Paul Gerhardt: Gott Lob! Nun ist erschollen

Ich habe bislang zur Erinnerung an Paul Gerhardt, der vor 350 Jahren gestorben ist, ein paar Lieder angedacht: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/09/albern/ („Ich hab oft bei mir selbst gedacht“ und „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“); https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/08/ich-singe-dir/ („Ich singe dir mit Herz und Mund“); https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/07/befiehl-du-deine-wege/ („Befiehl du deine Wege“). https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/10/geh-aus-mein-herz-und-suche-freud-2/ („Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ – EG 503). Ebenso das Lied: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/11/paul-gerhardt-o-haupt-voll-blut-und-wunden/ (O Haupt voll Blut und Wunden – EG 85) und https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/12/paul-gerhardt-auf-auf-mein-herz/ (Auf, auf, mein Herz mit Freuden – EG 112) und: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/13/paul-gerhardt-herr-der-du-vormals-hast-dein-land/ („Herr, der du vormals hast dein Land“ – EG 283) und: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/15/paul-gerhardt-nun-ruhen-alle-waelder/ (Nun ruhen alle Wälder – EG 477). Und: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/17/paul-gerhardt-ist-gott-fuer-mich/ (Ist Gott für mich, so trete… – EG 351)

Nach dem Dreißigjährigen Krieg (dem Westfälischen Frieden, 1648) war der Krieg noch lange nicht vorbei, denn marodierende Banden, arbeitslose Söldner, überzogen das Land mit Schrecken. Paul Gerhardt konnte das Ausmaß jedoch noch nicht wissen, aber er vermutet es. Das vermutet er vermutlich aus zweierlei gründen: aus Erfahrung mit den vorangegangenen Jahren und aus theologischen Gründen, wie zu sehen sein wird. Erst einmal ist er aber froh und dankbar, dass die Herrscher sich auf Frieden geeinigt haben.

1. Gott Lob! Nun ist erschollen
das edle Fried- und Freudenwort,
dass nunmehr ruhen sollen
die Spieß und Schwerter und ihr Mord.
Wohlauf und nimm nun wieder
dein Saitenspiel hervor,
o Deutschland, und sing Lieder
im hohen vollen Chor.
Erhebe dein Gemüte
zu deinem Gott und sprich:
Herr, deine Gnad und Güte
bleibt dennoch ewiglich!

Gott hat den Krieg beendet. Frieden ist nun angesagt. Nicht Diplomaten haben diesen erreicht, sondern er ist Folge der Gnade Gottes. Aber was tun die Menschen? Friede ändert den Menschen nicht automatisch, weil er Sünder ist. Darum mahnt Paul Gerhardt zur Buße. Jetzt aber ist erst einmal der Frieden da und es zeigt sich, was es bedeutet, dass Gott noch handelt, trotz der Bosheit der Menschen. Im Frieden, der eine Gabe Gottes ist, hat Gott das Heil und das Glück verborgen – wer jetzt gegen den Frieden agiert, schadet sich selbst, richtet sich zugrunde:

3. … der drückt sich selbst den Pfeil
des Herzleids in das Herze
und löscht aus Unverstand
die güldne Freudenkerze
mit seiner eignen Hand.

Überall ist erkennbar, was dieser schlimme Krieg mit sich gebracht hat:

4. Das drückt uns niemand besser
in unser Seel und Herz hinein
als ihr zerstörten Schlösser
und Städte voller Schutt und Stein;
ihr vormals schönen Felder
mit frischer Saat bestreut,
jetzt aber lauter Wälder
und dürre wüste Haid;
ihr Gräber voller Leichen
und blutgen Heldenschweiß,
der Helden, derengleichen
auf Erden man nicht weiß.

Gott gibt nun den Menschen wieder eine neue Chance, er will den Menschen durch die Erkenntnis der Zerstörung dazu erziehen, zu erkennen, dass er Gutes tun soll. Anders gesagt: Kriege können den Menschen zu der Erkenntnis seiner Sünde und zur Buße führen.

Paul Gerhardt schließt mit der Strophe:

6. Ach, lass dich doch erwecken,
wach auf, wach auf, du harte Welt,
eh als das harte Schrecken
dich schnell und plötzlich überfällt!
Wer aber Christum liebet,
sei unerschrocknes Muts,
der Friede, den er gibet,
bedeutet alles Guts.
Er will die Lehre geben:
Das Ende naht herzu,
da sollt ihr bei Gott leben
in ewgem Fried und Ruh. (1)

*

Es ist immer großartig, wenn Menschen sich überhaupt dazu durchringen, Frieden haben zu wollen. Dieses „Wollen“ ist Bedingung und Anfang dafür, einen Krieg, eine Auseinandersetzung zu beenden, Versöhnung anzustreben. Aber all das ist Gottes Geschenk, ist Gottes Gabe, denn der Mensch als Sünder ist gar nicht in der Lage, von sich aus Frieden zu erstreben und herbeizuführen. Kriege bieten Menschen jedoch die Möglichkeit, sich des eigenen grausamen Tuns bewusst zu werden, fordern Selbsterkenntnis und daraus folgende Buße. Daraus folgt wieder der Wille, die neue Chance, Gutes zu tun. Das muss dem Menschen als Sünder allerdings erst gesagt werden, und das macht Paul Gerhardt durch das Lied. Denn Menschen kommen aufgrund ihres Sünderwesens gar nicht auf den Gedanken, dass all dem so ist. Im Grunde ist es Gott, der das als eine Art Geschichts-Gesetz (traditionell gesagt: Gottes Weltregierung, die Vorsehung) festgelegt hat.

Der Mensch ist jedoch so gestrickt, dass er mit Blick auf Frieden und Gutes tun kurzsichtig ist. Und so kommt der harte, strenge Schrei von Paul Gerhardt:

Ach, lass dich doch erwecken,
wach auf, wach auf, du harte Welt.

Der Schrecken kann schnell wiederkommen, wenn der Mensch sich nicht an Gottes Regeln hält. Auch dann, wenn der Mensch wieder in sein grausames Handwerk zurückkehrt, Städte zerstört, Felder verheert, Dürre und Leichen hinterlässt:

Wer aber Christum liebet,
sei unerschrocknes Muts,
der Friede, den er gibet,
bedeutet alles Guts.

Und das bis ins ewige Leben, in dem der Mensch ewigen Frieden und Ruhe bekommt. Bis es soweit ist, wird der Mensch zerstören, Gott gibt ihm eine neue Chance, der Mensch freut sich über den Frieden, er wird dem Willen Gottes aber nicht gerecht, es gibt wieder Krieg. Dieser Spirale ist der Glaubende nicht dadurch entnommen, dass er auf einmal ein wunderbar friedenswilliges Wesen wird, sondern weil Christus sein Friede ist. Der äußere Friede ist immer gefährdet. Der innere Friede – der Friede Christi – bleibt. Während die Versöhnung der Menschen untereinander brüchig ist, kann der Glaubende aus der Versöhnung mit Christus friedvoll leben. Somit endet das Lied nicht mit dem Blick auf den Westfälischen Frieden, sondern auf den ewigen Frieden, den Christus schenkt.

*

(1) Zitiert nach: https://www.velkd.de/schwerpunkte/liturgie/kirchenmusik/paul-gerhardt/lieder-von-paul-gerhardt/gott-lob-nun-ist-erschollen/

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