Maler 87: Fidus

Gestern hatte ich Diefenbach. Sein Schüler Fidus (Hugo Höppener; 1868-1948) wurde ebenfalls berühmt. Er war ein so genannter Lebensreformer. Vegetarier, Anhänger der Freikörperkultur und Bodenreform, Pazifist, anfällig für Ideologien, Theosophie-Esoterik, Licht- und Naturreligion, dem Anarcho-Sozialismus, dann dem Nationalsozialismus usw. Er war ein sehr bekannter Maler, illustrierte auch Bücher. Sogar der Vorwärts hatte ein Titelblatt von ihm 1905. Wer was auf sich hielt, modern und freizügig war, der wanderte zu seinem Meister in dessen Atelier. Aber dann, nach 1918 war er nicht mehr so aktuell. Und er suchte Kontakte zu den neuen Machthabern und biederte sich an, weil er ideologische Verwandtschaft erkannte. Zudem: Er brauchte Geld und Anerkennung. Die aber mochten ihn nicht so recht, er war ihnen zu verkitscht. Bormann, einer der mächtigsten Männer im NS-Staat, mochte aber dennoch so manches Bild und erwarb sie. So auch das berühmte „Lichtgebet“ – mit seiner Runensymbolik. Und so wurde er 1943 zu einem Honorarprofessor ernannt, obgleich er auf die Herrschern nicht mehr ganz so gut zu sprechen war, sie hatten seine Mappen beschlagnahmt und den verkauf von Drucken verboten. Um Nahrungsmittel zu bekommen, malte er nach dem Krieg kommunistische Größen, z.B. Stalin, wie während der nationalsozialistischen Zeit Hitler. Er wurde Freireligiöser und wählte CDU.

Ich beschreibe – anders als meine anderen Darstellungen von Malerinnen und Malern – die Biografie mit Hilfe von Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Fidus so ausführlich, weil ich sie spannend finde.

Was ich mich freilich frage: Hat er nichts von den Gräueltaten mitbekommen? Verdrängt, ignoriert, in Kauf genommen, weil sie seiner träumerischen Sicht von Welt entgegenstanden? Hat er sie mitbekommen, aber aus seiner völkischen Sicht akzeptiert? Das sind rhetorische Fragen, denn er muss ja als Mitglied der Reichskulturkammer so manche Entfernung Andersdenkender und aus nationalsozialistischer Sicht Rassefremder mitbekommen haben. Wurde geträumte Kunst wichtiger als der reale Mensch? Eine andere Frage, die sich freilich ein Geschichtsinteressierter nicht stellen darf: Was wäre, wenn die Nationalsozialisten ihn anerkannt und finanziert hätten – welche Wege hätte er dann eingeschlagen? War seine Weltanschauung ein Herumspringen in den Weltanschauungen seiner Zeit oder entwickelte er sich auch hin zum völkischen, nationalsozialistischem Denken? Aber das scheint schon kurz nach 1900 gewesen zu sein, denn er hat sich laut dem genannten Artikel von einer Frau getrennt, weil sie ihm zu jüdisch gewesen sei.

Elemente der Lebensreform verschwammen mit der völkischen Bewegung, Naturkult, Germanentum, Gefühl. Und so fügten sich Bilder von Fidus gut in die Zeit ein, allerdings war sie inzwischen schon aggressiver geworden: Verlust des Ersten Weltkriegs, Traumatisierungen durch den Krieg, die katastrophale wirtschaftliche Lage führten zu einer Politisierung der Menschen und zum Überlebenskampf. Menschen, die für Licht, Natur und Nacktheit schwärmten, wandten sich anderen politischen Realitäten zu und anderen Messiassen. Diese waren freilich nicht so weltfremd, sondern führten sie in die Hölle des Krieges.

Trotz dieser politischen und weltanschaulichen Eskapaden scheint er sich doch weitgehend treu geblieben zu sein. Er hatte seine Grundlage – und von dieser aus suchte er sich in allen möglichen gesellschaftlichen Strömungen einzubringen. Die Grundlage seiner Sicht: Es gibt keine Kleider – alle Menschen sind so gemalt, wie Gott sie schuf – freilich sind mir nur Bilder bekannt, die dem Schönheitsideal des Malers entsprechen. Kindhaft-Jugendlich, blond und super-schlank, zum Teil androgyn, miteinander in vielen Posen oder allein, sozusagen gebadet in der Natur. Ob diese kleiderfreien Körper immer nur mystisch oder mythisch zu interpretieren sind, nun denn, ist wohl Ansichtssache. Jugendstil ist so seins, Blumen, Symbole, Theatralik. Wie bei vielen Malern, die ich beschrieben habe, geht es ihm um die Sehnsuchtswelt Natur und nicht um die reale Welt mit der Technik. Ihm ist der „reine“ Körper wesentlich – und was ist mit dem Geist? Der freilich lässt sich schlecht malen, aber der Geist des Malers lässt doch einiges durchblicken. Gemeinschaft spielt eine Rolle, Individualismus nur insofern, als der Mensch als Lichtgestalt Teil der Natur wird.

Auch das Bild zum „Kongress für biologische Hygiene“ von 1912, in dem es auch um Eugenik ging, zeigt einen kräftigen leicht geschürzten, nordischen Mann, der seine Fesseln sprengen will, mit weit aufgerissenen Augen hinauf blickend zu dem „Weihnachtsstern“. In dessen Schweif er schon lebt. Wenn er sich von der Kette befreit hat und aufsteht, hat er den besternten Himmel vollends erreicht. Hier geht alles ineinander über: nordischer Körper, Natur, Licht.

Auch wenn Bilder Kreuze beinhalten, Phantasietempel wiedergeben – es hat nichts mit dem christlichen Glauben zu tun. Er greift christliche und andere Symbolik auf, um seiner Gefühlsreligion Ausdruck verleihen zu können. Er war Künder einer spirituellen Wahrheit, ein Künstlerprophet mit Erlösungsfantasien – durch Natur, Licht, Nacktheit, Kosmos, Gemeinschaft der durchlichteten Menschen.

Das haben seine Bilder gekonnt und tun es wahrscheinlich noch immer: Viele Menschen ansprechen, denn er hat es verstanden, seine Träume zu malen, die vermutlich auch die Träume vieler anderer Menschen sind. Träume von einer freien Welt im Spüren anderer Menschen und der Natur. Aber führen solche Träume heute zu denselben politischen Vorstellungen wie damals – oder können aus denselben Sehnsüchten andere politische Antworten gegeben werden?

Viele Bilder auch hier: