Große Denker: Plotin und Kierkegaard

Harald Lesch und Wilhelm Vossenkuhl haben ein Buch herausgegeben: Die Großen (!) Denker. Philosophie im Dialog. Heyne 2015. Es handelt sich um einen Gang durch die Philosophiegeschichte. Überwiegend finde ich die Darlegungen treffend. Es ist schwer, in dieser Kürze diese großen Denker darzustellen. Und es wird aus allen möglichen Richtungen kritisiert werden können. Von daher ist alleine schon der Versuch lobenswert.

Dennoch ein paar Anmerkungen von mir: Was ich z.B. nicht verstehe, ist das, was zu Plotin (205-270 n.Chr.) gesagt wurde. Es wird Plotin nicht gerecht. Man kann einem Philosophen der damaligen Zeit nicht Rückschritt vorwerfen – auch wenn das unter fortschrittlichen Philosophen gang und gäbe ist. Es wurde damals nicht als Rückschritt empfunden, sondern eben als Fortschritt – entsprechend wurde er auch vielfach rezipiert. Ich meine, wenn ich auch die Philosophie eines Philosophen nicht mag, so muss ich als gegenwärtiger Mensch anders damit umgehen. Und dass es in der Welt des Plotin nichts Interessantes zu entdecken gäbe (S. 278) – diese Aussage ist kurios, denn die Welt, die Plotin entdeckt, ist spannend: die Vereinigung mit dem Göttlichen. Zudem: Er dreht die Welt nicht zurück, weg vom Rationalismus, denn er versucht das Irrationale vielfach rational zu durchdringen – soweit er es eben als heidnischer Philosoph zu durchdringen vermag http://blog.wolfgangfenske.de/2009/08/14/christenheit-5/.

Das, was wir über Augustinus erfahren – das wird dem Denker nicht gerecht. Wir haben hier ein hinüberhuschen über dies und das – und das war´s dann auch schon. Allerdings taucht Augstinus dann weiter auf (z.B. bei Anselm) und daran wird dann ein wenig seine Bedeutung sichtbar.

Aber dass auch hier Boethius (ins Suchfeld meines Blogs) vergessen wurde – warum? Er ist eine der wichtigsten Personen zwischen Antike und Mittelalter. Er mag als Denker nicht so dominant sein, aber doch als einer, der antike Philosophie in das Mittelalter hinüberrettet – das hätte einen etwas anderen Blick aufs Mittelalter ermöglicht – die Tradition, die Thomas von Aquin berücksichtigt.

Was den Glauben betrifft: Nehmen wir Kierkegaard. Er wird nur halb dargestellt: Kierkegaard und seine Verzweiflung. Die Frage wird gestellt – nichts an christlicher Ermutigung bei ihm? (Kierkegaard, Schopenhauer – alles Gegenbewegungen zum zuversichtlichen Leibniz und co. – auch Philosophie ist eine Wellenbewegung: up – down.) Das wird Kierkegaard nicht gerecht – es wird eben der tiefere Glaube ausgeblendet, man bleibt an der Oberflächlichkeit stehen. Für diejenigen, die sich noch nicht mit Kierkegaard beschäftigt haben – selbst der Wikipedia-Artikel geht tiefer. Kierkegaard kritisiert hart das bürgerliche Christentum als falschen Glauben, er ist als Religionskritiker im Grunde heftiger als Feuerbach – vielleicht verstehen manche ihn nicht, weil sie sich gut in diesem bürgerlich-moralischen Christentum eingerichtet haben? Die Gleichzeitigkeit mit Jesus Christus ist für Kierkegaard der wesentliche Aspekt. Raum und Zeit haben in der Dimension Gottes andere Ausprägungen – eine Art Personalisierung des Hegelschen Weltgeistes und des Schopenhauerschen Willens/Weltantriebes (sagen wir mal so). Schwer zu verstehen, gewiss, weil es eine Glaubensaussage ist, die mit der Gegenwart des lebendigen Jesus Christus rechnet – wir würden heute vielleicht das gleiche (nicht dasselbe!) eher mit der Gegenwart des Geistes Christi ausdrücken. Christlicher Glaube ist aus der Beziehung mit Jesus Christus lebendige Existenz – keine Lehre. Kierkegaard ist freilich wirksam geworden, indem er Existentialisten aus der Taufe gehoben hat – und dazu passt dann eher die Verzweiflung am Menschen als die Zuversicht des Glaubens, von daher stimmt das, was in dem Buch verkürzt zu finden ist. Aber Kierkegaard hat auch die Theologie sehr beeinflusst. Das ist ein anderes Thema.

Auch bei anderen ist es schade, dass alles so kurz und knapp dargelegt wurde. So würde man gerne vielmehr über Wittgenstein (pars pro toto) erfahren. Aber das Buch hat fast 700 Seiten – von daher muss ich trotz Kritik sagen: Große Leistung, trotz Knappheit Wesentliches mitzuteilen.

Was den Glauben an Gott betrifft, der wird in dem Buch nicht besonders wohlwollend kommentiert, sondern wenn es nicht anders geht, fragend. Manchmal wird er auch ganz ausgelassen, so zum Beispiel bei John Locke. Sein Denken ist ohne diese Tradition, in der er aufgewachsen ist, die er vertieft rezipiert und verteidigt hat, kaum zu durchdringen. Selbst der deutsche Wikipedia-Artikel über Locke weist darauf hin, vertieft der englische. Diese Art, den Gottesglauben zu minimieren bzw. auszuklammern bzw. in die Ecke des Rätselhaften zu stellen, ist Teil der modernen Philosophiegeschichte unseres Landes. Freilich muss man sehen: Im Kontext von Whitehead, der begeistert aufgenommen wird, wird gerade das thematisiert: Warum hat die Philosophie der Gegenwart diesen großen Philosophen nicht intensiver beachtet? Die Jalousien gehen runter, wenn einer von Gott spricht (597). Und das wird dann auch zu Recht vorsichtig als menschliche Selbstüberschätzung angesehen, wenn Gott ausgeklammert wird (693). Ganz meiner Meinung entspricht der Satz, dass einem, wenn man Gott aus dem Blickfeld verliert, „nicht mehr klar (wird), woher die Grundimpulse und Maßstäbe für das herkommen… für Menschenrechte, Demokratie und die Gerechtigkeitsforderungen.“ (694)

Wer kann westliche Philosophie verstehen – ohne den wie auch immer gearteten Gottesglauben? Atheistische Philosophie begann in Deutschland erst so richtig mit Marx – aber selbst seine Utopie ist im Grunde religiös begründet – man denke allein an Hegel – aber eben ganz normal an Apostelgeschichte 2:

Alle, aber, die Gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten Mahlzeiten mit lauteren Herzen…

Von daher: Christen haben immer etwas – aber nur etwas! – Sozialistisches – wenn Sozialisten Christliches haben. (Wobei ich freilich unter der Hand Marxismus/Kommunismus/Sozialismus verbunden habe. ist natürlich nicht ganz redlich.) Das nur am Rande.

Ein empfehlenswertes Buch – wenn man berücksichtigt, dass hier und da Kritik angebracht ist.

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