
Anders als die Texte, die ich bislang von Pressel angesprochen habe https://gedichte.wolfgangfenske.de/evangelisch-christliche-lyrik/ , sind viele Lieder Martin Luthers sehr stark von Auseinandersetzung geprägt.
In dem Lied, der Psalm 12 aufgreift, beschreibt er die Glaubenslosigkeit der Zeit und die daraus folgenden Missstände: „Sie lehren eitel falsche List, / Was eigen Witz erfindet. / Ihr Herz nicht eines Sinnes ist / In Gottes Wort gegründet.“ Und sie „gleißen schön von außen“. Die Überheblichkeit wird geschildert: „Wir haben Recht und Macht allein, / Was wir setzen, das gilt gemein, / Wer ist, der uns soll meistern?“ Dem setzt Luther Gottes Wort entgegen, das Menschen aufrüttelt „und leucht´t stark in die Lande.“ (EG 273)
Die Auseinandersetzung spielt auch in der Nachdichtung von Psalm 14 eine Rolle: Gott schaut auf die Erde, was er sieht ist nicht gut: „Ein jeder ging nach seinem Wahn / Und hielt verlorene Sitten.“ Er wendet sich gegen die, die „fressen dafür das Volk mein / Und nähren sich mit seinem Schaden“. Und „Ihr aber schmäht des Armen Rath, / Und höhnet alles, was er sagt, / Daß Gott sein Trost ist worden.“ Gott wird kommen und die Gefangenen befreien. (Nicht im EG)
Nicht im EG ist auch das „Lied von den zwei Märtyrern Christi, zu Brüssel“ (1. Juli 1523 in Löwen): „Ein neues Lied wir heben an“. Es geht um zwei Brüder, die wegen ihres (protestantischen) Glaubens getötet wurden. Die Gegner „sangen süß, sie sangen saur, / Versuchten manche Listen. / Die Knaben stunden wie ein Maur, / Verachten die Sophisten.“ Die Sophisten, die trieben „Des Teufels Larvenspiel und Spott“. Die Knaben wurden verbrannt, sie gingen in den Tod mit Freuden und mit Singen. Anstatt dass sich die Mörder/Richter nun schämen, versuchen sie ihre Schandtat zu verheimlichen. Aber das gelingt ihnen nicht: Überall rühmt man das Verhalten der Knaben. Die Gegner versuchen freilich, ihren Mord mit solcherart Lügen zu schmücken, dass sie behaupten, die Knaben hätten in letzter Minute vom (protestantischen) Glauben abgeschworen. Das Lied wird beendet mit einem Blick in die Natur als Gleichnis: „Der Sommer ist hart vor der Thür, / Der Winter ist vergangen, / Die zarten Blümlein gehn herfür: / Der das hat angefangen, / Der wird es wohl vollenden./ Amen.“ Dieses Lied ist im Grunde eines, das das tut, wenn ich es richtig verstanden habe, was es beschreibt: Es muss dieser Mord an allen Orten bekannt gemacht werden, und zwar „fröhlich“, denn Gott gibt Menschen Mut, in seinem Dienst zu handeln. Dieser Text zeigt, dass die entsetzliche Tat der Gegner von Luther eingebettet wird in einen größeren Zusammenhang: nicht die Empörung ist darum die Folge, sondern ganz im Sinne von Tertullian: Jeder Märtyrer ist Same des Glaubens. Das heißt: durch die wehrlos Ermordeten, die für den Glauben starben, werden andere zum Glauben geführt. Menschen versuchen die zu entehren, die sie bekämpfen, aber dadurch werden sie erst recht von Gott erhöht. Was weiterhin erkennbar wird: Diejenigen, die die Mächtigen als Opfer sehen, die sie verschweigen wollen, die müssen öffentlich gemacht werden. Die Opfer sind es Wert, dass man sie rühmt – dass man es nicht zulässt, dass sie (wie es Herrscher gerne hätten) verschwiegen werden. Durch den Versuch, die Opfer zu verschweigen, versuchen Herrscher sie erneut zu töten. Das gelingt aus christlicher Sicht nicht, weil auch dann, wenn Menschen die Namen vergessen, sie bei Gott nicht vergessen sind. (Zu dem Lied und den Ereignissen: https://de.wikipedia.org/wiki/Ein_neues_Lied_wir_heben_an)
Auch die berühmte Nachdichtung von Psalm 46: „Ein feste Burg ist unser Gott“ (EG 362) beschreibt die Feinde als mächtig, mit viel List – und Macht und List sind ihre massive Rüstung. Diese Rüstung kann nur Gott allein überwinden.
In dem Lied: „Sie ist mir lieb, die werthe Magd“ greift Luther einen Text der Johannes-Apokalypse auf. Dort ist die Rede davon, dass ein Drache eine Frau mit einem Kind verfolgt, sie verschlingen, entmachten will. Die Frau wird weitgehend als Maria mit dem Jesuskind interpretiert. Luther verknüpft Maria mit der Kirche – sie wird ein Gleichnis für die Kirche, die den Zorn des Drachen hervorruft, der herumtobt, aber doch letztlich nichts ausrichten kann. In unserer Zeit ist das interessant, weil Maria es ist, die laut Tradition die Krone mit zwölf Sternen auf dem Haupt trägt. Aus meiner Sicht ist das eindeutig, dass das diese Tradition Ursprung für die Gestaltung der Europa-Fahne ist. (1)
Die Auseinandersetzungen werden auch in dem später als „Kinderlied“ bezeichneten Lied „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“ deutlich. Da wendet sich Luther gegen das Morden des Papstes und der Türken, die Christus vom Thron stoßen wollen. Dass massiv in Lieder eingegriffen werden kann, zeigt der Eingriff in EG 193. Statt Papst und Türken zu nennen, finden wir: „steure deiner Feinde Mord“.
Besungen wird von Luther das Handeln Gottes in Jesus Christus, es wird auf Sünde und Tod reagiert mit Gottes Gnade und ewigem Leben, die 10 Gebote werden zu einem Lied wie auch andere biblische Texte in Liedform vermittelt werden. Der Tod Christi hat den Tod gefressen – ihn zum Gespött gemacht (EG 101). An dem Lied „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ (EG 24) ist spannend, dass Luther die Singenden zu Zeugen des WeihnachtsEreignisses macht: Mit den Hirten gehen wir hinein zur Krippe und schauen, was Gott uns geschenkt hat. Das Herz wird aufgefordert, aufzumerken, hinzusehen, was es dort sieht, eben Jesus, ihn willkommen zu heißen: Du „kommst in´s Elend her zu mir, / Wie soll ich immer danken dir?“ In der Jesusbegegnung wird der Blick von meinem „Elend“ hingewendet zu dem rettenden Gott, der jetzt bei mir ist „Ach Herr, du Schöpfer aller Ding, / Wie bist du worden so gering.“
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Das zeigt Wichtiges an: Durch Lieder wird die Botschaft des Glaubens verinnerlicht, stärker als durch das normale Lesen. Auf diese Weise wird der Glaube allen vertieft weitergegeben, auch denen, die nicht lesen können, die nicht leicht auswendig lernen. Die Bedeutung von Liedern haben schon neutestamentliche Autoren erkannten. Lieder gehören von Anfang an zum christlichen Glauben. Zudem wird bei Luther auch die Gleichzeitigkeit deutlich: Was damals geschah, was Gott damals den Menschen gab, ist heute gegenwärtig. Durch Gottes Handeln, durch Gottes Geist, wird die Vergangenheit gegenwärtig. Natur wird durch den Glauben zur Schöpfung; der biologische Mensch, sein Körper, wird zum Leib, er selbst wird zum Ebenbild Gottes – und so wird auch Zeit anders verstanden: durch Gott sind Vergangenheit und Zukunft Gegenwart (2).
(1) Dazu s.: https://blog.wolfgangfenske.de/2019/12/08/maria-mit-dem-sternenkranz/ und https://blog.wolfgangfenske.de/2019/03/03/maria-und-europa/ und: https://blog.wolfgangfenske.de/2008/09/30/europafahne/
(2) Dazu s. https://blog.wolfgangfenske.de/2025/05/07/gleichzeitigkeit-und-zeit/ und https://blog.wolfgangfenske.de/2022/12/15/gleichzeitigkeits-und-erinnerungsfeste/ und: https://blog.wolfgangfenske.de/2025/12/20/erinnerungsreligion-gegenwartsreligion/ und: https://blog.wolfgangfenske.de/2017/01/01/grosse-denker-plotin-und-kierkegaard/ und. https://mini.evangelische-religion.de/anmerkungen-zu-transhumanismus/
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