Heftiger Kampf

Wie heftig der Kampf der nationalsozialistischen Christen gegen diejenigen waren, die nicht mitgemacht haben, wird an jenem Text sichtbar, der bei Matthias Biermann: Das Wort sie sollen lassen stahn…: Das Kirchenlied im Kirchenkampf, Vandenhoeck&Ruprecht 2011,303 nennt. Joachim Hossenfelder (1899-1976), Bischof der antisemitischen und Hitler verehrenden Deutschen Christen, was damals als modern und fortschrittlich galt, weil man meinte, die Welt zu verbessern, hat wohl öffentlich ein christliches Lied mit folgendem Vers umformuliert – gegen die traditionalistischen Christen, die diesem nationalsozialistischen modernen Treiben nicht mitmachen wollten:

„Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort,
Und steure jener Frommen Mord,
Die Jesus, Gott und Mensch zugleich,
wollen trennen vom Dritten Reich.“

Hossenfelder war übrigens nach 1945 weiterhin als Pfarrer tätig.

Heute verbinden wir den Nationalsozialismus als antiquiert. Aber damals war er eine Aufbruchsideologie. Gemessen am christlichen Glauben war er ein massiver Rückschritt: Hinter den Glauben, dass alle Menschen Ebenbilder Gottes sind, dass Christus für alle gestorben ist, dass jedem Menschen die Menschlichkeit zu gelten hat… Er war ein furchtbarer Rückfall in die Unmenschlichkeit. Das sah man als fortschrittlich an. Wissenschaftlich unterstützt unter anderem durch den Sozialdarwinismus.

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Nationalsozialismus als junge Bewegung + Karfreitags-Tänze

Der Nationalsozialismus sah sich als eine junge Aufbruchsbewegung – als Aufbruchsbewegung der Jungen – gegen alte Männer:

Eine Kampagne gegen Juden im „Reichseinheitsgesangbuch lief auf der vierten Tagung der „Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Gesangbuchreform“ im Juni 1933. Es gab zwar noch eine kontroverse Diskussion zwischen den im Vorstand noch vertretenen Älteren, die in der bürgerlichen Welt der Vorkriegszeit verhaftet waren, und der jungen Generation, die sich der neuen Bewegung hingeben wollte, doch letztlich wurde der Reichsbund für evangelische Kirchenmusik gegründet, der nach der Wahl Ludwig Müllers zum Reichsbischof im Reichsverband für die evangelische Kirchenmusik aufging.“

https://eal.terbuyken.net/Lied_NS-Zeit.pdf (9)

Hitler war, als er 1921 die NSDAP übernommen hat, 32 Jahre alt. Goebbels, Bormann, Himmler, Röhm waren 1933 um die 30; Heß, Rosenberg, Darré, Göring wie Hitler um die 40. Lenin war etwas älter: 1917 war er 47 Jahre alt – allerdings hatte er schon 1903 eine eigene Gruppe gegründet. Trotzky war 1917 Mitte 30, Maos politische Karriere begann, salopp gesagt auch, als er ca. 30 Jahre alt war, ebenso Castro.

Entsprechend waren (auch) Jugendliche begeistert von den Ideologien. So sahen zum Beispiel auch Hans und Sophie Scholl den Nationalsozialismus als eine emanzipatorische Aufbruchsbewegung, bevor sie durch den Glauben erkannten, dass das nicht stimmt. Brechts kommunistische Ära begann auch ungefähr mit 30. Entsprechend werden die Alten immer als Bremser angesehen – es sei denn, sie machen mit.

Alte wie Junge, Junge wie Alte, Männer wie Frauen, Frauen wie Männer können furchtbar in die Irre laufen. Weder Jugend noch Alter schützen vor politischer – und manchmal gefährlicher – Dummheit.

Nur, um das auch noch der Gerechtigkeit halber hinzuzufügen: Auch viele junge Menschen hielten den Verführungen stand.

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Es ist interessant, was der Dichter Siegbert Stehmann (* geb. 1912, gest. 1945) in seinem Tagebuch im April 1939 schreibt: „Die Zeit, die die Karfreitagsstille diesmal verächtlich durchbricht – das Radio brachte Revuemärsche -, wird vom Ernst (sc. der politischen Lage) überwältigt.“ Der gegenwärtige Kampf gegen Karfreitag – ist also wirklich nicht modern.

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Tierfilme + Infantilisierung der Politik

Tierfilme sind für sehr viele Menschen wichtig. Darum ist es umso wichtiger, diesen auf die Finger zu schauen: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/wie-bei-dem-arte-film-die-moldau-getrickst-wird-16841413.html

Es wird gefakt, was das Zeug hält. Ich hatte das auch schon im Blog: https://blog.wolfgangfenske.de/2019/03/20/fake-news-naturfilme-alte-weisse-maenner/

Tierfilmer bewundere ich. Was sie alles festhalten, entdecken, aufbereiten. Aber das muss alles sauber bleiben. Sonst graben sie sich selbst ein Grab.

Das finde ich auch schon in den „Die Pinguine aus Madagaskar“ – wie die armen Pinguine zu Beginn des Films traktiert werden – und ekelsüß emotionalisierend.

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Wie die Natur nicht mehr Natur bleiben darf, sondern Predigerin für ein Menschentierbild ist, das heißt: Tier wird zum besseren Menschen erklärt, damit man es anerkennt, so wird auch die Politik verändert. (Anders gesagt: Man liebt Tiere nur, weil man sie vermenschlicht.)

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Ein zorniger Beitrag zur Infantilisierung: https://www.tichyseinblick.de/meinungen/die-infantilisierung-oeffentlicher-debatten-schreitet-voran

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Kunst-Assoziationen

Im christlichen Kulturbereich (natürlich nicht nur) entstanden wunderschöne Bilder. Sakrale Kunst forderte die Künstlerinnen und Künstler heraus. Das Heilige adäquat darstellen – das war die Aufgabe, die jede Generation neu bewältigen musste.

Und dann hat man erkannt: Nicht das sakrale Motiv allein spricht den Menschen an. Es sind die Farben, die Kompositionen des Bildes. So löste man die Kunst von sakralen Inhalten und wandte sich immer intensiver dem Weltlichen zu, der weltlichen Schönheit, der Schönheit der Schöpfung.

Immer ausgefeilter wurden die Methoden, immer vertiefter die Erkenntnis darüber, was den Menschen emotional ergreift, ihn anspricht. Das wurde dann dem Bereich der eigentlichen Kunst entnommen und mit Blick auf Gegenstände ausgedehnt – um sie besser zu verkaufen.

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Soweit ich das beurteilen kann, stand in der westlichen Antike der Mensch im Vordergrund. Der Mensch in seiner Schönheit – in seiner vergöttlichten Schönheit. Im asiatischen Bereich muss man wohl differenzieren: in Indien stand der Mensch mit seinen Handlungen im Vordergrund, in China/Japan als Zeichnungen die Natur und Menschen. Ich lasse mich sehr gerne korrigieren, es sind grobe Eindrücke, die ich hier aus der Erinnerung wiedergebe und von zufälligen Beobachtungen geprägt sind.

In der sakralen Kunst des Westens wurde auch der Mensch in den Vordergrund gerückt – aber der Mensch so, wie Gott ihn gewollt hat: in Jesus Christus, in Maria, in Aposteln und Heiligen – und im gefallenen Menschen als Gegenüber, als Kontrast, als einer, der so nicht sein soll bzw. der hilfsbedürftige Mensch. (In Asien wurde das „Transzendente“ in der Buddha-Skulptur eingefangen.)

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Kunst, die Natur/Schöpfung wiedergibt – sie bannt das Gefährliche: Stürme erstarren durch Künstlerhand in einem Bild. Stürme, die verängstigen, aber trostvoll erstarrend. Frühling und Sommer in ihrer Vergänglichkeit – festgehalten im Bild, im Gemälde – sie bleiben im abweisenden Winter eine Hoffnung. Blumen – Stilgemälde – Blumen verwelken in kurzer Zeit, Schönheit vergeht. Doch nicht die Schönheit des Bildes, es macht Blumen „ewig“. Wie Geschichte vergeht – berühmte Schlachten gehören bald der Vergangenheit an – auf Bildern gebannt, erstarren sie zu ewigem Ruhm. Schon im Altertum.

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Nicht zu vergessen ist die Ornamentik, die überall vorhanden ist, auch im christlichen Mittelalter. Ornamentik – Ordnung in Verworrenheit. Im Zentrum dieser: das Heilshandeln Gottes.

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Schönes wird wiedergegeben – Schönes soll dominieren, auch wenn das Leben hart ist, schwer, tödlich, krank.

Doch nicht nur das Schöne zählt. Der leidende Christus – in seiner ganzen Schrecklichkeit. Wirklich nicht schön. Kunst gibt dieses harte Leben wieder, der Leidende Christus, mein Leiden, er leidet mit, der Mensch kann nicht nur Schönes zeichnen/malen, er kann auch das Leiden wahrnehmen. Ich kann mich identifizieren mit seinem Leiden. Mit dem angefochtenen Heiligen identifiziere ich mich: Wie ihm, geht es mir. Und: ich lerne auch mitzuleiden. Soweit die sakrale Kunst. Und dann wird das Leiden dem Sakralen entnommen. Der leidende Mensch wird dargestellt. Die Bedeutung ist eine andere als bei Christus. Hier geht es – was nicht unwichtig ist – darum: Mitleid wahrzunehmen und hervorzurufen.

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Bär greift an – keine SaTiere + Berliner GutGemeint

Neulich habe ich etwas zum Thema Wolf geschrieben. Nannte es SaTiere. Nun muss ich aber feststellen, das war wohl keine Satire, wenn man die Diskussion um den Bären in Betracht zieht: In Italien wurden zwei Männer beim Wandern von einem Bären angegriffen. Der eine wurde etwas schwerer verletzt als der andere. Nun gibt es Vorwürfe, dass die Angegriffenen die mögliche Tötung des Bären zu verantworten haben: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/tiere/debatte-nach-baer-angriff-in-italien-16836483.html

Ach, wie schön ist es als so ein Tierschützer von seinem gemütlichen Aufenthalt aus, einen Bären zu verteidigen. Darum sollte das Gebiet von ca. 1600km2 um den Bären herum als Naturschutzgebiet ausgewiesen werden. Sollte man bei uns auch für Wölfe tun. Wir machen den Platz frei für Wölfe und Bären. Wwer dann angegriffen wird, ist selbst daran Schuld. Die Bärendiskussion erweist meine SaTiere als von der Realität übertroffen.

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Berliner Chefs – äh Regierung – machen vieles, das gutgemeint ist – aber man weiß schon vorher, dass das nicht klappt, weil es eben nur gutgemeint ist – und guten Argumenten nicht zugänglich: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/berliner-mietendeckel-scheitern-mit-ansage-16824337.html

Aber das greift immer weiter auch auf die Bundespolitik über. Hoffentlich hat Corona Pläne erst einmal davon kuriert, bevor die Wirtschaft kaputt gemacht wird.

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Aus aller Welt: Gesetze + Reisewarnung: Türkei + Auseinandersetzung: Frankreich/Türkei + Krankes Mexiko

Tabakwerbeverbot – im Grunde läuft es langfristig doch auf ein Rauchverbot hinaus. Was machen sie sich da noch viele Gedanken um solche Kinkerlitzchen wie Tabakwerbeverbot? https://www.tagesschau.de/inland/bundestag-753.html

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Kohleausstieg – bleiben sie vernünftig? Leider bin ich mir da nicht so sicher. Achten sie nicht stärker auf die gegenwärtige ideologische Hochspannung statt auf das Wohl der Menschen der Zukunft? https://www.tagesschau.de/inland/kohleausstieg-135.html

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Reisewarnung Türkei bleibt bestehen – ich denke, da werden sich viele türkische Familien nicht von abhalten lassen. Müssen sie auch nicht. Kurioserweise gilt für sie die Reisewarnung nicht. https://www.tagesschau.de/inland/reisewarnung-tuerkei-105.html Oder befürchtet man Kontakte deutscher Urlauber mit russischen Urlaubern? Sonderbar, sonderbar.

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Und wie sieht es in diesem Konflikt mit der Vernunft aus? https://www.spiegel.de/politik/ausland/tuerkei-fordert-entschuldigung-von-frankreich-zwischenfall-mit-fregatte-courbet-a-ecba110f-287f-4cc1-bd65-45087e8f4d29

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Mexiko – wann wird das gebeutelte Land endlich seinen friedvollen weg finden? https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/mexiko-24-tote-nach-ueberfall-auf-entzugsklinik-a-26ae1e47-5150-485e-a437-5ef1216139a8

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Gott in Gedichten (24): Hermann Claudius

Weitere Texte: http://gedichte.wolfgangfenske.de/

Hermann Claudius (1878-1980)

war Lehrer, war als Soldat im ersten Weltkrieg, dichtete viele Texte unterschiedlichster Weltanschauung – und viele davon wurden vertont: nationale Gedichte, als SPD-Mitglied gewerkschaftlich orientierte Lieder bzw. Lieder der Jugendbewegung (so zum Beispiel das berühmte bis in die linke Gegenwart gesungene Lied: „Wann wir schreiten Seit´ an Seit´“, hat viele plattdeutsche Gedichte geschrieben; in Zeiten des Nationalsozialismus engagierte er sich schon früh sehr konservativ, beeinflusst von Hans Grimm. Nach 1945 lebte er weiter in dessen Fahrwasser. Massiv kritisiert wird er zum Beispiel von Bergengruen. Wegen seiner Volkstümlichen Dichtungen haben manche seiner christlichen Texte hohen Bekanntheitsgrad erreicht.  Im gegenwärtigen Evangelischen Gesangbuch hat das Lied „Wisst ihr noch, wie es geschehen?“ (52) Eingang gefunden. Weit verbreitet ist auch das schöne Morgenlied: „Jeden Morgen geht die Sonne auf“. Diese Texte haben nichts mit nationalsozialistischer Ideologie zu tun. Hingegen andere schon, so das Gebet: „Herr Gott, steh dem Führer bei“. Auf dieser Seite: http://www.hermann-claudius.de/index.php?menuid=9&reporeid=43&getlang=de wird die Nähe zum Nationalsozialismus mit der schweren finanziellen Lage in Zusammenhang gebracht, und zudem wird dargestellt, dass Claudius im Kontext eines Gedichtbandes Hitlers Absolutheitsanspruch mit Blick auf Gott relativieren wollte – was auch die letzte Zeile des genannten Gedichts aussagt: „Herrgott, steh uns allen bei.“ Hitler ist wie alle Gott untergeordnet. Interessant ist in diesem Zusammenhang die „Deutsche Hymne“ (1928). In ihr lauten die letzten Strophen: „Land vom großen Bruderglauben / an die Menschheit noch erfüllt: / Deutschland, laß ihn dir nicht rauben! / Wahre deinen Menschheitsglauben / klar und fest in deinem Schild!“ Nach 1933 wurde, so die Anmerkung der oben genannten Seite, diese Strophe in Liederbüchern weggelassen, sie passte nicht mehr in die Ideologie. Aber Claudius hat daran, wie unten zu sehen sein wird, festgehalten. Gott wird im Gedicht „Deutschland“ (1936) mit den Völkern verbunden: „Doch immer, wo ein Volk den einen Ton / Des Ewigen fand… Hat es dem Geiste Gottes sich verbunden“ – und er stellt die Frage, ob Deutschland unter den Völkern „eine reine / Herzoffene und klare Antwort fand?

Wie auch immer die Vita zu interpretieren ist – denn es geht ja auch um anderer hier vorgestellter Viten, von Benn über Seidel, hin zu Weinheber – es geht mir an dieser Stelle in erster Linie um die Aussagen zu Gott. Die folgenden Texte werden nach der genannten Seite zitiert.

Claudius besingt Gott mit einer großen Leichtigkeit. Das wird in „Kleines Lied“ (1927) sehr schön deutlich, von dem zwei Strophen zitiert werden sollen: „Den Blumenstrauß vom Felde / hab´ ich für dich gepflückt. / Und du magst fröhlich glauben / Gott hat ihn dir geschickt. // Er war in jeder Blüte. / Er war in jedem Duft. / Ich hab ihn eingesogen / mit jedem Zug der Luft.

Inhaltlich kann er auch in Gedichten „die Götter“ erwähnen, aber auch das „Nichts“, das uns zum Beispiel bei Benn begegnete. „An Heinrich Wolgasts Bahre“ (1920) erkennt er es: „Da stand es ohne worteschöne Lüge, / das furchtbare Hinunter in das Nichts.“ Und als er sich von der Bahre losgerissen hatte: „schlug sich wie kaltes Totentuch das Wissen / der grenzenlosen Einsamkeit des Ich.“ Noch 1940 kann er in „Sonnenwende“ schreiben: „Was will das arme Wort: ich bin? / Und: Gott! – was will dies andre Wort? / Es ist, als stürze alles fort. // Ein Abgrund reißt sich auf, ein Schrei! / Und alle Schöpfung ist vorbei.“ Entsprechend schreibt er in „Finale“ (Ende 1940), dass er nicht in diese Zeit passe, dass er angesichts des Applauses weinen könne, „Denn immer fühl ich mehr und immer mehr, / daß diese Zeit im letzten Grunde leer.“ Und er wünscht sich den Rückzug in die Familie. 1944 gibt es viele Liebesgedichte – in diesem Jahr heiratete er.

Es kommt die Frage auf: Ihm wird das Übel der ND-Zeit erst 1940 bewusst? (Dazu siehe auch unten.) Interessant, dass in diesem Zeitraum auch Ina Seidel bemerkt hat, dass sie irrgelaufen ist. Das will, das kann man nicht verstehen: Wenige Kilometer von einem entfernt leiden Menschen unsägliche Qualen, nicht einfach Qualen durch Krankheit und Tod, sondern verübt von grausamen Menschen, Menschen, die Menschlichkeit mit Füßen treten, die sich ein grausamen Ideologie ausgeliefert haben. Die denunzieren, die dazu Menschen zwingen, dahin zu vegetieren, Menschenversuche, Menschen werden vom Alltagsleben und ihren Lieben getrennt. Kinder, Alte, Männer, Frauen werden erniedrigt, und Länder werden in Schutt und Asche gelegt… – ich will das nicht alles beschreiben. Dann solche Gedichte, die kaum ahnen lassen, dass der Autor diese barbarischen Taten wahrgenommen hat? Gedichte sind eine eigene Gattung, vielleicht lassen andere Texte von Claudius mehr erkennen. Aber dann in Zeiten der Globalisierung denkt man: Wie lange dauert es, dass man mit dem Flugzeug auch bei Menschen sein könnte, denen aufgrund des Leidens an Unrechtsstrukturen das Dichten schöner Gedichte wie ein Hohn sein muss? Es liegt an uns Menschen, verflochten mit der Zeit, Freiräume schaffen zu können. Das soll niemanden entschuldigen – auch uns nicht. Es ist eine Feststellung, die man verarbeiten muss.  

In den Folgejahren entstehen weitere Gedichte, die Tränenschwer sind – aber auch idyllisch. Und in beide Kontexte hinein wird Gott verwoben. http://www.hermann-claudius.de/index.php?menuid=57

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Mir liegt das Bändchen: „Und weiter wachsen Gott und Welt“ vor, das 1936 im Verlag Albert Langen und Georg Müller in München erschien. In „Irgendwann“ heißt es: „Der Dämon mir im Blute / ist tausend Jahre alt. / Ich fühl ihn in mir kauern, / weiß seine Urgestalt. // Ich sah ihn oft im Dämmern, / eh noch der Tag verrann, / den Bösen in mir selber, / den ich nicht bannen kann.“ Diesen Dämon hat er zwar in sich gefesselt, wird aber in nachfolgenden Generationen ausbrechen. Dieses Gedicht ist spannend, weil es manche Aspekte der Zeit aufnimmt. „Blut“, Tausend Jahre – also die Ahnen, „weiß“ die Frage der Rasse. Hat er das bewusst gemacht? Das Blut kommt häufig in den Gedichten vor. „Unruh-Gestalten“ die sich von seinem Blute nähren, der Sommer blutet sich tot, die Ebereschen bluten, „Man gibt sich wider Willen seinem Blute„; in „Ihm!“ heißt es: „was heißt das: Blut? Und das, was heißt das: Erde? / Und was ist Zeit? —- Ich seh den alten Gott / auf seine kluge Erde niederlächeln. / Immer war ER. Und wo´s geschah, war ER.“ „Blut“ wird also in einem anderen als der Zeit gewohnten Kontext verwendet. Und all das ideologische Auftrumpfen (Tausendjährige Reich) ist im Grunde eine von Gott belächelte Zeiterscheinung.

Es begegnen in seinen Gedichten die Sehnsucht nach Stille, Tränen in der Seele, Sterblichkeit trotz des Schönen: „Zehrt unser Lachen nicht heimlich von Traurigsein?“ („Schöne des Sommers„), am liebsten möchte er mit den Vögeln ziehen, doch: „Daß ich nicht flüchtig werde / der Fernen, Herr, ich bitt´. / Laß mich der deutschen Erde, / für die ich litt und stritt. // Wenn deine Stürme wehen / in Winternacht und -not, / laß mich verwurzelt stehen / mit meinem Lande, Gott.“ Und so fordert er in „Du mußt an Deutschland glauben“ eben dazu auf und dazu, mit Deutschland zu ringen bis in das Morgenrot – wie Jakob mit Gott bzw. dem Engel am Jabokk rang. In der letzten Strophe heißt es: „Du mußt an Deutschland glauben, / daß es das Deine sei / und daß es nicht vergessen, / was Gott ihm zugemessen / daß es das Eine sei.“ Aber dieses Glauben an Deutschland steht nicht autark in dem Bändchen. Im nächsten Gedicht („Um Mitternacht„) schon heißt es: „Gott ist die ewige Größe. / Gott ist die ewige Macht.“ Wenig weiter heißt es in „Schlichter Psalm„: „Ich bin ein Christ. / Ich weiß, / daß über Erde und Himmel / der eine Gott nur ist. // Ich bin ein Christ. / Ich weiß, / daß über alle Erde / jeder mein Bruder ist.“ Das ist eine Aussage, die in dieser Zeit nicht allgemein akzeptiert worden sein dürfte. In der letzten Strophe wird etwas ausgesprochen, was bislang noch nicht vertieft wurde: Die Einheit von allem, die Einheit von Mensch und Natur – und die Einheit wird vollendet: „Ich bin ein Christ. / Ich weiß, / daß Erd und Himmel / und alles Leben und Sterben / in Gott beschlossen ist.“ Gott ist die Größe – und so schreibt er in „Hinterm Pflug„: „Sie loben mich heuer gern, die Herren. Ich lächle nur, … Leben ist Leben. Und Reden ist Reden und Trug.

Das Gedicht „Musika“ denkt über Musik nach. Sie ist „Gottes allerbeste Gabe„. Und wie kam es dazu, dass der Mensch Musik wahrnahm? „Es stand der Mensch in Morgenstille / (ein erster Vogel schlug im Ried), / Da rührte ihn der heilige Wille – / und horch: sein Lallen ward zum Lied. // Da schwieg der Mensch, in sich erschrocken. / … / als wollt´ ihm Gott das Lied entlocken… // Da sang der Mensch“ und seine Seele verband sich mit der Gottheit. Und Gott segnete die Musik.

Allein in diesem Band könnten weitere Gedichte mit Gott genannt werden. Es schließt auch mit einem Gedicht „Fuge„, in der er feststellt, dass sich Gott verborgen hält – dennoch: „Ich will und muß auf Seine Weisheit bauen, / die sich mit unserer so sehr entzweit, / als wäre Seine Zeit nie unsre Zeit.“ Das Gedicht schließt: „Und ob wir rückwärts, ob wir vorwärts schauen, / und ob uns Freude schüttelt oder Grauen: / Er war und ist. Und Er wird ewig sein. / Wir aber schreiten durch Ihn aus und ein.“ Es wird deutlich, dass der Dichter wahrnimmt, dass die Weisheit seiner Zeit nicht mit der Weisheit Gottes übereinstimmt. Dann jedoch führt er diese Spannung versöhnlich zusammen. Statt sie auszuhalten. Statt sie wirklich wahrzunehmen und im Namen Gottes gegen das anzugehen, was diese Spannung ausmacht. So kann Glauben, so kann Theologie missbraucht werden. Das zeigt das Harmoniebedürfnis des Verfassers, es zeigt, dass er Leser und sich selbst trösten will. Das kann auch leichtsinnig sein, wie der Prophet Jeremia, sagt: Sie trösten mein Volk in seinem Unglück und sagen: Friede, Friede! Doch es ist kein Friede (6,14).

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Der Band „Aldebaran“ von 1944 enthält neben Gedichten bekannter Art auch zahlreiche Gedichte, die als Kritik an seine Zeitgenossen und sich selbst interpretiert werden können. In „Die sieben Echternacher Sonette“ (1941) schreibt er (VII): „Vermöcht´ ich doch der Welt zu helfen – ach! – / Sie wird von Tod und Teufel umgetrieben / … / Und welcher Gottheit stürzen jäh wir nach?“ Im „Tagebuch“ (1942) sagt er auf seine Art: „O bliebe unsere Seele doch so rein / und kindhaft offen allen Gottesgnaden! / Und keiner trachte nach des andern Schaden / und wolle Bruder ihm und Schwester sein.“ (VIII) Er schämt sich vor Gott wegen seiner Schuld (XV). Die Blume belehrt ihn – „Wir müssen – deucht mich – ganz von vorn beginnen.“ (XVII) Er möchte am liebsten weg sein von der Erde, er zieht sich zurück in sein Refugium. An dieser Stelle wären noch viele Gedichte zu nennen. Eines sei noch zitiert, weil es verdeutlicht, wie er die Übel der Zeit wahrnimmt – und mit ihnen umgeht. „Oft in der Nacht dann packt mich jäh ein Bangen, / daß rund umher die Welt irrläufig sei. / Es bleibt gleich einem unterdrückten Schrei / in meiner aufgetanen Seele hangen.“ Er fragt sich, warum der Weg so verkehrt ist, und erkennt: „Binnen drinnen / in unserer Seele wuchs das Falschbeginnen / und losch mit harter Hand das Gotteslicht.“ Aber sofort wird die Schwere genommen und: „Der Morgen dämmert auf mit leisem Beben, / als wollte er die Schwere von uns heben—“ (XVIII) Und ein Weiteres: Warum das Leiden? Kann man etwas dagegen tun? Nein, denn: „Doch können wir den Weltenlauf nicht wenden, / wie er vom Weltenschöpfer eingeschworen. / Wir bleiben unserm Schicksal eingeboren, / und müssen stillehalten seinen Bränden.“ Nationalsozialistische Propaganda ist in diesem Bändchen nicht zu finden – im Gegenteil. Nur ein lobender Hinweis auf Gedichte von Erna Blaas.

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Gott sprengt Grenzen, der Glaube an Gott sprengt Grenzen. Das wird auch an Claudius deutlich. Was auch deutlich wird: Er erkennt aufgrund seines Glaubens, dass etwas nicht stimmt mit seiner Zeit, er setzt ihr – er wagt es – auch freundlich den Glauben entgegen. Doch: Welche Konsequenzen zieht er letztlich daraus? Der Mensch hat geirrt, er hat sich gegen Gott vergangen – nun kann der Mensch nichts mehr machen, er muss die Reaktion Gottes leidend ertragen. An dieser Stelle sei gefragt: Was würde Jesus dazu sagen?

Wir wollen ja, von dem, was wir als Fehler anderer ansehen, lernen. Versuchen es zumindest.

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Mut

Es braucht immer Mut, wenn man gegen die Mehrheit seiner Meinung treu bleibt. Interessant ist das, dass der, der das geschrieben hatte, seinen Tweet später löschte. Da hat ihn selbst wohl der Mut verlassen: https://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/us-fussballerinnen-protestieren-ohne-rapinoe-gegen-rassismus-16836524.html

Allerdings gehört auch Mut dazu, wenn man argumentativ überzeugt wurde, seine Meinung zu revidieren. Wenn man kein Wendehals oder keine Wetterfahne ist.

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