Christliche Hymnen, Lieder Gedichte (8)

Paulus Diakonus / Paul Warnefried

lebte im 8. Jahrhundert. Er ist ein Beispiel dafür, dass weiterhin in Latein gedichtet wurde – und auch ein Beispiel dafür, dass er griechische Mythologie aufgegriffen hat. So schreibt er in seinem Gedicht über Johannes dem Täufer, dass der Engel Gabriel zu Zachäus gesandt wurde – vom Olymp – um die Geburt von Johannes anzukündigen, was allerdings in der Übersetzung nicht mehr deutlich wird: http://hymnarium.de/hymni-ex-thesauro/hymnen/122-ut-queant-laxis Dieses Lied sei besonders erwähnt, weil an ihm das (do) ut – re – mi – fa – so – la -si formuliert wurde „Auf dass die Schüler mit lockeren Stimmbändern mögen zum Klingen bringen können die Wunder deiner Taten, löse die Schuld der befleckten Lippe, heiliger Johannes„:

Ut queant laxis resonare fibris
Mira gestorum famuli tuorum,
Solve polluti labii reatum,
Sancte Iohannes.

Hrabanus Maurus (780-856)

war Schüler von Alkuin, war ebenso gelehrt und vielfältig schriftstellerisch und wissenschaftlich tätig und hatte den Titel „Lehrer Germaniens“: 22 Werke über die unterschiedlichsten Themen der Natur erschienen, eine Enzyklopädie damaligen Weltwissens, neben zahlreichen Kommentaren, Stellungnahmen zu unterschiedlichen Themen. Sein berühmtes Figurengedicht De Laudibus sanctae crucis wurde auch mit Zahlenmystik verbunden. Die vielen Ebenen dieses Gedichts können an dieser Stelle nicht dargestellt werden. Dazu siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/De_laudibus_sanctae_crucis

Das Kreuz ist Christussymbol. Aber nicht nur. Es ist die Grundlage des gesamten Kosmos. Von daher sind Kreuz – Christus – Schöpfung sehr stark miteinander verbunden.

Zu dem Werk siehe auch viele Abbildungen: https://publicdomainreview.org/collections/medieval-pattern-poems-of-rabanus-maurus-9th-century/

Das Pfingstlied von Hrabanus Maurus Veni creator spiritus ist möglicherweise nicht einfach nur ein Lied, das zu Pfingsten gedichtet wurde. Es ist im Umfeld der Auseinandersetzung entstanden: Geht der Geist Gottes vom Vater aus? Vom Sohn? Von beiden? Zudem wurde dieses Lied zu vielen Anlässen gesungen: zu Zusammenkünften und Ordinationen. https://cms.vivat.de/themenwelten/jahreskreis/osterfestkreis/veni-creator-spiritus.html Weitere Hinweise: https://deacademic.com/dic.nsf/dewiki/1101238 Warum?

Der Geist Gottes, der vom Vater und Sohn ausgeht, ist Tröster, lässt gottgemäß reden – es wird gebeten, dass er die Liebe ins Herz gieße, den Körper stärke, den Feind vertreibe, moralisch hebe – und: Gott erkennen lasse.

Man schöpfte aus dem Wissen, machte das, was man machen wollte – man legte sich keine wissenschaftlichen Grenzen auf.

Gottschalk von Orbais (803-869)

So klug Hrabanus Maurus auch war, aus der Sicht der Nachgeborenen und vieler Zeitgenossen hat er sich an Gottschalk schuldig gemacht. Gottschalk hatte eine Sicht vertreten, laut der Augustinus eine doppelte Prädestination vertreten haben soll, das heißt: Gott hat vorherbestimmt, wer erlöst und wer verdammt werden wird. Unmenschlichen Strafen wurde Gottschalk unterzogen. https://de.wikipedia.org/wiki/Gottschalk_von_Orbais

In seinem spannenden Gedicht „Zum Lobe der heiligen Dreifaltigkeit“ spielt er mit dem Thema: Bestimmung – freier Wille. Er fragt, warum er denn singen solle. Er habe allen Grund dazu, zu klagen. Aber weil Gott es so beschlossen hat, singt er jetzt – aber das aus freiem Willen. Er schließt:

Und als sang aus freier Gabe / singt inzwischen holder knabe, / Psalm die seele, psalm die lippe, / Psalm am tage, psalm in nächten, süsse lieder / Sing ich dir, du milder könig.“ ( http://hymnarium.de/hymni-ex-thesauro/hymnen/167-ut-quid-iubes )

Walahfried Strabo (807-849)

er war ein sehr produktiver Mensch. Er hat weltliche und geistliche Gedichte geschrieben. Von den zuletzt Genannten sind viele nicht mehr vorhanden. Zudem schrieb er neben vielen anderen Werken das berühmte Hortulus – das Thema ist: der Garten – in Form eines Lehrgedichts, das Wissenschaft mit Praxis und Poesie verbindet. Ein dichterisches Werk in der Tradition von Vergils Georgica. Er schrieb die Visionen eines seiner Lehrers auf (Visio Wettini) – auch in Form eines Gedichts. In diesem geht es um die Visionen, was nach dem Tod sein wird. In seinem Hymnus Omnipotentem semper adorent zählt er alle auf – im Grunde alles und alle – die Gott verehren. http://hymnarium.de/hymni-ex-thesauro/hymnen/187-omnipotentem-semper-adorent

Sein Lied Lumen inclitum refulget endet mit der Bitte an Maria, Eltern und Kindern gnädig zu sein, im Zentrum steht jedoch die Geburt Jesu, das Staunen darüber, dass der Unbegreifliche ein kleiner Mensch wurde. „Dessen Hand umspannt des Himmels / Weiten und den Erdenball, / Arm in Windeln liegt er weinend / Als ein Kindlein hier im Stall. // Der erhabne Mund des Schöpfers, / Der die Zeiten zählt und wiegt, / Liegt, die irdische Nahrung saugend, / An die Mutterbrust geschmiegt.

Otfried von Weißenburg (790-875)

der Vater der deutschen Literatur schrieb ein umfangreiches Werk, in dem er Evangelientexte ins Deutsch übertrug und kommentierte. Und das in Reimen – nicht im Stabreim. Wegen der großen Bedeutung Otfrieds mache ich hier eine Ausnahme und stelle einen kurzen Abschnitt aus seinem „Evangeliengedicht“ vor (In principio erat Verbum 11f.: nach Friedhelm Kemp: Deutsche geistliche Dichtung):

Bevor irgendetwas war, war schon das Wort Gottes. „Vor allem Anfang der Welt war es schon mit Lust in der Brust des Herrn (>so wes iz mit gilusti – in theru druhtines brusti<)… Es war dem Herrn zugleich… und ist auch Herr über alles, da er es aus seinem Herzen gebar… Es war in ihm seit je lebendig und freudig regsam, wann und was er es den Menschen erschauen lassen wollte.“

Schön begründet er, warum er den Text übersetzt: Alle haben die Bibel in ihrer Sprache: „Warum sollten die Franken das als einzige unterlassen und nicht in fränkischer Sprache zum Lob Gottes singen?“ Im weiteren Verlauf reflektiert er die Arbeit mit und am Fränkischen: „Willst du sorgfältig danach trachten, auf die Metrik achtzugeben, / und durch deine Zunge eine Ruhmestat vollbringen und schöne Verse machen, / dann bemühe dich nur, Gottes Willen zu allen Zeiten zu erfüllen: / Dann schreiben die Diener Gottes in einem regelmäßigen Fränkisch.“… „Nun freuen sich alle, wer immer guten Willens ist, / und wer auch immer dem fränkischen Volk wohlwollend ist, / dass wir Christus besingen in unserer Sprache (Thaz uuir Kríste sungun in ùnsera zungun) …“ (Stephan Müller: Althochdeutsche Literatur – schöner ist es, den Text in der dort gebotenen fränkischen Version zu lesen: 108).

Auch der althochdeutsche Isidor (8. Jh) gehört zu den ältesten umfangreichen deutschen Texten – Fragmente des Matthäusevangeliums liegen vor. Das zeigt, dass mit Hilfe der Bibel (aber auch anderer christlicher Texte) die deutsche Sprache als Schriftsprache erst entwickelt wurde. Das bezeugt auch der Althochdeutsche Tatian (9. Jh) wie der Heliand (9.Jh). Dazu gehören auch zahlreiche Vaterunser und Psalmenübersetzungen sowie Glossen und Kommentare. Und das ging bis ins 12. Jahrhundert weiter: https://de.wikipedia.org/wiki/Wien-M%C3%BCnchener_Evangelienfragmente ; https://de.wikipedia.org/wiki/Williram_von_Ebersberg Dazu kommen zahlreiche aufgeschriebene Predigten und Ermahnungen. In der Straßburger Pilatushandschrift, vermutlich aus dem 12. Jahrhundert wird noch geklagt, dass die deutsche Sprache spröde ist: Man müsse sie wie Stahl mit dem Hammer schlagen, damit sie biegbar wird. Aber das hängt auch mit dem zusammen, der besungen wird: Gott. Er bittet Gott, zu helfen, die Sprache angemessen zu gestalten (Kemp: Deutsche Geistliche Dichtung).

Hartmannus (+ 925)

In diesem Hymnus des Abtes geht es um die Belehrung, mit welcher Gesinnung die Bibel richtig zu lesen ist – in Aunahme des Gleichnisses Jesu vom Vierfachen Acker http://hymnarium.de/hymni-ex-thesauro/hymnen/201-sacrata-libri-dogmata :

Doch nicht genügt es, wenn dem Klang / Das Ohr zu treffen nur gelang, / Hat nicht das Herz des Wortes acht, / Wird nicht im Wort das Wort vollbracht.

Notker I. (Balbulus/der Stammler) (um 840-912)

Im Kloster Sankt Gallen erhielt er klassische Bildung. Er war der größte Dichter seiner Zeit und hat zu Texten auch melodien komponiert . Das Pfingstlied soll von einem knarrenden Mühlrad inspiriert worden sein. Wie das Beispiel zeigt: Er hat volkstümlich und bilderreich gedichtet, hat sich damit auch von der antiken Tradition gelöst. Ein bekanntes Lied, wird ihm zugeschrieben: „Media vita in morte sumus“, das ihm laut Legende eingefallen sein soll, als er im Gebirge Männer beim Brücken bauen beobachtete. Dieser zuletzt genannte Text ist allerdings Latein und vielleicht schon im 8. Jahrhundert in Frankreich entstanden: https://de.wikipedia.org/wiki/Media_vita_in_morte_sumus Er sei aber dennoch hier zitiert, weil er zu einem sehr berühmten Stück unserer christlichen Tradition gehört. Übersetzung aus dem genannten Wikipedia-Artikel:

Mitten im Leben
sind wir im Tod.
Welchen Helfer suchen wir
als dich, Herr,
der du wegen unserer Sünden
mit Recht zürnst.

Heiliger Gott,
heiliger starker,
heiliger und barmherziger Erlöser:
überlass uns nicht dem bitteren Tod.

Nun aber zu dem eingangs erwähnten Pfingstlied. In diesem wird der Heilige Geist als der große Menschenveränderer besungen. Er bittet darum, den Menschen zu reinigen, „dass zu schauen / Des schöpfers herrlichkeit / Einst wir würdig sind, / Den zu schauen / Der reinen herzen augen nur / Einzig würdig sind.“ Gott wahrnehmen kann also nur der, der zuvor vom Geist ein reines herz empfangen hat, gereinigt wurde von aller Amoral. Ohne den Geist Gottes sind Gebete wertlos. (Übersetzung: Friedrich Wolters: Lobgesänge und Psalmen). In seinem Lied zur Geburt Jesu wird besungen, dass an diesem Jubeltag der Tod sich zugrunde stürzt, das Verlorene gefunden wird, und in die ewige Heimat geführt wird. In dem Lied „Lob dir, Herr Jesu“ wird an die Kinder von Bethlehem gedacht, die ihr Leben als erste Märtyrer lassen mussten und nun als Heilige im Himmel sind. http://hymnarium.de/hymni-ex-thesauro/sequenzen/111-laus-tibi-christe

Grenzen werden geöffnet: der Tod ist keine endgültige Grenze mehr, keine Grenze ist die Grausamkeit der Herrscher – Gott erweist sich als Leben-Geber stärker -, der Geist Gottes führt den Menschen über sich selbst hinaus und macht ihn für Gott bereit. Gott erweist sich als stärker als Trauer, Gefangenschaft, Tod.

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