Jose de Ribera (1591-1652). Nachdem ich sehr viele Malerinnen und Maler und ihre Porträts vorgestellt habe (1), mit ihren wunderbaren Kleidern, der Schminke, den besonders gestalteten Haaren, dem bewundernswerten Interieur – gefallen mir die Bilder von Ribera besonders gut. Der Körper wird in harter Realität dargestellt. Wenn die Menschen hier Kleidung anhaben, dann eben praktische Kleidung, manchmal zusammengestückelt, alt und geflickt. Diese Porträts sind sehr beeindruckend. Es geht um die Abkehr von der traditionellen Form der SchönheitsMalerie hin zu einer anderen Form – der realistischen, sagen wir: AlltagsSchönheit, die keinen Wert auf Schönheit legt.
Ribera malt im Umfeld der katholischen Gegenreformation, und so lag es in der Zeit, Heilige nahbar, als normale Menschen zu malen. Viele Bilder bilden den asketisch-ausgemergelten, spärlich bekleideten Körpern ab. In seinen Gemälden, was auch besonders ist, sind es nicht Frauen, die Bücher lesen, hier sind es Männer, die mit Büchern / Rollen dargestellt werden bzw. schreibend. Alte weise Männer – wobei ich von den faltigen Gesichtszügen auf das Alter schließe, was aber freilich nicht notwendig ist. Es sind so manche Kirchenväter und Mönche aus christlicher Tradition darunter, auch Evangelisten in der asketischen Vorstellung des Malers, Propheten und Philosophen. Gemalt anhand von Modellen aus den unteren Schichten – die ehrlichen Gesichter, ungeschminkt, der Realität nah. Das bedeutet: Askese ist nicht einfach Armut, sondern selbst gewählte Armut, die spirituellen Mehrwert mit sich bringt – nicht nur Abkehr von Luxus, sondern auch Hinwendung zu Gott. Nicht der schöne Körper allein ist Tempel Gottes. Der ausgemergelte, alte, faltige, verwundete Körper ist es ebenso. So könnte die Botschaft des Malers lauten.
Wenn er Heilige und Philosophen mit den Models von der Straße malte – hat er auch die Menschen der Straße, die sich in den Bildern hätten wieder erkennen können, angesprochen? Sie dürften die Bilder selten gesehen haben – eher Geistliche und Mönche auch der franziskanischen Tradition. Ihr asketisches, entbehrungsreiches Leiden hat vor Gott Bedeutung. Die finanzierende Oberschicht könnte sich vielleicht in diesen asketischen Bildern spirituell wiedererkennen.
Übrigens sind auch zwei Männer mit Brillen zu sehen, einer mit Fernglas, einer mit Globus. Und das weist darauf hin, dass er auch höfische Gemälde malen kann. Sie weisen auch darauf hin, dass er Menschen malte, die sich für Wissenschaft, Gelehrsamkeit usw. interessierten. Ebenso sind einfache Leute lachend, verschmitzt gemalt worden. Vielfach auch: Memento Mori. Totenschädel. Es werden Männer und Frauen mit einem vor ihnen liegenden Totenschädel dargestellt, aber, so meine ich zu erkennen, die Frauen anders als die Männer. Heißt das: Frauen: Schönheit verändert sich; Männer: vom ungezwungenen Leben zur Buße? Dennoch stellt er die Frauen eher in der traditionellen Vorstellung von Schönheit dar. Ein Sänger, der Laute spielt und sichtbar ist ein aufgeschlagenes Liederbuch mit Noten. Er wurde auch beauftragt, ein „großes Wunder der Natur“ zu malen: Eine Frau mit starkem Bartwuchs, die ihr Kind stillt. Der Mann steht etwas im Hintergrund. Es erinnert auf den ersten Blick an die Heilige Familie, aber sofort denke ich: Ribera hat die Heilige Familie anders gemalt. Dennoch: es hat etwas Ikonografisches.
Motive sind neben den Porträts auch viele Geschichten aus der Bibel. Eindrücklich die an die Wand schreibende Hand aus dem Danielbuch. Auffällig ist aus moderner Sicht eines der Marienbilder, in dem Maria mit Sternenkranz (siehe Europaflagge) um das Haupt gemalt wird. Sehr innige Marienbilder sind darunter, so schaut Maria den Betrachter in die Augen, während eine Verehrerin dem Jesuskind innig und versunken die Hand küsst („Mystische Hochzeit der hl. Katharina“).
Der Zeit entsprechend werden viele Bilder mit gewalttätigen Darstellungen gezeigt: Enthauptungen des Johannes, Passionsdarstellungen mit ihren Folterungen, Grablegungen, wie auch andere Märtyrerbilder. Die Märtyrer im hellen Licht, die Täter eher dunkel, aber erkennbar. Gewalt wurde tapfer ertragen. Menschen wurden besiegt, aber letztlich zeigen die Bilder, wer tatsächlich gesiegt hat. An Johannes den Täufer denken Glaubende, ihn verehren Glaubende, auch wenn er geköpft wurde. Memento Mori: Richte dein Leben auf Gott aus, so die Botschaft des Malers – die aber auch nördlich der Alpen verstanden wurde, Gegenden, in denen der Dreißigjährige Krieg tobte.
Manchmal habe ich den Eindruck, er ist so eine Art Vor-Goya. Und was die muskulösen Körper – allerdings von Männern – betrifft, musste ich eher an Rubens denken.
Das Licht wird eingesetzt als göttliches Licht. Manchmal kommt es auch aus einer anderen Richtung als der, der der Gemalte blickt. Das heißt, das Licht wird künstlerisch eingesetzt und ist nicht immer als göttliches Licht zu interpretieren. Auffällig ist das Licht wegen des starken Kontrastes zu den dunklen Teilen des Bildes.
(1) https://blog.wolfgangfenske.de/2026/05/17/malerinnen-und-maler/
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