Scham- und Schuldkultur

Ich habe meinen Beitrag zum Thema Scham- und Schuldkultur, den ich schon einmal veröffentlicht hatte, mit den letzten drei Punkten erweitert:

1. Scham- und Schuldkultur

Die strikte Unterscheidung zwischen Schamkultur und Schuldkultur (1) ist umstritten. In den Kulturen ist beides vorhanden – jedoch in unterschiedlicher Gewichtung. Aber dennoch hat diese Beobachtung von Ruth Benedict etwas, das so manches erklärt. Der Nahe Osten bis hin nach China/Japan vertritt tendenziell die Schamkultur: Menschen schämen sich, wenn ihr Tun von der Gesellschaft nicht gedeckt wird und entdeckt wird. Die christliche – vor allem neutestamentlich-protestantische Schuldkultur – betont das Gewissen, betont die Verantwortlichkeit des Menschen, und dass er selbst seine Schuld entdeckt, wenn er etwas getan hat, das Gottes Willen nicht entspricht.

Aus jüdisch-christlicher Perspektive müssen wir von Schuld sprechen.  Menschen sind schuldig geworden, weil sie sich an anderen gegen Gottes Willen vergangen haben. Jeder erkennt seine eigene Schuld.

Wenn aus östlicher Perspektive von schlimmen Vergehen der Menschen gesprochen wird, dann tritt die Scham in den Vordergrund: Die Gesellschaft akzeptiert eine Handlung nicht, diejenigen, die sich vergangen haben, sollen sich schämen und die Konsequenzen ziehen.

Das innere Gericht (Schuldkultur) – das äußere gesellschaftliche Missbilligen (Schamkultur). In der Schuldkultur tut man etwas nicht, weil man sich innerlich zur Rechenschaft zieht – in der Schamkultur tut man etwas nicht, weil man Angst hat, es könnte von den anderen entdeckt werden, oder man tut etwas, weil man davon ausgeht, dass man nicht entdeckt wird. Bei der Schuldkultur würde man das nicht tun, weil der innere bzw. göttliche Richter immer anwesend ist. In der Schuldkultur ist der Mensch Knecht seines Gewissens/Gottes, der Mensch „entehrt“ sich vor sich selbst – in der Schamkultur ist man Knecht der Gesellschaft / Gemeinschaft, denn das Ehrgefühl ist verinnerlicht und handlungsweisend. In der Schuldkultur kann das Individuum die Gesellschaft anklagen, wenn diese gegen göttliche oder moralische Gesetze (Menschenwürde) verstößt – in der Schamkultur ist das nicht möglich, weil die Gesellschaft selbst die höchste moralische Instanz und Richterin ist. Wer sie kritisiert, schließt sich aus.

Wenn man sich über das, was Menschen einander antun können, für die Menschen schämt, schämt man sich über das Tun anderer – bei der Schuld merkt man, dass schlimmes Tun auch in uns selbst steckt, wenn wir uns nicht nach Gottes liebenden Willen für alle Menschen ausrichten.

Wie eingangs gesagt: Eine strikte Trennung ist umstritten – aber ich denke, diese Erkenntnis hat etwas Erhellendes, das vor allem auch mit Blick auf die Auseinandersetzung des Islam und der chinesischen Regierung mit dem Christentum. In der Schuldkultur ist das Individuum bedeutsam – in der Schamkultur wird die Gruppe böse, wenn das Individuum seinen eigenen Kopf behält und gar sagt: Die Gesellschaft, das Kollektiv, die Ummah, die Gemeinde tut Unrecht.

Der Islam hat auch die Schuldkultur in dem Sinn, dass (fast) jeder im Gericht vor Allah stehen wird – aber die Schamkultur ist im sozialen Miteinander weit verbreitet: Die Ummah ist eine kollektivistische Größe, in der in der Realität das Konzept der Ehre eine größere Rolle spielen kann, als die Angst vor individuellem Schuldigwerden.

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Es sieht so aus, als habe sich die Schuldkultur in Europa auf breiterer gesellschaftlicher Ebene erst im Mittelalter verbreitet, als im 13. Jahrhundert die Beichte in der Kirche wichtig wurde. Denn durch die Beichte erkannte jeder Mensch: In mir selbst steckt das Böse. Das ist zwar schon lange vorher von Jesus, Paulus, Augustinus und anderen so ausgesprochen worden, wurde aber erst sehr spät allgemein bewusst. Und dieser Ansatz wurde dann Grundlage der Schuldkultur in Mitteleuropa.

In der Neuzeit wurde diese Selbsterkundung durch die Pietisten wieder weit verbreitet: Der Mensch muss sein Tun kontrollieren, muss es mit den Vorgaben der Bibel abstimmen, damit er ein Gott gemäßes Leben führen kann. Während die Beichte von Priestern abgenommen wurde, findet die Selbsterkundung der Pietisten allein zwischen dem Glaubenden und Gott statt. Ich verhalte mich nicht gut, weil ich einem Priester beichten muss, sondern weil ich vor Gott selbst stehe. Interessanterweise hat diese Fokussierung auf das Gewissen dazu beigetragen, das Gewissen von Gott zu lösen und säkular eigenständig werden zu lassen.

Auch das Erkennen eigener Schuld muss also gelernt werden.

2. Cancel Culture

Was geschieht mit einer Gesellschaft, in der der christliche Ansatz immer stärker verschwindet? Wird dann die Schamkultur wieder zum Vorschein kommen? Oder eine ganz andere Form des Umgangs mit Schuld?

Hier wird dann die so genannte Cancel Culture interessant: Gott wird nicht mehr als Richter anerkannt – Richter ist die Social-Media-Öffentlichkeit. Wer nicht angepasst ist, wird durch Shitstorm / Empörung an den Pranger gestellt und hat nur wenig Chancen, wieder frei im öffentlichen Diskurs mitreden zu können (wobei von manchen Gruppen auch versucht wird, die digitale Öffentlichkeit in die persönliche Lebenswelt hin zu übertragen: Kennzeichnen des Hauses, in dem er wohnt, „Sensibilisierung“ der Mitmenschen gegen den politisch und moralischen Unhold).

Das können sich auch staatliche und gesellschaftliche Aktivisten zunutze machen. So werden Menschen, die nicht im Mainstream mitgehen, durch staatsnahe Kampagnen (mit Hilfe der so genannten „Zivilgesellschaft“) und durch juristische Bedrohung systematisch ins gesellschaftliche Abseits gedrängt. Dafür gibt es den Begriff „Lawfare“, das heißt: Das Gesetz wird zur Kriegsführung gegen den politischen, moralischen Gegner missbraucht.

Hier greift weder der Begriff Schamkultur, denn der so Angegriffene muss sich nicht schämen, weiß sich sogar im Recht. Auch der Begriff Schuldkultur greift nicht, denn der Angegriffene muss keine Schuld haben, schuldig sind eher die Angreifer. Die entscheidende Instanz ist nicht Gott, ist nicht das Gewissen, ist nicht die traditionelle Gemeinschaft – die entscheidende Instanz ist der Teil medialer Öffentlichkeit, der meint, aktiv gegen ein Individuum vorgehen zu müssen.

3. Bekämpfung der traditionellen Scham- und Schuldkultur

Ein weiterer Aspekt muss aufgrund digitaler Möglichkeiten bedacht werden:

Früher waren Menschen, die im Dorf sexuell kriminelle Gedanken hatten, oder auch anderweitig kriminell waren, ohne Rückhalt, mussten alles heimlich machen oder irgendwie mit sich ausmachen. Heute finden Menschen mit asozialen Gedanken in Social Media oder im Darknet Gesinnungsgenossen. Sie schämen sich nicht mehr, sie empfinden keine Schuld, weil sie sich als Teil einer Gruppe wissen, die ähnlich denkt, ähnlich drauf ist. Sie schützen sich im Grunde vor der traditionellen Scham- und Schuldkultur.

Es entsteht eine Subkultur, deren Taten und Gedanken von der Gesellschaft als pervers oder kriminell angesehen und tabuisiert werden, die aber durch die Kommunikation mit Gleichgesinnten in ihren „Echokammern“ immer stärker als normal angesehen werden. Sie denken, dass das, was sie tun und denken, normal ist. Die Gesellschaft, die das ablehnt, ist für sie heuchlerisch und verlogen. Das, was ihre Gruppe sagt und tut, ist wichtiger als das, was die Gesellschaft durch die Gesetze festgeschrieben hat.

Sie schämen sich ihrer Gedanken und Taten nicht, fühlen sich als Teil einer Subkultur, Teil einer Untergrundbewegung. Früher fühlten sie sich als Opfer der Gesellschaft – jetzt bekommen sie in ihrer Subkultur immer mehr Anhänger. Sie erschaffen sich eine Ersatzgemeinschaft, in der das, worüber sich Menschen schämten und schuldig fühlten, normal wird – und schämen und schuldig fühlen sollte sich die Gesellschaft. Das heißt: Der Vorwurf wird zurückgegeben: Ihr solltet euch schämen, ihr seid schuldig! Es bleibt also nicht bei Verteidigung der eigenen Verhaltensweisen, sondern geht über in den moralischen Angriff.

Die Mechanismen von Scham- und Schuldkultur werden gegen die Gesellschaft selbst verwendet. Der Spieß wird sozusagen umgekehrt: traditionelle Moral, Kinderschutz, Schutz der Frauen, die staatliche Ordnung werden diffamiert.

Aus Sicht der Gesellschaft ist eine solche Subkultur im Grunde eine kriminelle Vereinigung, deren – aus Sicht der Gesellschaft – perverse oder kriminellen Mitglieder sich asozial verhalten gegenüber anderen. Gesellschaftliche Werte können nun aber dadurch erodieren, indem diese Subkultur immer aggressiver in die Gesellschaft eindringt und versucht, die Deutungshoheit zu bekommen, letztlich auch gesetzlich geschützt wird. Die Schuld- und Schamkultur wird als Unterdrückungsmechanismus propagiert, als rückständig – man selbst sei fortschrittlich, aufgeklärt, religiös, weltanschaulich im Recht. Menschen, die an traditionellen Werten festhalten, werden immer stärker diffamiert und isoliert. Eine moderne Gesellschaft wird durch das Internet immer stärker der Kampfplatz unterschiedlichster Kulturen und Subkulturen.

Es geht also nicht mehr so sehr um eine kollektive Schwerpunktsetzung auf Scham oder Schuld. Die Gesellschaft wird durch Dynamiken von Gruppen im Internet und dem Übergang in das reale Leben stärker fragmentiert. Sie wird zum Kampfplatz unterschiedlichster Vorstellungen von Scham und Schuld.

4. Christliche Sicht

Aus christlicher Sicht wird sich dann doch das immer wieder durchsetzen, was Gott an Werten den Menschen mitgegeben hat. Im 19. Jahrhundert entstanden Materialismus, Nationalsozialismus, Marxismus – mit ihren jeweils eigenen Gott verleugnenden Werten. Diese fanden dann ihren blutigen Höhepunkt im 20. Jahrhundert. Sie kollabierten, scheiterten an ihrer asozialen Gesinnung. Sie haben zwar immer noch mächtige Vertreter, aber nicht mehr die Macht (was nicht heißt, dass diese nicht wieder zur Macht kommen können, da der Mensch eben ein sündiges Wesen ist und empfänglich für alle möglichen Verführungen). Die Systeme – aber auch die destruktiven Subkulturen – brechen immer wieder zusammen, weil sie gegen die Schöpfung angehen. Gottes Ordnung ist durch seinen Geist tiefer im Menschen am Wirken, als Ideologen es meinen.

(1) Zunächst beschrieben von der Anthropologin Ruth Benedict.

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