Paul Gerhardt: Herr, der du vormals hast dein Land

Ich habe bislang zur Erinnerung an Paul Gerhardt, der vor 350 Jahren gestorben ist, ein paar Lieder angedacht: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/09/albern/ („Ich hab oft bei mir selbst gedacht“ und „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“); https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/08/ich-singe-dir/ („Ich singe dir mit Herz und Mund“); https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/07/befiehl-du-deine-wege/ („Befiehl du deine Wege“). https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/10/geh-aus-mein-herz-und-suche-freud-2/ („Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ – EG 503). Ebenso das Lied: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/11/paul-gerhardt-o-haupt-voll-blut-und-wunden/ (O Haupt voll Blut und Wunden – EG 85) und https://blog.wolfgangfenske.de/2026/06/12/paul-gerhardt-auf-auf-mein-herz/ (Auf, auf, mein Herz mit Freuden – EG 112)

Heute möchte ich das Fürbittgebet: „Herr, der du vormals hast dein Land mit Gnaden angeblicket“ (EG 283) ein wenig beleuchten.

In der ersten Strophe wird auf die Vergangenheit geschaut. Das Land wurde schuldig und wurde darum gebunden – aber Gott hat es gnädig von den Fesseln befreit, den Menschen verziehen. Paul Gerhardt greift den Psalm 85 auf. Im Psalm geht es um Israel: Gott hat das Volk aus der Sklaverei in Ägypten befreit. Der Psalmsänger greift vermutlich in der Zeit babylonischer Gefangenschaft dieses geschichtliche Befreiungsereignis auf, um für die eigene Gegenwart Hoffnung zu bekommen, Mut zu schöpfen. Paul Gerhardt wiederum übernimmt den Psalm für seine Gegenwart: Es geht um das Land, also den Bereich des Heiligen Römischen Reiches, das von dem Dreißigjährigen Krieg verwüstet wurde – doch in der dritten Strophe geht es um alle Länder, in denen Christen wohnen.

Im weiteren verlauf des Liedes fragt er Gott, ob er nicht wieder dem Land aufhelfen möchte, damit es den Menschen gut gehe. Und er bittet um Gottes Segen für die Menschen. Und wünscht sich, dass überall das Friedenswort laut wird, dass Gott dem Krieg und dem damit verbundenen Unglück, der Tyrannei, der Verwahrlosung, den Seuchen ein Ende bereiten möge.

6 – EG: 4) Ach, dass doch diese böse Zeit
bald wiche guten Tagen,
damit wir in dem großen Leid
nicht möchten ganz verzagen!
Doch ist ja Gottes Hilfe nah,
und seine Gnade stehet da
all denen, die ihn fürchten.

In dieser Strophe geht Paul Gerhardt dazu über, die Nähe der Hilfe Gottes denen zuzusprechen, „die ihn fürchten“. Damit beginnt nun sein ganz praktischer Kampf gegen die moralische und geistliche Verwahrlosung der Menschen seiner Zeit:

7 – EG: 5) Wenn wir nur fromm sind, wird sich Gott
schon wieder zu uns wenden,
den Krieg und alle andre Not
nach Wunsch und also enden,
dass seine Ehr in unserm Land
und allenthalben werd erkannt,
ja stetig bei uns wohne.

Paul Gerhardt fordert uns auf: Wir Menschen müssen schon jetzt in dieser schlimmen Zeit ein gottesfürchtiges Leben führen. Wenn wir miteinander im Sinne Gottes gut umgehen, dann wird Gott auch das Seine tun, den Krieg in Frieden und alle Not wenden. Wenn wir Menschen Gott ehren, dann wird es in unserem Land anders. Ganz anders.

Auch das beschreibt er im Anschluss mit dem Psalm – schöner kann es kaum ausgesprochen werden:

8 – EG: 6) Die Güt und Treue werden schön
einander grüßen müssen,
Gerechtigkeit wird einhergehn,
und Friede wird sie küssen;
die Treue wird mit Lust und Freud
auf Erden blühn, Gerechtigkeit
wird von dem Himmel schauen.

9 – EG: 7) Der Herr wird uns viel Gutes tun,
das Land wird Früchte geben;
und die in seinem Schoße ruhn,
die werden davon leben.
Gerechtigkeit wird dennoch stehn
und stets in vollem Schwange gehn
zur Ehre seines Namens.

*

Nun gibt es etwas, das noch hervorzuheben ist: Die ursprünglichen Strophen 2 und 3 wurden im EG weggelassen. Sie greifen den Psalm auf, in denen Gottes Zorn und Gottes Grimm angesprochen wird. Das passt anscheinend nicht mehr in unsere Zeit, in der nur der „liebe“ Gott in der süßlichen Definition von „Liebe“ verkündet wird.

Doch die wahre Liebe Gottes, wie Paul Gerhardt sie verkündet, besteht gerade darin, dass Gott seinen Zorn, seinen Eifer, seinen Grimm durch seine Liebe überwinden lässt. Von der Gnade Gottes kann nur sinnvoll geredet werden, wenn Gott zuvor anders erfahren wurde. Dieser heilige, zornige, grimmige, eifernde Gott – kann und darf gebeten werden. Der Mensch ist von ihm abhängig, aber der Mensch kann ihn bitten:

nimm weg und hebe auf in Eil,
was uns betrübt und kränket.

bzw.

Erfreu und tröst uns wiederum
nach ausgestandnem Schaden.

Erst dann, wenn diese Strophen vorangehen, können wir verstehen, warum die Strophen in EG 2 und 5 darauf zu sprechen kommen, dass Gott uns wieder laben, Gutes tun möge, dass er sich uns wieder zuwenden wird. Diese Aussagen hängen ohne die zwei ursprünglichen Strophen 2 und 3 unlogisch und grundlos im Raum. Mit diesen Strophen wird erkannt, dass Gott auch unangenehm sein kann für den Menschen, dass es gefährlich ist, sich von Gott abzuwenden. Gott ist ein Gott der Gerechtigkeit, der nicht alles durchgehen lässt, was die Menschen tun. Wenn sie gegen seinen Willen handeln, Menschen traktieren, dann geht es einem Land schlecht.

Anders gesagt: Wenn Menschen nicht gottgemäß handeln, fallen sie übereinander her. Gottes Zorn, Grimm besteht darin, den Menschen diese Freiheit zum Schrecken zu lassen: „Wenn ihr schon mich verlassen und übereinander herfallen wollt, weil ihr euch von mir abgewendet habt, dann tut es. Aber ihr müsst die Konsequenzen tragen. Wenn ihr wieder zur Besinnung kommt, dann werde ich auch wieder das Zusammenleben gelingen lassen.“

Es ist ein tiefes Beziehungsgefüge, ein enges, verflochtenes Miteinander zwischen Gott und Mensch, Mensch und Gott: Wenn der Mensch liebt, gerecht, treu ist, dann lässt Gott es dem Land gut gehen. Wenn der Mensch lieblos, ungerecht, untreu ist, dann überlässt Gott das Land eben sich selbst. Er wendet sich ab.

Von daher ist es Paul Gerhardts brennendes Anliegen, die Menschen, die Gott fürchten, dazu aufzufordern, wieder ein frommes, ein gottgemäßes, ein den Menschen zugewandtes Leben zu führen. Sie sollen sich vom Bösen nicht treiben lassen, sondern diesem Widerstand entgegensetzen.

Der Lohn wird groß sein. Das beschreibt er dann in den oben zitierten Strophen 8 und 9. Genau damit – mit den Bildern von Frieden, Recht und Früchten – lockt er die Menschen, sich so zu verhalten, wie Gott es will.

Wenn wir diesen Text heute singen oder lesen, wird er auch in unsere Zeit als Mahnung hinein gesprochen.