud

Ich habe bislang zur Erinnerung an Paul Gerhardt, der vor 350 Jahren gestorben ist, ein paar Lieder angedacht: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/09/albern/ („Ich hab oft bei mir selbst gedacht“ und „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“); https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/08/ich-singe-dir/ („Ich singe dir mit Herz und Mund“); https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/07/befiehl-du-deine-wege/ („Befiehl du deine Wege“). Heute möchte ich das Lied andenken: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ (EG 503).

Dieses wunderbare Lied, „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“, dessen Text und Melodie wunderbar zusammen gehören, beginnt mit der Strophe (zitiert nach Wikipedia):

1. Geh aus / mein hertz / und suche freud
In dieser lieben sommerzeit
An deines Gottes gaben:
Schau an der schönen gärten zier
Und siehe / wie sie mir und dir
Sich ausgeschmücket haben.

Paul Gerhardt lebte in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Auch nach dem Krieg war das Leben in Dörfern und Städten vielfach zerstört. Marodierende Banden, Hunger, Seuchen, Verwahrlosungen haben die Blicke der Menschen gefesselt. Mit der ersten Strophe fordert Paul Gerhardt sein Herz auf, nicht bei diesen und anderen Übeln zu bleiben, sondern hinauszugehen, die Schönheit anzusehen. Die Gärten, die gesamte Natur hat sich nach dem Winter geschmückt. In den Strophen 2-7 beschreibt er seinem Herzen die rauschende, klingende, summende – und auch des Menschen jauchzende Welt. Die Schöpfung wird hier zum Animateur, zum Anstifter der Freude.

All das, was er wahrnimmt, animiert ihn selbst zu singen:

8. Ich selbsten kan und mag nicht ruhn /
Des grossen Gottes grosses thun
Erweckt mir alle sinnen /
Ich singe mit / wenn alles singt /
Und lasse / was dem Höchsten klingt /
Aus meinem hertzen rinnen.

Weil alles klingt, summt, singt, beginnt nun nach dem Beschreiben des Gesehenen und Gehörten, das Herz selbst zu singen. Das alles, was da klingt, summt, singt, entspringt Gottes großem Tun. Es klingt, summt, singt nicht aus sich heraus, sondern weil Gott dahinter steht. Und weil Gott dahinter steht, werden alle Sinne wach: die Augen, das Gehör, der Mund – aber auch die Nase, das Fühlen. Alles bringt mich in Bewegung, das überschäumende Leben lässt mich sozusagen mitvibrieren. So macht mein Herz mit – und ich unterdrücke das nicht. Ich lasse meinem fröhlichen Herzen einfach freien Lauf.

Die Strophen 9-11 weisen darauf hin, dass es im Garten Gottes, dem Paradies noch viel, viel schöner sein wird. Aber noch bin ich nicht da, sondern auf der Erde. Und so schreibt er in der 12 Strophe, das er auch hier auf der Erde singen, Gott loben möchte, auch wenn das Leben schwer fällt:

12. Doch gleichwol wil ich / weil ich noch
Hier trage dieses leibes joch /
Auch nicht gar stille schweigen /
Mein hertze soll sich fort und fort /
An diesem und an allem ort
Zu deinem lobe neigen.

Aber das geht nur mit Gottes Hilfe. Und so bittet er in der 13. Strophe um Gottes Geist, dass er helfe, in dem Lebensgarten gute Früchte zu bringen, das heißt, gute Werke zu tun, dem anderen Menschen zu helfen. Er führt das nicht aus, weil er weiß: Im Grunde des Herzens wissen alle, was das bedeutet, gute Glaubensfrüchte zu bringen.

Die Bitte geht in Strophe 14 weiter:

14. Mach in mir deinem Geiste raum /
Daß ich dir werd ein guter baum,
Und laß mich wol bekleiben[2] (Wurzeln treiben)/
Verleihe / daß zu deinem ruhm
Ich deines gartens schöne blum
Und pflantze möge bleiben.

Er bittet darum, ein guter Baum zu werden – aber bis es soweit ist, möchte er in Gottes Garten eine schöne Blume bleiben und zwar zu Gottes Ruhm. Er bittet nicht darum, Gottes schöne Blume zu werden – denn die ist er schon. Bis er, so schließt er in der 15. Strophe, von Gott in das Paradies geholt wird, um Gott ewig zu rühmen, ihm zu dienen.

*

Wir können sehen lernen. In allem Leiden, in allen Sorgen, angesichts aller Schmerzen können wir sehen lernen. Gott gibt so viel Schönes. Der Verstand muss jedoch das Gesehene dem Gefühl, der Seele, dem Herzen vermitteln: „Schau, mein Herz, lass dich von den Sorgen, Schmerzen, den Leiden nicht fesseln. Geh aus deiner Verkrümmung im Negativen, im Traurigen hinaus und sieh, wie wunderbar alles ist.“ Wenn wir dem Herzen das vermitteln, dann beginnt es ganz von selbst Gott zu loben, weil es erkennt: Die Welt besteht nicht nur aus Leiden, Sorgen, Schmerzen.

Paul Gerhardt lässt den Blick aber noch weiterschweifen. Nicht die Erde ist es, auch nicht die Schönheit der Erde ist es, die uns fesseln soll. Wir sollen nicht an der Erde kleben, sondern auf das schauen, was Gott uns Wunderbares auch nach diesem Leben bereitet. Wir selbst können es jedoch nicht aus eigener Kraft. Die Fesseln der Sorgen, des Leidens, des Schmerzes sind oft zu groß. So müssen wir Gott selbst bitten unser Herz – aber auch unseren Verstand, unseren Geist – zu öffnen.

Mir hat es das Bild von der Blume angetan: Paul Gerhardt bittet Gott nicht, wie wir sahen, eine schöne Blume in Gottes Garten zu werden, sondern zu bleiben. Wir haben hier eine Formulierung vor uns, die erstaunlich modern klingt: Ich bin ich – ich bin nicht nur verletzt, zerstört, verängstigt, ich bin schön. Warum bin ich schön? Weil ich Gottes Blume bin. Und so lange ich Gottes Blume bin, weiß ich, dass ich schön und wertvoll bin!

Und so dürfen wir überlegen und fragen: Als welche schöne Blume sehe ich mich in Gottes Garten?