Paul Gerhardt: Ist Gott für mich

Ich habe bislang zur Erinnerung an Paul Gerhardt, der vor 350 Jahren gestorben ist, ein paar Lieder angedacht: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/09/albern/ („Ich hab oft bei mir selbst gedacht“ und „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“); https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/08/ich-singe-dir/ („Ich singe dir mit Herz und Mund“); https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/07/befiehl-du-deine-wege/ („Befiehl du deine Wege“). https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/10/geh-aus-mein-herz-und-suche-freud-2/ („Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ – EG 503). Ebenso das Lied: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/11/paul-gerhardt-o-haupt-voll-blut-und-wunden/ (O Haupt voll Blut und Wunden – EG 85) und https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/12/paul-gerhardt-auf-auf-mein-herz/ (Auf, auf, mein Herz mit Freuden – EG 112) und: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/13/paul-gerhardt-herr-der-du-vormals-hast-dein-land/ („Herr, der du vormals hast dein Land“ – EG 283) und: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/15/paul-gerhardt-nun-ruhen-alle-waelder/ (Nun ruhen alle Wälder – EG 477).

Heute möchte ich das Lied: Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich (EG 351) andenken.

Dieses Lied ist eine Predigtmeditation zu einer Stelle aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer (8,31-39). Es handelt sich um ein Jesuslied, das seinesgleichen sucht.

Wer Gott zum Freund hat, dem kann im Grunde kein Mensch wirklich schaden; kein Widersacher kann das – und mögen sie auch als Rotte auf ihn zukommen. Gott selbst steht ihm bei zur Rechten, als Verteidiger, er dämpft die Angriffe und das, was ihm Schmerzen bereiten möchte.

Worauf basiert dieses Wissen? Denn es ist kein Vermuten mehr, es wird sicher und kraftvoll, ja triumphierend ausgesprochen: Der Grund ist Jesus Christus, sein Sterben für mich, seine Liebe zu mir. Ohne Christus würde er vor Gott vergehen, aber Christus ist in ihm und darum darf er vor Gott stehen, darf er sich der Hilfe Gottes gewiss sein. (Strophen 5+6:) Christus hat ihn rein gemacht, von Sünde befreit. Und darum, so schreibt Paul Gerhardt, darf er kein Gottesgericht scheuen, weil Christus das Gottesgericht bereits getragen hat. Wenn er es also täte, Angst haben vor Gottes Gericht, würde er das liebevolle Handeln Jesu nicht ernst nehmen. Er widerspräche somit Gottes Tun und fiele wieder in das von Angst geprägte Sünderdasein zurück. Er darf kein Gottesgericht scheuen, weil er durch Jesu Blut vor der Hölle bewahrt wurde – und er geht in der 6. Strophe über in die Menschenwelt (auch mit Paulus): kein Urteil der Menschen schreckt ihn, betrübt ihn – denn Christi Flügel bedecken, bewahren ihn (beachte: Nun ruhen alle Wälder: 477:6). Vor der Hölle muss der Christ genauso wenig Angst haben wie vor dem Urteil anderer Menschen, der Verurteilung durch andere Menschen. (Vgl. auch Paulus 1. Korintherbrief 4.)

In der vierten Strophe formulierte Paul Gerhardt, dass Jesus in ihm wohnt. Das vertieft er in der siebten Strophe:

7. Sein Geist wohnt mir im Herzen,
regiert mir meinen Sinn,
vertreibet Sorg und Schmerzen,
nimmt allen Kummer hin,
gibt Segen und Gedeihen
dem, was er in mir schafft,
hilft mir das Abba schreien
aus aller meiner Kraft.

Hier greift er eine weitere Aussage aus dem Römerbrief auf – und führt das in der 8. Strophe fort. In der Schreckenszeit ist es der Geist Gottes selbst, der in dem Beter betet, mit unaussprechlichem Seufzen. Er betet nicht nur angesichts der Schrecken, sondern er tröstet auch mit Blick auf die neue Stadt, die Gott erbaut hat, in die er nach dem Sterben hineingehen wird. Noch aber ist es nicht soweit und so durchleuchtet „mein Jesus“ alle Tränen, alles Leid.

Die Strophen 11 und 12 (EG – ursprünglich: 13 und 14) greifen eng die Paulusaussagen auf, allerdings mit Blick auf seine Zeit des Dreißigjährigen Krieges:

13 (EG 11) Die Welt, die mag zerbrechen,
du stehst mir ewiglich;
kein Brennen, Hauen, Stechen (1)
soll trennen mich und dich.
Kein Hunger und kein Dürsten,
kein Armut, keine Pein,
kein Zorn der großen Fürsten
soll mir ein Hindrung sein.

14 (EG 12) Kein Engel, keine Freuden,
kein Thron, kein Herrlichkeit,
kein Lieben und kein Leiden,
kein Angst und Fährlichkeit,
was man nur kann erdenken,
es sei klein oder groß:
der keines soll mich lenken
aus deinem Arm und Schoß.

Dass Paul Gerhardt einmal in einen schweren Konflikt mit dem Herrscher, dem „Thron“ geraten würde, ahnt er vermutlich noch nicht. Der Konflikt wird so stark sein, dass er seine Pfarrstelle verliert, dass er ein paar Jahre ohne Unterhalt sein wird, nur unterstützt von Freunden, ebenso wird er seine Frau und fast alle Kinder verlieren.

Es liegt nahe anzunehmen, dass er in diesen sehr schlimmen Jahren häufiger an dieses sein Lied erinnert wurde, vielleicht sogar von diesem getragen wurde.

Christus hat den Dichter wie alle, die das Lied singen („ich“ / „mich“), aus Liebe gerecht gemacht, vom Gericht befreit; mit seinem Geist wohnt er in mir, trägt mich durch Schrecken hindurch, stärkt mich angesichts der Menschen, durch die der Satan wirkt. Und darum kann der große Triumpf folgen:

15 (EG 13) Mein Herze geht in Sprüngen
und kann nicht traurig sein,
ist voller Freud und Singen,
sieht lauter Sonnenschein.
Die Sonne, die mir lachet,
ist mein Herr Jesu Christ;
das, was mich singen machet,
ist, was im Himmel ist.

*

Es ist ein Trauerspiel, dass die Herausgeber des EG die ursprünglichen Strophen 11 und 12 gestrichen haben. Sie lauten:

11 (nicht EG) Wer sich mit dem verbindet,
den Satan flieht und hasst,
der wird verfolgt und findet
ein harte, schwere Last
zu leiden und zu tragen,
gerät in Hohn und Spott;
das Kreuz und alle Plagen,
die sind sein täglich Brot.

12 (nicht EG) Das ist mir nicht verborgen,
doch bin ich unverzagt.
Dich will ich lassen sorgen,
dem ich mich zugesagt.
Es koste Leib und Leben
und alles, was ich hab;
an dir will ich fest kleben
und nimmer lassen ab.

Wer zu Jesus Christus gehört, der muss damit rechen, vom Satan bekämpft zu werden, weil der Satan Jesus Christus hasst. Derjenige, der Christus folgt, wird auf vielfache Weise bekämpft werden: Verfolgung, Leiden, Hohn, Spott, Plagen – all das ist täglich zu ertragen. Selbst wenn es das Leben kosten sollte, er bleibt bei Jesus Christus, er bleibt an ihm kleben, lässt nicht von Jesus ab.

Es ist sehr zu bedauern, dass diese Strophen nicht übernommen wurden, denn diese Erfahrungen, die Christen weltweit machen müssen, können nicht einfach geleugnet werden. Es ist unverständlich, dass gerade auch nach den Erfahrungen nationalsozialistischer und kommunistischer Zeit diese Strophen nicht wieder übernommen wurden. Sie hätten viele stärken und trösten können. Nicht nur damals: auch heute. Ich möchte nicht spekulieren, warum diese gestrichen wurden. Sie waren auf jeden Fall schon in dem mir vorliegenden Gesangbuch von 1910 nicht aufgenommen worden. (2)

Diese Eingriffe zeigen letztlich, wie anstößig der ursprüngliche Text war. Paul Gerhardt schildert den Kampf des Glaubens und den Trost, den der Glauben schenkt, den der Geist Christi schenkt.
*

(1) Ausgabe Gesangbuch 1910: „Nicht Feur und Schwert der Frechen“.

(2) Schon in der Gesangbuchausgabe von 1910 wurden auch die Strophen 5 und 6 weggelassen. Anders gesagt: die Strophen 4+5 wurden gemischt, also Teile wurden weggelassen, Strophe 6 ganz. Zudem wurde auch in Wörter eingegriffen: In der Strophe 8 ist nicht mehr von Schrecken die Rede, sondern von Schwachheit. In einer Frankfurter Ausgabe (Gesangbuch für den öffentlichen Gottesdienst der evangelisch-protestantischen Gemeinden der freien Stadt Frankfurt, ohne Jahr; Anhang von 1867 – mir liegt vor die Ausgabe von 1877; der Hauptteil ist freilich viel älter) wird die 2. Strophe auch verändert. Wir singen heute:

2. Nun weiß und glaub ich feste,
ich rühm’s auch ohne Scheu,
dass Gott, der Höchst und Beste,
mein Freund und Vater sei
und dass in allen Fällen
er mir zur Rechten steh
und dämpfe Sturm und Wellen
und was mir bringet Weh.

In der Frankfurter Ausgabe lautet diese Strophe:

Wie ruhig und wie selig
bin ich in Gott als Christ!
Ich weiß und glaub es fröhlich,
daß er mein Vater ist,
der mir zu allen Zeiten
die Vaterhände reicht,
im Kampfe mir hilft streiten,
in Noth nicht von mir weicht.

Zudem wurde es in dieser Ausgabe vollkommen entpolitisiert und teilweise auch weiterhin gefühlig umgedichtet.