
Ich habe bislang zur Erinnerung an Paul Gerhardt, der vor 350 Jahren gestorben ist, ein paar Lieder angedacht: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/09/albern/ („Ich hab oft bei mir selbst gedacht“ und „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“ – beide nicht im Gesangbuch); https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/08/ich-singe-dir/ („Ich singe dir mit Herz und Mund“ – EG 324); https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/07/befiehl-du-deine-wege/ („Befiehl du deine Wege“ – EG 361), https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/10/geh-aus-mein-herz-und-suche-freud-2/ („Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ – EG 503). https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/11/paul-gerhardt-o-haupt-voll-blut-und-wunden/ („O Haupt voll Blut und Wunden“ – EG 85). Das Osterlied https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/12/paul-gerhardt-auf-auf-mein-herz/ („Auf, auf, mein Herz, mit Freuden“ – EG 112).
Heute betrachte ich das Lied: „Die güldne Sonne“ (EG 449). Welch eine Fülle an Gedanken durchströmt dieses Lied.
Die Sonne geht auf, sie beleuchtet lieblich und herzerquickend unsere Heimat („Grenzen“). Auch ich stehe auf, bin munter und mein Blick geht zum leuchtenden Himmel. Dankbarkeit erfüllt mich: Ich lag darnieder – nun steh ich munter und fröhlich.
Beides haben wir hier: die physische Sonne und den Übergang zum Licht Gottes. Ich stehe also auf, schaue den Himmel – zugleich aber auf die Schöpfung. Und die Schöpfung belehrt mich über die Größe Gottes. Gleichzeitig weitet sich der Blick über das Irdische hinaus auf den Frieden, den Verstorbene bekommen werden. All das führt Paul Gerhardt dazu, alle Menschen, alle Kreaturen aufzufordern zu singen, denn das ist es, was Gott gefällt. Die Sorgen – die überlassen wir Gott. Wir richten unsere Sinne auf Gott. Alles Böse, alle Versuchungen möge Gott selbst vertreiben, damit ich Gottes Gebote tun kann. Es folgen Aufzählungen dessen, was gegen Gottes Gebot gerichtet ist:
6. Lass mich mit Freuden
ohn alles Neiden
sehen den Segen,
den du wirst legen
in meines Bruders und Nähesten Haus.
Geiziges Brennen,
unchristliches Rennen
nach Gut mit Sünde,
das tilge geschwinde
von meinem Herzen und wirf es hinaus.
Es folgt eine kluge Weisheitsbeobachtung. Das alles (Neid, Habgier, unchristliches Rennen) widerspricht nicht nur Gottes Gebot, sondern es ist auch alles vergänglich. Sobald ich sterbe, vergeht alles. Selbst Erde und Himmel werden wieder das, was sie vor der Erschaffung waren: Sie werden nicht mehr existieren, so wie wir sie kennen. Sie waren allein in Gottes Willen und Wort beschlossen. Die gesamte Schöpfung kollabiert, wie der Mensch. Wenn ich mein Sinnen auf Materielles richte – richte ich es im Grunde auf: Nichts. Alles Erschaffene vergeht – nicht aber Gott. Gott allein ist ewig. Darauf gründet mein Glaube und Vertrauen.
8. Alles vergehet,
Gott aber stehet
ohn alles Wanken;
seine Gedanken,
sein Wort und Wille hat ewigen Grund.
Neben Gottes Gedanken, Wort und Wille hat auch seine Gnade, sein Heilswille für uns ewigen Bestand. Mir bleibt als Mensch die Aufgabe, Gott um Vergebung zu bitten und mich ganz in Gottes Hand zu legen. Gibt er mir Gutes, höre ich im Herzen das vom Heiligen Geist gesprochene Wort – und ich spreche auch das heilige Wort des Geistes aus:
10. … „Gott ist das Größte,
das Schönste und Beste,
Gott ist das Süßte
und Allergewisste,
aus allen Schätzen der edelste Hort.“
Gott ist das Größte, Schönste und Beste – keine Philosophie ist es, kein materieller Besitz. Gott ist es.
Geht es mir schlecht, dann nehme ich auch das aus Gottes Hand, denn er weiß, was gut für mich ist. Die Stürme werden ein Ende haben. Und was für Stürme Paul Gerhardt erlebt hat – nicht nur er, sondern die Menschen im Dreißigjährigen Krieg. Wie viele andere auch starben seine Kinder, nur ein Sohn überlebte ihn, seine Frau starb, als Jugendlicher musste er erleben, dass seine Eltern starben – er wurde dann mit seinem Bruder in einem Internat untergebracht, seine Schwestern bei Verwandten – zum Teil herumgereicht. Der Tod war allgegenwärtig durch marodierende Banden und Seuchen.
Dann kehrt das Gedicht wieder zum Anfang zurück und zeigt uns, dass die „güldne Sonne“ metaphorisch bzw. besser: als Gleichnis zu verstehen war:
12. Kreuz und Elende,
das nimmt ein Ende;
nach Meeresbrausen
und Windessausen
leuchtet der Sonnen gewünschtes Gesicht.
Freude die Fülle
und selige Stille
wird mich erwarten
im himmlischen Garten
dahin sind meine Gedanken gericht.
Geht es in dem Lied zunächst um den Lauf der Sonne, um den Tagesablauf, so geht es doch sehr schnell über in ein Lied, das einen Lebensweg beschreibt, einen gelungenen Lebensweg. Der Lebensweg ist gelungen, wenn ich an das Ziel angelangt bin, auf das meine Gedanken ausgerichtet waren: Die „güldne Sonne“ weckte mich auf der Erde aus dem Schlaf – und die güldene Sonne Gottes wird mich nach diesem an Gott ausgerichteten Leben aus der Erde aus dem Tod wie einem Schlaf wecken. Dann sehe ich Gottes Gesicht und mich erwartet die Fülle der Freude, selige Stille, der himmlische Garten. Das ist es, woran ich bei allem Erdengetümmel denke, worauf ich ausgerichtet bin, worauf mein Denken und Leben ausgerichtet ist.
Paul Gerhardt verknüpft die Natur, die Schöpfung Gottes mit dem Glauben. Die Schöpfung wird Gleichnis für das Verhältnis zu Gott. Gleichzeitig weist er aber darauf hin, dass der sonnige Morgen ein Grund ist, dankbar aufzustehen, dankbar zum Himmel/zu Gott aufzusehen, dankbar die gesamte Schöpfung wahrzunehmen. In aller Not, trotz des vor Augen stehenden Todes, ist wichtig: Sehen können, wahrnehmen können, hinter der Schöpfung das Eigentliche sehen können. Das können wir bei Paul Gerhardt lernen.
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