Dänemark vor 100 Jahren:
Eine andere Welt.
Mit Laurits Andersen Ring (1854-1933) tauchen wir in eine Welt ein, die zum Teil ein anderes Gesicht trägt, als unsere Welt ca. 100 Jahre später. Die Kleidung ist eine andere, die Wege sind asphaltiert, die täglichen landwirtschaftlichen Geräte gibt es nur noch in manchen Museen, die Kleidung ebenfalls.
Wie auch Clarence Gagnon, den ich gestern vorgestellt habe, finden wir von Ring viele Bilder mit Schnee, Menschen am Strand (Frauen und Kinder).
Was bei ihm auffällig ist: Er hat stärker Menschen des Landes im Blick: Karten spielende Männer in der „guten Stube“, ein Töpfer sitzt konzentriert bei der Arbeit (eine Vase hinter ihm wird von einem Frauenakt geziert), ein junger Mann, der in einem zu großem dunklen Anzug aus dem Fenster durch kahle Bäume zu einer Kirche blickt, eine Frau, die neugierig aus einem Dachfenster hinunterschaut, von unten her gesehen wohl ein wenig verborgen. Überhaupt schauen viele Menschen aus dem Fenster – aus der Enge, hinaus in die Welt (der Sehnsucht?).
Er malt eine Mädchenklasse und Jungs beim Gänsehüten, ein alter Herr, hält mit Regenschirm Ausschau, ob es gleich regnen wird; eine strickende Frau und ein am Tisch handwerkender Ehemann sitzen am Kamin (?), dennoch scheint es im Zimmer kühl zu sein, denn sie sind warm angezogen. Sie schauen sich nicht an, sind in ihrer jeweiligen Tätigkeit vertieft. Eine Frau sitzt auf einem großen gefüllten Beutel, über ihr schwebt sanft der Sensenmann; eine alte Frau sitzt auf einer Bank auf dem Friedhof – auch wartend? Und viele weitere Bilder zeigen Menschen in ihrem Alltag.
Gestern hatte ich das Thema, dass Frauen lesen dargestellt werden. Auch bei ihm finden wir eine lesende Frau im Morgenrock (?), allerdings liest sie die Zeitung, neben ihr eine Tasse Tee (?). Spannend ist an diesem Bild auch das Licht, es scheint vom Betrachter aus zugehen, auf einen bestimmten Körperteil – während die Sonne wohl von der anderen Seite Schatten wirft. Was moderne Technik betrifft, ist auch in der Zusammenstellung oben nicht viel zu sehen. Ein Bahnhofsvorsteher wartet auf einen aus der Ferne ankommenden Zug, ein Mann steht an der geschlossenen Schranke – ebenfalls wartend. Hier und da zeigt er mal rauchende Schornsteine – aber die Welt, die er malt, ist von Landwirtschaft bestimmt. Die alte Welt – die neue Welt ist erst einmal abwartend anzunehmen.
Er malt viele Menschen bei der Arbeit – und er als Maler malt die Landschaft. Er lehrt, die Landschaft zu sehen – und die Menschen. Der Maler ist Chronist des Alltags seiner Zeit. Er macht aufmerksam auf das, was Alltag ist, hebt das Gewöhnliche durch sein Bild heraus aus dem Einerlei und macht diesen Teil des Alltags besonders.
Worauf ich aufmerksam machen möchte: Er malt einmal eine Frau beim Weben und einmal einen Mann beim Weben, er malt einen Sämann und er malt Menschen bei der Ernte. Das bedeutet: Das Brot, das ich esse, ist das Ergebnis harter Arbeit, die Kleidung die ich trage, ist das Ergebnis harter Arbeit. Das, was als selbstverständlich wahrgenommen wird, wird auf diese Weise zu etwas Besonderem. Das gilt letztlich für das gesamte Leben: arbeiten, warten, schauen, gemeinsam etwas tun, und sei es schweigend nebeneinander einer Tätigkeit nachgehen, leben, krank werden und sterben.
