
Ich habe bislang zur Erinnerung an Paul Gerhardt, der vor 350 Jahren gestorben ist, ein paar Lieder angedacht: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/09/albern/ („Ich hab oft bei mir selbst gedacht“ und „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“); https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/08/ich-singe-dir/ („Ich singe dir mit Herz und Mund“); https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/07/befiehl-du-deine-wege/ („Befiehl du deine Wege“). https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/10/geh-aus-mein-herz-und-suche-freud-2/ („Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ – EG 503). Ebenso das Lied: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/11/paul-gerhardt-o-haupt-voll-blut-und-wunden/ (O Haupt voll Blut und Wunden – EG 85) und https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/12/paul-gerhardt-auf-auf-mein-herz/ (Auf, auf, mein Herz mit Freuden – EG 112) und: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/13/paul-gerhardt-herr-der-du-vormals-hast-dein-land/ („Herr, der du vormals hast dein Land“ – EG 283).
*
Heute möchte ich das Lied: „Nun ruhen alle Wälder“ (EG 477) vorstellen.
Dieses Lied hatte es in der Geschichte nicht leicht, denn in ihm wird manches angesprochen, was Aufgeklärten seit dem 18. Jahrhundert nicht besonders gefallen hat. Es beginnt mit der Aussage aus der ersten Strophe, dass die ganze Welt schlafe. Zudem weist es auf den ersten Blick inhaltliche Brüche auf, so passen die Strophen 8 und 9 irgendwie nicht dazu. Dann wird vom Wächter Israels gesprochen und: Jesus Christus wird genannt, deutlich, nicht allein „Gott“. Inhaltlich stört natürlich die Moderne der Glaube an die Auferstehung – und dieser durchzieht das gesamte Lied.
Wir haben es mit dem Lied eines Menschen zu tun, der vor dem Einschlafen noch so manches andenkt. Und das ist aus meiner Sicht der Schlüssel, das Lied insgesamt zu verstehen. Der Beter kniet vor dem Bett und denkt betend nach. Alles geht, wie es Gottes gute Ordnung vorsieht, schlafen, alles ist still – man muss sich das damalige kleine Dorf vorstellen – aber die Sinne sollen nicht schlafen. Sie sollen wach bleiben und über Tag und Nacht, Leben und Sterben nachdenken.
Die Nacht vertreibt den Tag, die Finsternis vertreibt das Licht. Auch hier bedenke man das kleine Dorf ohne elektrisches Licht. Es wird finster, aber im Herzen scheint Jesus Christus, seine Wonne. Er freut sich, dass er aus dem Jammertal (geprägt von den Erfahrungen des Dreißigjährigen Krieges) von Gott herausgerufen wird, dass er mit Herrlichkeit überkleidet wird (mit dem Apostel Paulus gesprochen) und dass die Sünde ihn nicht mehr bedrängt. Dann fordert er den müden Körper auf, sich niederzulegen ins Bett – so wie der müde Körper ins Bett der Erde gelegt werden wird. Wenn Menschen schlafen, ob im Bett oder gestorben, in der Erde liegen, das Bewusstsein ist geschwunden – Gott, der „Wächter Israels“ möge sich des „Schlafenden“ annehmen. Menschen, die sich vertrauend schlafen legen, üben sich in das Vertrauen ein, wenn es um das „Entschlafen“ geht.
Vor dem Einschlafen hüpfen manchmal die Gedanken. War eben noch alles klar strukturiert, kommen dem Einschlafenden nun die berühmten Strophen 8 und 9 in den Sinn. Er betet für sich selbst in Strophe 8 und er betet für seine Lieben in Strophe 9.
In Strophe 8 heißt es, bezogen auf den normalen Schlaf wie auf das Sterben:
Breit aus die Flügel beide,
o Jesu, meine Freude,
und nimm dein Küchlein ein.
Will Satan mich verschlingen,
so lass die Englein singen:
„Dies Kind soll unverletzet sein.“
In Strophe 9 folgt der letzte Blick des Einschlafenden auf die Lieben, die Familie und Freunde, vielleicht auch auf die Gemeindeglieder:
Auch euch, ihr meine Lieben,
soll heute nicht betrüben
kein Unfall noch Gefahr.
Gott lass euch selig schlafen,
stell euch die güldnen Waffen
ums Bett und seiner Engel Schar.
Paul-Gerhardt-Lieder sind Seelsorge-Lieder. Er sorgt sich um die Seele. Was geschieht mit mir in der Nacht, wenn ich schlafe, in Kriegs- und Notzeiten, aber auch darüber hinaus? Werde ich wieder aufwachen? Wo auch immer ich aufwachen werde, ob auf der Erde oder bei Gott: Jesus Christus wird gebeten, mich zu bewahren, wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt. (1)
Paul Gerhardt greift häufig Bilder aus der Natur, aus der Schöpfung auf, die als Gleichnis für den Glauben dienen. Er kann das, weil die Natur nicht nur Natur ist, sondern Schöpfung Gottes. Durch sie bietet Gott Hilfe, Trost, Zuversicht und Hoffnung. Auch die Engel sollen gegen den Satan ansingen. Sie kämpfen nicht mit Gewalt, sie kämpfen mit ihrem Gesang. So ist das Lied selbst ein Lied, das gegen den Satan ansingt, gegen die Angst. Und diejenigen, die es singen, singen mit den Englein gegen die Angst an.
In seinem letzten wachen Moment wendet er sich vor dem Schlaf noch seinen Lieben zu. In der Nacht, wenn sie schlafen, soll ihnen nichts Schlimmes zustoßen. Gott möge sie „selig“ schlafen lassen, also nicht nur gut, sondern selig, im tiefsten Sinn: behütet. Mit dem Wort „selig“ schlägt er die Brücke vom irdischen Schlaf zu dem Schlaf nach dem irdischen Leben auf. Damit sie selig, geborgen schlafen können, bittet er darum, dass Engel die Schlafenden mit „güldnen“ also himmlischen Waffen bewachen mögen. Ein faszinierendes Bild: Menschen, die Angst vor dem Einschlafen haben, wird das Bild von Engeln um sein Bett vor Augen gemalt, die ihn mit goldenen Waffen beschützen.
Dieses Lied wollten aufgeklärte Theologen aus dem Gesangbuch streichen. Und auch Friedrich II. empfand das Lied als törichtes und dummes Zeug (2). Daran lässt sich erkennen, dass schon im 18. Jahrhundert einige städtische und mit Lichtern bestrahlte Eliten meinten, sie wüssten es besser, sie würden den Menschen besser kennen. Einige der aufgeklärten Elite hatten sich von dieser Welt Paul Gerhardts gelöst, während andere sich für den Verbleib des Liedes im Gesangbuch eingesetzt haben. Aber Paul Gerhardt war Seelsorger, kein Verkopfter, der sich über die Ängste der Menschen erhebt, weil er meint, er wüsste alles besser, hätte den Durchblick und den Überblick über Gott und die Psyche des Menschen. Er schenkt ihnen Bilder der Geborgenheit, damit sie gut einschlafen können. Er weist sie auf den Glauben an Jesus Christus, dem sie sich anvertrauen können, in dem sie geborgen sein können. Und so war auch Johann Sebastian Bach Seelsorger, der diese Strophen in seinen Werken eindrücklich aufgenommen hat.
(1) Er greift ein Wort Jesu aus dem Matthäusevangelium auf: Mt 23,37.
(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Nun_ruhen_alle_W%C3%A4lder
Datenschutzerklärung: https://www.wolfgangfenske.de/impressum-datenschutzerklaerung/ Und: https://gedichte.wolfgangfenske.de/boris-pasternak/
