Rose Maynard Barton lebte von 1856 bis 1929. In meinen Betrachtungen (https://blog.wolfgangfenske.de/2026/05/17/malerinnen-und-maler/) spielt nicht nur das Thema „Licht“ eine Rolle, sondern manchmal auch die Zeit, in der die Malerinnen und Maler lebten. Sie sind Zeugen ihrer Epoche – so eben auch Zeugen einer Vergangenheit, die wir so nicht mehr kennen. Das wird bei dieser Malerin besonders deutlich. Sie zeigt vielfach das Leben der Menschen in Städten und an Küsten.
Deutlich wird wieder einmal eine ganz andere Welt als die unsere es ist: Segelschiffe statt Motorschiffe, Kutschen und Pferdewagen statt Pkw und Lkw, Kleidungsstile, die heute aus der Mode gekommen sind. Oft sind Frauen mit Kindern unterwegs, bei Sonnenschein unter Schirmen, Männer mit Zylindern oder Menschen auf dem Land, beim Melken, Pflügen, Ernten.
Um auch hier auf das Licht hinzuweisen: Viele Gemälde wirken, als liege ein feiner Schleier aus Nebel oder Dunst über der Szenerie. Regen spielt häufig eine Rolle und die Spiegelungen des Lichts auf den nassen Straßen fallen besonders auf; sie scheinen die Stadtwelt zu verzaubern. Im Vordergrund ist manches sehr bunt – während Gebäude im Hintergrund stehen: groß und mächtig mit beinahe weißen Flächen aufragend. Vor allem Kathedralen – aus der Distanz, aber „farblos“, gleichzeitig mächtig, standhaft, traditionelles Monument im Gewusel der Zeit, gleichzeitig aber auch wird dadurch der Verlust alter Gewissheiten signalisiert. Rose Maynard Barton ist im Grunde eine Malerin der Welt im Nebel-Regen-Dunst. Das muss nicht überraschen, denn sie wurde in Dublin geboren und malte auch in London.
Aber nicht nur der Wohnort dürfte eine Rolle spielen: Neben dem Stolz auf die technischen Errungenschaften beherrschte auch einen Teil der Menschen der Gedanke an die Ungewissheit des Daseins, alles wandelt sich, ist im Umbruch. Der Mensch, der sich groß fühlte, merkt, wie klein er ist, wie er im Nebeldunst des Lebens leben muss. Gewissheiten verschwimmen. Ich denke da an Nietzsche und co. Vielleicht lassen sich aus dieser Zeit auch die Bilder der Malerin verstehen. Aber: Die Bilder der Malerin werden weitgehend nicht von Tristesse bestimmt, sondern, wie geschrieben: die Welt wirkt wie verzaubert. Und das erstaunt vor allem auch darum, weil das Leben gerade der Armen hart war, der giftige Smog in der Luft hing. So entsteht der Eindruck: Es ist ein bereinigtes Stadtbild. Das bedeutet, um auf das eingangs Gesagte zurückzugreifen: Die Malerin malt ihre Zeit, beschönigt sie aber. Sie verklärt das Niederdrückende durch das sich spiegelnde Licht. Manche Menschen der Zeit, in der die Malerin lebte, sahen die Stadt als Monster – sie als schönen Lebensraum. Gemälde als Flucht vor der Realität – oder anders gesagt: als Konzentration auf die schönen Seiten.
Auffallend ist zudem, dass die Menschen angesichts der hohen Häuser, angesichts der Weite der Natur meistens klein gemalt werden. Der Mensch in seiner neuen, durch ihn geschaffenen „Natur“, der Stadt, verschwindet, wird erdrückt von dem, was er „erschuf“. Nicht selten sind einzelne Menschen Teil einer Menge, was verdeutlicht: Würde ein Mensch allein das Motiv bilden, würde er in der großen Stadt verschwinden. So verschwindet er in der Menge – wird dadurch aber sichtbar. Der Darwinsche Mensch – die Entthronung des Menschen, die berühmte Kränkung des Ebenbildes Gottes. Wird sie hier deutlich?
Freilich gilt das nicht für alle Bilder. Auf den Gemälden, auf denen sie Kinder wiedergibt, sind diese deutlich zu erkennen und sie werden im Grunde groß dargestellt. Die Kinder erscheinen als Individuen – die Erwachsenen sind als Individuen nicht im Blick, sondern wirken im Zusammenspiel mit der Menge, der Architektur und der Wetteratmosphäre. Werden die Kinder deswegen so bevorzugt gemalt, weil sie auf die Zukunft hinweisen?
Nur am Rand: Ich finde das Bild mit dem Kind, das in der Kirchenbank schläft, ansprechend. Aber einzelne Bilder zu vertiefen, ist nicht mein Thema.
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