Paul Gerhardt: Auf, auf, mein Herz

Ich habe bislang zur Erinnerung an Paul Gerhardt, der vor 350 Jahren gestorben ist, ein paar Lieder angedacht: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/09/albern/ („Ich hab oft bei mir selbst gedacht“ und „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“ – beide nicht im Gesangbuch); https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/08/ich-singe-dir/ („Ich singe dir mit Herz und Mund“ – EG 324); https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/07/befiehl-du-deine-wege/ („Befiehl du deine Wege“ – EG 361), https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/10/geh-aus-mein-herz-und-suche-freud-2/ („Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ – EG 503). https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/11/paul-gerhardt-o-haupt-voll-blut-und-wunden/ (O Haupt voll Blut und Wunden – EG 85). Heute möchte ich ein Osterlied vorstellen: „Auf, auf, mein Herz, mit Freuden“ (EG 112).

Christliche Feste sind Vergegenwärtigungsfeste. Das heißt: Weihnachten beschenkt uns Gott mit sich selbst – wir vergegenwärtigen dieses Großereignis mit dem Nachspielen von Krippenspielen, dem einander Beschenken. Paul Gerhardt formuliert das in seinem Weihnachtslied „Ich steh an deiner Krippen hier“ (EG 37) oder: „Fröhlich soll mein Herze springen“ (EG 36). Karfreitag vergegenwärtigen wir uns des Sterbens Jesu – wir sind still, denken über das nach, was Jesus erlitten hat. Paul Gerhardt hat das mit dem Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“ (EG 85), aber auch mit dem Lied: „O Welt, sieh hier dein Leben am Stamm des Kreuzes schweben, dein Heil sinkt in den Tod“ (EG 84) nachvollziehbar werden lassen. Diese Vergegenwärtigung finden wir auch in dem Osterlied: „Auf, auf, mein Herz, mit Freuden“ (EG 112). Christen überspringen mit ihrem Glauben die Jahrtausende und gehen in die Zeit zurück, in der Jesus lehrte, litt, starb und auferweckt worden ist. Besser gesagt: Das, was damals geschah, bricht ein in unsere Zeit, Gott kommt in unsere Gegenwart und lässt uns heute nicht allein. Und so ist ja auch eine Predigt, der ein biblischer Text zugrunde liegt, eine Brücke, die damals und jetzt miteinander verbindet, bzw. stärker, die damals mit der Gegenwart verknüpft. Wie die Menschen um Jesus Christus, so stehen wir um Jesus Christus.

Und so erleben wir jetzt die Auferstehung mit.

1. Auf  auf, mein Herz, mit Freuden
nimm wahr, was heut geschicht;
wie kommt nach großem Leiden
nun ein so großes Licht!
Mein Heiland war gelegt
da, wo man uns hinträgt,
wenn von uns unser Geist
gen Himmel ist gereist.

Unser Herz wird aufgefordert, unser Wesen, unsere Seele wird aufgefordert, wahrzunehmen, was wirklich geschehen ist. Heute geschehen ist. Das träge Herz muss vom Wort Gottes, das ihm gesagt wird, erst geweckt werden. Es schläfert so vor sich hin, ist vielleicht traurig angesichts der schlimmen Erlebnisse, ist gefesselt, gefangen von den Erfahrungen von Verrat, dem Sterben geliebter Menschen, dem Tod, der in Kriegszeiten überall heftig zuschlagen kann. Auf, auf, mein, Herz, mit Freuden! Warum soll es aufspringen? Was geschieht heute, dass diese so muntere, fröhliche, ja tanzende Aufforderung kommt?

Nicht der Heiland war gelegt, sondern:

Mein Heiland war gelegt
da, wo man uns hinträgt,
wenn von uns unser Geist
gen Himmel ist gereist.

In dieser ersten Strophe ist schon alles angelegt. Das gesamte Lied ist springende, singende Siegesfreude – weil Jesus auferstanden ist, werden wir auferstehen. Es ist gewiss. Es gibt keine Zweifel. Und weil das so gewiss ist, lasse ich mich von der Welt mit all ihrem Getümmel, all ihrem Zorn, all ihrem Toben nicht einschüchtern. Das Leiden wird durchschritten zum Sieg:

6. Die Welt ist mir ein Lachen
mit ihrem großen Zorn,
sie zürnt und kann nichts machen,
all Arbeit ist verlorn.
Die Trübsal trübt mir nicht
mein Herz und Angesicht,
das Unglück ist mein Glück,
die Nacht mein Sonnenblick.

Es ist ein wunderbares Lied. Von Anfang bis Ende. Es ist ein Lied, das Übles nicht verschweigt, aber alles Schlimme – bis hin in den Tod – als Vergängliches darstellt. Unvergänglich ist nur das Leben, das Jesus Christus schon jetzt in allem Vergehen, allen Unsicherheiten bereiten wird, selbst dann, wenn wir gestorben sind. Weil Jesus Christus lebt, lässt der Tod zwar leiden, aber er verliert seinen Schrecken. Wie also die Vergegenwärtigung unserem modernen Denken weitgehend aus der Erinnerung entwischt ist, so ist auch dieser Gedanke sonderbar:
Alles vergeht –
nur das Leben nicht,
das Jesus Christus schenken wird.
Wir vergehen –
nur unser Leben nicht,
das Jesus Christus uns krönend schenken wird.

*

Hinweisen möchte ich noch auf die zweite Strophe. Da ist von einem Fähnlein die Rede, das Jesus Christus als Siegesfahne schwingt. Was ist das für eine Fahne, an die Paul Gerhardt denkt? Auf vielen Auferstehungsbildern finden wir sie gezeichnet: Es ist das rote Kreuz auf weißen Grund. Häufig getragen von einem Lamm, also dem Symbol für den getöteten Jesus Christus.

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