
Dass die Predigt mit Gebet die zwei Seiten einer Medaille sind, ist Teil der alten Predigtlehre. Beten – über den Bibeltext nachdenken – ihn mit dem Alltag verknüpfen ist die altbewährte Vorgehensweise. Beten steht aber nicht nur am Anfang, sondern das Nachsinnen und das mit dem Alltag verknüpfen sind drei miteinander verwobene Tätigkeiten. Es geht also nicht nur um ein Stoßgebet zu Beginn – sondern das Gebet ist ein Sich-Öffnen lassen von Gott für die Wahrnehmung Gottes.
Predigten sind Gottes Wort – sie sind nicht arrogante Belehrungen, die der Prediger gibt, weil er einen Lehrerberuf nicht ausüben kann. Prediger sind keine Erwachsenenerzieher, der die Erwachsenen in seine Weltanschauung hineinziehen möchte. Predigten sind Gottes Wort – und somit stellt sich der Prediger demütig unter Gott. Er möchte Gottes Geist wirken lassen – des Geistes, dem auch der Text zu verdanken ist. Und so ist der Prediger derjenige, der als erster „seine“ Predigt hört. Er ist derjenige, der von seiner Predigt korrigiert wird, getröstet wird, neu ausgerichtet wird.
Der Prediger muss seine Predigt verantworten – gleichzeitig ist Gott für die Predigt, die im genannten Sinne gestaltet wird, verantwortlich. Das entlastet, wir müssen keine perfekte Rede halten – denn das ist die Predigt nicht, eine perfekte Rede. Gott weiß, was die Menschen benötigen, die vor dem Prediger sitzen. Manchen wird das Herz geöffnet, manche verschließen sich oder hören sie in dem Wissen: Vielleicht ist das jetzt kein Wort für mich – aber einem anderen Menschen hilft die Predigt. Im Grunde müssen auch Hörer sich der Predigt betend zuwenden. Das versucht die Liturgie ja formalisiert zu gestalten.
Weil Gott weiß, was die Menschen benötigen, gilt das auch für vom Prediger aufgeschriebene und vorgelesene Predigten.
