Der Organist, Komponist, Journalist, Dichter Christian Friedrich Daniel Schubart (1739-1791) wurde für 10 Jahre ins Gefängnis gesteckt, weil er den Verkauf von Söldnern kritisiert hatte, ebenso hatte er die Mätresse des Landesfürsten diffamiert. Dann wurde er entführt und ins Gefängnis geworfen. 10 Jahre der Isolationshaft – dann freigelassen. In Haft schrieb er Gedichte – Gedichte authentischer Theodizee. Viele setzten sich für ihn ein – nichts half. Wenn ich die Biographie von Schubart lese, denke ich an den Dichter Ladislav Záborský [1921-2016], der aufgrund seines Glaubens im kommunistischem Gefängnis festgehalten wurde – zum Teil auch in Einzelhaft. Er hatte nichts – und so ritzte er seine Gedichte in Seife, damit er sie auswendig lernen konnte. (https://gedichte.wolfgangfenske.de/18-19-jh/)
Nun kommt Johann Jakob von Moser ins Spiel. Auch er war ein mutiger, bewundernswerter Mensch. Die folgenden Angaben laut Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Jacob_Moser :
Sein Vater starb, als er Jugendlicher war. Seine Mutter hat sieben Kinder großgezogen. Er studierte an der Uni Tübingen im Bereich des Rechts, wurde mit 18 Professor extraordinarius. Verdiente nicht viel. Versuchte in Wien Fuß zu fassen, aber als er gezwungen wurde, katholisch zu werden, ging er zurück nach Stuttgart, bekam eine Stelle als Regierungsrat und an der Uni Tübingen. Dort eckte er an wegen der Zensur. Verlor seine Stelle. Er wandte sich intensiv dem Glauben zu. Er wurde Prof. in Frankfurt an der Oder, geriet in Schwierigkeiten mit Kollegen und Ämtern. Es ging weiter nach Herrnhut, nach Hessen-Homburg, Hanau, ihn riefen Landstände ins Herzogtum Württemberg. Dort geriet er in einen VerfassungKonflikt zwischen Landständen und Herzog. Er machte sich unbeliebt, weil er Reformen anmahnte für Handwerker und andere. Der Herzog ließ während des 7-jährigen Krieges Truppen ausheben, um sie an Österreich zu vermieten. Moser wandte sich dagegen, wurde verhaftet und ohne Gerichtsverfahren für 5 Jahre inhaftiert. Weil er gerne schrieb, wurde ihm Schreibmaterial weggenommen. So hat er dann Texte mit Ruß an die Wand geschrieben bzw. mit einer Schere und anderen Gegenständen in die Wand eingekratzt. (1) Bei Pressel heißt es: „Während dieser Zeit verlor er seine edle, ihm in der Einigkeit christlichen Sinnes eng verbundene Lebensgefährtin, Friederike Rosine, geb. Vischer.“ Mit ihr hatte er einige Kinder. Viele setzten sich für ihn ein, sogar der Kaiser. Nachdem er entlassen worden war, wie es bei Pressel heißt: „zog er in wahrem Triumphzuge eines Märtyrers für Recht und Wahrheit nach Stuttgart zurück“, er arbeitete weiter, ging in den Ruhestand und war als Schriftsteller aktiv. Insgesamt soll er 500-600 Bücher geschrieben haben. Pressel weist darauf hin, dass er schon immer Gedichte geschrieben habe, besonders aber in der Haft. In seinem Vorwort (Miersebach, s.u.) beschreibt er, dass er während des Reisens mit der „Gutsche“ und auf dem Rücken der Pferde so manches Gedicht gedichtet habe. In manchen Gedichten, so schreibt er, hat er die von ihm gehörten predigten in Liedern zusammengefasst, damit unter anderem auch die Prediger selbst erbaut werden würden. Vor allem aber auch, damit er den Predigten zuhört und nicht mit Gedanken abschweift. Mit den Liedern legt er keinen Wert auf Poetische Lorbeerblätter, da sie (mit meinen eigenen Worten gesagt) erbauliche Gelegenheitsdichtungen sind. Es gibt, so Moser weiter, immens viele geistliche Lieder (er zählt 30.000), die von den Vorfahren gedichtet wurden. Er dichtet dennoch, weil auch durch diese Texte Menschen seiner Zeit „besonders gerührte und zum Guten beweget / oder darin befestigt wird / welches durch ein anderes Lied nicht geschehen wäre…“ Und er möchtet mit Moses sagen: Er wolle, dass alle weissagen.
Moser gilt als einer der Begründer des deutschen Staatsrechtes und des positiven Völkerrechtes. Am Sitz des Bundesverwaltungsgerichtes in Leipzig steht, so der WikipediaArtikel, eine Statue von ihm. Ein paar wichtige Schriften werden in dem Wikipedia-Artikel genannt.
Pressel gibt vier Gedichte wieder. Das erste ist in Leidenszeit geschrieben worden. Jede Strophe beginnt mit einem Begriff, so die erste Strophe: „Leiden ist jetzt mein Geschäfte“ , „Seufzen ist jetzt mein Geschäfte“, Weinen, Still sein, Beten, Leben „ist jetzt mein Geschäfte“ – usw. Diesen Eingangszeilen folgen Überlegungen der Bewältigung des Leidens aus dem Glauben heraus. Er blickt auf Leiden, Schmerzen, Tränen Jesu, blickt auf die Nähe von Jesus, blickt auf das Gute, das er von Gott empfangen hat. Die letzte Strophe lautet: „Sterben wird wohl mein Geschäfte / An dem End der Krankheit sein, / Und das gehet sauer ein, / Aber, wenn mein Aug erblicket / Meinen Jesum auf dem Thron / Und die mir bestimmte Kron, / So werd ich im Geist entzücket / Und mein Glaube rufet: Fort / Lieber heut, als morgen, dort.“ Im „Lied eines Kranken am Weihnachtsfest“ spricht er das Jesus-Kind an, das Fluch, Not, Tod, Schuld, Sünde auf sich genommen hat. Moser kann nicht mit der Festgemeinde in den Gottesdienst, weil er an das Bett gebunden ist. „Jedoch du wirst, / O großer Fürst, / Der du den Stall zur Wohnung dir ersehen, / Mein Kämmerlein, / Wie eng und klein / Es immer ist, gewißlich nicht verschmähen.“ und so wird sein Angstgemach, sein Krankenbett ein Himmel. Es schließt: „Genug geweint! / Dein Trost erscheint, / Der Himmel öffnet sich; schweig Ach und Wehe! / Der Engelchor / Hebt sich empor; / Ich singe mit: Ehre sei Gott in der Höhe!“ Miersebach zitiert in den Anmerkungen (188:94) ein Gedicht, in dem Moser an die um des Glaubens Willen Verfolgten denkt: „Ach! wie vile mögen jetzt Da und dort in banden sizen, Auf Galeeren, oder sonst In vil Not und Trübsal schwizen, Um des Wortes Gottes Willen, Weil sie andere gelehrt, Oder es nur selbst gelesen, Oder es nur angehört!“
Pressel druckt auch ein umfangreiches Loblied aus – 26 Strophen. Das dürfte heute so manchen dazu bringen, ihn zum Schweigen zu verdammen. Er lobt Gott für die Gaben, die er von Gott bekommen hat, die ihn aber auch über andere stellt, die er kennen gelernt hat: „Lob, daß ich nicht bin erzeuget / Und erzogen in dem Schlamm, / Wo Vernunft und Tugend schweiget!; / Aus so wilder Menschen Stamm, / Zwischen welchen und den Thieren, / Wenig Unterschied zu spüren; / Oder denen doch das Licht / Deines theuren Worts gebricht.“ Es sei aber beachtet, dass er sich bemühte, das Leben, die Situation der Menschen zu verbessern. Leider weiß ich darüber zu wenig, sodass ich es hier nicht ausführen kann. Im Unterschied zu dem berühmten Gleichnis von Jesus „Pharisäer und Zöllner“ leitet er wie geschrieben seine Gaben von Gott her und nicht aus sich selbst heraus. Darum dankt er Gott für diese Gaben. Dieses große Loblied endet in dem Aufruf: „Nun, so helft mir alle loben! / Lobet, die ihr um mich seid! / Lobet, die ihr seid dort oben! / Lob, du englisches Geleit, / Das mich vor den Thron soll bringen“ / Helft mir heilig, heilig singen, / Lobet Gott aus aller Macht! / Lobet Gott! es ist vollbracht!“
Wie auch Zacharias Hermann (1643-1716) zeichnet er auch in dem Gedicht „Bett= und Denck=Lied auf meinen eigenen Namen“ (Miersemann s.u. 129) seinen Namen in den Glauben ein bzw. den Glauben in seinen Namen. In dem Akrostichon mit 5 Strophen bittet er Gott, beginnend mit „MEein GOtt!“, dass Gott ihm helfen möge, ein gottgemäßes Leben zu führen. Die letzte Strophe beginnt freilich mit dem Buchstaben R. In der letzten Zeile bittet er darum, „Daß deiner vatter=treu ich mich ganz übergeb / Auch dir / und nicht der welt / so lang ich lebe / leb.“ In dem Gedicht, das Miersemann (130) veröffentlicht „Trost=Lied in Wiederwärtigkeiten. Auf meiner Ehliebstin Namen gerichtet“ – wird, wie der Titel schon sagt, der Name seiner Frau eingebunden. Die ersten fünf Strophen beginnen mit den Buchstaben des Nachnamens, also Moser, aber warum die zwei letzten Strophen mit J bzw. N. enden, kann ich nur vermuten. Denn seine Frau hieß Friederike Rosine. J und N könnten nicht Namens Initiale sein, sondern pietistische Zustimmung zu Gottes handeln („Ja“) und Vorsatz zum Handeln („Nun“)? Inhaltlich ist hervorzuheben, dass er seine Notzeit als eine Strafe von Gott interpretiert. Und weil sie Strafen von Gott sind, sind sie zum Guten zu verwenden, bis Gott sie von der Strafe befreit. Seine Antwort auf die Theodizeefrage. Diese Vorgehensweise, Namen im Gedicht einzubinden, reflektiert er in seinem Vorwort, s. Miersemann 124f.
Es wird deutlich, dass der Glaube an den Fürsten Jesus Christus die irdischen Fürsten in ihrer absolutistischen Sucht in einem anderen Licht erscheinen lassen. Sie sind mächtig – aber das Kind in der Krippe ist mächtiger. Und Glaubende erwartet die Krönung durch Gott. Die Botschaft ist auch mächtiger als Gefangenschaft und Krankheit es sind. Von daher sind sie nicht mehr irdisch einzuordnen, sondern eben als Herausforderungen, die im Glauben bewältigt werden können.
(Ich werde mich weiter mit ihm beschäftigen, entsprechend diesen Beitrag immer mal wieder fortführen.)
(1) Eindrücklich beschrieben – auch dass er auf Klopapier Gedichte geschrieben hat – von ihm in seiner „Lebens=Geschichte“; s. W. Miersemann: Dichten als Dienst´ am `Neben=Christen´. Zu Johann Jacob Mosers Liedschaffen, in: Andreas Gestrich / Rainer Lächele (Hg): Johann Jacob Moser. Politiker, Pietist, Publizist, Karlsruhe 2002. 116 (Südwestdeutsche Persönlichkeiten)
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An dieser Stelle ist für mich von besonderem Interesse auch der Beitrag von Iris Guldan: Johann Jacob Moser als Journalist. In diesem Beitrag wird geschrieben, dass Moser sehr früh schon in den Fachzeitschriften-Markt engagiert war (Beginn der 1720er Jahre). Er gab für wenige Jahre eine juristische Zeitschrift heraus: auf deutsch und sein Anliegen bestand darin, Unparteiisch zu sein, sich an der Wahrheit und Recht zu orientieren statt an Staatsraison. (136) Mit seiner Rezensions-Zeitschrift hat er sich mächtigen Ärger eingehandelt. Er hat nicht nur juristische Zeitschriften herausgegeben, sondern auch jeweils für wenige Jahre verschiedene religiöse Zeitschriften. Auch Erbauungszeitschriften gab es schon vor Moser, aber er gab 1733 die erste in Württemberg Erscheinende heraus, um im pietistischen Duktus dem Glauben und damit dem Wachsen des Reiches Gottes zu dienen. Diese Erbauungszeitschriften veröffentlichte er nur bis 1753. Nach seiner Inhaftierung gab er nur noch juristische Zeitschriften heraus.
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