
Ich habe bislang zur Erinnerung an Paul Gerhardt, der vor 350 Jahren gestorben ist, ein paar Lieder angedacht: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/09/albern/ („Ich hab oft bei mir selbst gedacht“ und „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“); https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/08/ich-singe-dir/ („Ich singe dir mit Herz und Mund“); https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/07/befiehl-du-deine-wege/ („Befiehl du deine Wege“). https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/10/geh-aus-mein-herz-und-suche-freud-2/ („Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ – EG 503).
Das Lied „O Haupt voll Blut und Wunden (EG 85) beginnt:
O Haupt voll Blut und Wunden,
voll Schmerz und voller Hohn,
o Haupt, zum Spott gebunden
mit einer Dornenkron,
o Haupt, sonst schön gezieret
mit höchster Ehr und Zier,
jetzt aber hoch schimpfieret:
gegrüßet seist du mir!
Mit diesem Lied überträgt Paul Gerhardt ein Lied aus dem 13. Jahrhundert. Arnulf von Löwen hat es vermutlich gedichtet. Im Mittelalter haben glaubende Mystiker ein Bild des gekreuzigten Jesus vor Augen gehabt und darüber meditiert, darüber nachgedacht, sich in das Leiden hineingefühlt. In der ersten Strophe wird geschildert, wie der Glaubende zu dem gekreuzigten Jesus kommt und ihn anspricht, ihn grüßt. Der Mensch Gottes, Gott selbst, der König der Welt, wurde an das Kreuz gehängt und gefoltert. Dass Jesus Christus der Herr der Welt ist, wird in der 2. Strophe vertieft – gleichzeitig wird sein Leiden als Kontrast dazu geschildert. Die Beschreibung geht in der Strophe 3 weiter. Ab der 4. Strophe wird das Sterben Jesu mit dem Leben des Dichters verbunden. Warum leidet Jesus, der mir so viel gegeben hat? Um meinetwillen. Ein wunderbarer Tausch: Christus nimmt die Strafe auf sich, die mich treffen müsste. Am liebsten würde der Dichter jedoch an der Stelle Jesu für seine eigenen Sünden sterben.
Es dient zu meinen Freuden
und tut mir herzlich wohl,
wenn ich in deinem Leiden,
mein Heil, mich finden soll.
Ach möcht ich, o mein Leben,
an deinem Kreuze hier
mein Leben von mir geben,
wie wohl geschähe mir!
Damit greift der Dichter etwas auf, was bis heute die Gemüter erregt, weil der Ansatz fremd erscheint: Ich möchte nicht, dass ein anderer für mich stirbt. Ich stehe für mich selbst ein. Ich benötige kein stellvertretendes Opfer. Ich bin stark genug, den Tod selbst zu ertragen. Ich stehe im Mittelpunkt. Das Sterben eines anderen für mich wird als Demütigung erfahren. Der Dichter hat aber eine andere Intention: Er hat Mitleid mit Jesus. Es tut ihm Leid, dass Jesus an seiner Stelle so sehr leiden muss – am liebsten würde er selbst dort mit Christus hängen. Während der moderne Mensch den stellvertretenden Kreuzestod ablehnt, weil er autonom sein will, und meint, stark zu sein, spielt in der christlichen Tradition das Mitleid mit Jesus eine große Rolle. Und aus dem Mitleid erwächst Hingabe: Ich gebe mich Jesus Christus hin. Weil Jesus mir so viel gegeben hat, möchte ich auch in seinem Sterben bei ihm sein, möchte ihn nach seinem Sterben umarmen. Aber wichtiger ist nun die Treue zu Jesus. Eine so große Treue, die dazu führt im Tod in Christus eingebettet zu sein.
Die beiden letzten Strophen gehen auf das eigene Sterben ein. Sie sprechen den auferstandenen Jesus Christus an, den Lebendigen, den, der durch den Tod wieder seine Stelle als liebender Herrscher eingenommen hat:
Wenn ich einmal soll scheiden,
so scheide nicht von mir,
wenn ich den Tod soll leiden,
so tritt du dann herfür;
wenn mir am allerbängsten
wird um das Herze sein,
so reiß mich aus den Ängsten
kraft deiner Angst und Pein.
Erscheine mir zum Schilde,
zum Trost in meinem Tod,
und lass mich sehn dein Bilde
in deiner Kreuzesnot.
Da will ich nach dir blicken,
da will ich glaubensvoll
dich fest an mein Herz drücken.
Wer so stirbt, der stirbt wohl.
In meiner Todesnot auf den leidenden und sterbenden Jesus Christus blicken, hat zweierlei Folgen: Er reißt mich aus meiner Angst und Pein – und: ich will ihn glaubensvoll an mein Herz drücken.
Das Lied spricht ein ganz inniges Verhältnis Glaubender zu dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus aus. Ich möchte den gestorbenen Gekreuzigten an mein Herz drücken – aber ich werde den auferstandenen Jesus Christus an mein Herz drücken. Ich kann das, weil mich durch das Sterben Jesu nicht mehr ein Gericht erwartet, sondern die Liebe Gottes. Dieses Wissen erleichtert mein Sterben. Ich werde erwartet von dem, den ich erwarte.
*
Wenn wir nun daran denken, dass die Eltern von Paul Gerhardt gestorben sind, als er Jugendlicher war, dass seine Kinder und seine Frau gestorben sind, bekommt das Lied noch einmal eine ganz andere Intention. Zudem sah er durch den Dreißigjährigen Krieg qualvolles Sterben und Tod vieler Menschen. Mit dem Krieg gingen Hungersnöte, Seuchen, Plünderungen und kriminelle Handlungen einher. Verwahrloste Menschen waren an der Tagesordnung, die anderen das Leben zur Hölle machten. Todesangst war für ihn und seine Zeitgenossen nichts Theoretisches. Und so hat er sich und seine Zeit in dem Gedicht von Arnulf von Löwen wiedergefunden. Diesen Text hat er dann ins Deutsche übertragen, damit die Menschen einen Halt bekommen. Es ist Überlebenslyrik. Es ist ein Lied über das Sterben, damit das Leben getrost gelebt werden kann.
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