Ich finde den Maler spannend. Er hat in vielen seiner Bilder so viel hineingebracht, dass das Auge lange herumwandern muss, um zu erkennen, worum es eigentlich geht. Da sind unzählige Menschen, Erwachsene wie Kinder, Pflanzen, Wolken, Tiere (bevorzugt Hunde und Pferde), Gebäudeteile, Landschaften, Engelchen und Putten und natürlich Amor. Das Auge findet kaum einen Ruhepunkt. Es sind aus meiner Sicht so eine Art Wimmelbilder. Fast jede Ecke ist mit irgendwas besetzt. Hinzu kommt eine Fülle an Bewegungen, an wehender Kleidung, in irgendwelche Richtungen schauende Gesichter, bewegten Arme, bemalte Wände, Wandteppiche. Alles ist voller Dynamik, voller Dramatik. Kurz: Der Betrachter wird zur Interaktion mit dem Bild gezwungen. Nicht durch Meditation, wie in traditionellen religiösen Bildern, sondern durch Herumschauen. (1)
Leider kann ich viele Bilder aus der Mythologie nicht so richtig einordnen. Spannend finde ich auch das Wechselspiel von Licht und Schatten: Was steht im Licht? Was ist im Dunkeln eher verborgen? Könnte das, was im Dunkeln ist, wichtiger sein als das, was im Licht steht? Eher nicht, aber die Frage stellt sich, wenn die mythologischen Erzählungen nicht bekannt sind.
Die Porträts zeigen die stolzen Venezianer seiner Zeit. Die Männer meistens in dunkler Kleidung mit Pelz, hervorgehoben sind die Gesichter. Die Frauen in prachtvollen Gewändern. Ich habe den Eindruck als sei so mancher Stoff wichtiger als die Frau – natürlich repräsentiert die Abgebildete ihren Reichtum und ihren Geschmack.
Interessant ist, das muss ich gestehen, dass die Frauenbrüste kaum angedeutet sind. Als hätten sie keine. Allerdings die Frauen der Bibel und der Mythologien erscheinen als normale Frauen, auch an ihrem Körper als solche erkennbar. Da stellt sich die Frage: War das in der damaligen Oberschicht Mode, dass Frauen ihre körperlichen Reizen öffentlich nicht betonten? Das finde ich spannend, weil heute ja gerade das Gegenteil geschieht. Nicht die Erotik steht hier im Mittelpunkt, sondern die würdevolle, reich gewandete Frau. Hingegen heben sich eben biblische und mythologische Menschen davon ab. Sie wirken wie Menschen des einfachen Volkes, ohne diese Prunkgewänder. Selbst Maria kann als Mutter dargestellt werden, die ihrem Baby die Brust reicht. Also prüde war die Zeit nicht. Auch die Erlösten „reiten“, sitzen, gehen auf den Wolken, gar nicht oder kaum bekleidet.
Die biblischen Bilder sind keine stillen statischen Andachtsbilder. Sie sind Bewegung, Dynamik, Menschen handeln, sie sind nicht still Trauernde, sie bewegen sich, kümmern sich.
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(1) 22:51: Aber er kann auch anders malen, so die Porträts, aber auch ein Kreuzigungsbild. Der helle Körper des Gekreuzigten strahlt aus dem Dunkel hervor, rechts und links umrahmt – aber in Entfernung – von den Mitgekreuzigten und am Fuß des Kreuzes bewegen sich die Trauernden, die nicht nur trauern, sondern sich umeinander kümmern bzw. den Blick des Betrachters lenken. Allerdings frage ich mich: Ist das Bild nicht von Tintoretto? Hat sich hier Veronese an Tintoretto angelehnt?
Bei den Kreuzigungsbildern finde ich interessant, dass der Maler manchmal eine erhöhte Perspektive wählt, höher als die Trauernden aber nicht ganz auf der Höhe des Kopfes des Gekreuzigten. Bei manchen Bildern fallen knallbunt gemalte Personen mit Kapuze, also als Menschen unkenntlich, ins Auge. So bei einer Kreuzigung oder bei einer Grablegung. Das Auge fällt erst einmal auf diese sonderbaren Figuren, die aus den biblischen Texten nicht bekannt sind. Erst dann arbeitet sich das Auge auf die zentrale Botschaft des Bildes hin. Bzw. die Kleidung spiegelt den knallblauen Himmel, das Auge wendet sich vom rechts befindlichen Himmel über das eigentliche Thema hinweghuschend nach links zum blauen Gewand und erst von da aus zu dem eigentlichen Thema: die Grablegung.
Wer sind diese geheimnisvollen Personen? Sind es die „anonymen“ Geldgeber? Sind es die Betrachter des Bildes?
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