Maler 52: Valerius de Saedeleer

Wenn man durch eine tief verschneite Landschaft geht, dann ist die Stille auffällig. Man selbst wird Teil der Stille, sie durchdringt den Menschen, der als kleines Wesen in ihr steht. Diesen Eindruck hinterlassen manche Bilder von Valerius des Saedeleer (1867-1941). Es sind Naturbilder – aber Naturbilder als Seelenbilder. Wie das Empfinden in der Schneelandschaft ein Empfinden in der Natur ist, aber gleichzeitig den Menschen in seiner Seele ergreift. Und in der Schneelandschaft gibt es auch nicht nur Schnee, sondern kahle Bäume zu sehen. Das kann die Schneelandschaft triste machen, und ein schwermütiges Gefühl ergreift den Menschen in der Schneelandschaft. Oder die Schneelandschaft in der Abenddämmerung – sie kann erhellen, aber sich auch bleiern auf den Menschen legen. Dieses bleierne Licht wird auch in anderen Bildern deutlich, nicht nur in Schneelandschaften. Die Sonne als orange oder weiße Kugel hängt in den Bäumen, sie hat keine Kraft, das Dunkel zu vertreiben, sie ist irgendwo fern. Sie bestärkt im Grunde das Dunkel. Der Himmel ist häufig sehr massiv bedrückend, schwer. Ich habe in der oben auf Youtube gefundenen Darstellung der Bilder keines gefunden, das wirklich die Schönheit, das Beseligende einer glitzernden Schneelandschaft wiedergibt. Oder anders gesagt: Die Bilder zeigen keine fröhliche Winterfreude, keine gleißende Helligkeit, sondern (feierliche) Melancholie. Kurz: Es sind ausdrucksstarke Seelenbilder des Malers, die sich wie eine Schneelandschaft auf die Seele des Betrachters legen können. Erwähnenswert finde ich das Bild, in dem Bäume in einer Winterlandschaft schützend geneigt über einem Bauernhof stehen.

Auch dieser Maler ist wie einige der hier vorgestellten Maler des 19. und 20. Jahrhunderts einer, der aus den Wirren des Industriezeitalters die alte Welt sucht. Manche inszenierten die schöne, ewige Natur als Kontrast zu den industriellen Machenschaften – manche, wie dieser Maler, flüchten in das innere Seelenleben. Die rauchenden Schlote meidend – aber der Himmel der Seele ist dunkel wie der gemiedene Himmel über den Städten. Dennoch besteht die Absicht wohl auch hier, die ewige Natur als stille Gewalt darzustellen, die sich auf die Seele legen kann, somit anders als die rauchenden Schlote und die laute Industrie Menschen zur Ruhe bringt, auf sich selbst zurückwirft. Ich weiß leider nicht, ob die Menschen vor der lauten Neuzeit die Stille einer Schneelandschaft genossen haben. Oder ob das Genießen der Stille einer Schneelandschaft erst Folge einer lauten Welt ist. Dazu müsste man Texte aus der Literatur heranziehen. Was ich zeitlich nicht leisten kann.

Nicht übergangen werden darf, dass diese symbolischen Bilder der melancholischen Ruhe wohl mit seiner Hinwendung zum christlichen Glauben zu tun haben (s. Wikipedia-Artikel). Vorher malte er das Sichtbare – nun versuchte er das Ewige hinter dem Sichtbaren zu malen, die (eigene) Seele der Schöpfung in den Landschaften. In den Winterlandschaften ist alles reduziert, wie ich oben beschrieben habe, aber eben von Empfindungen reich erlebbar. Die kahlen Bäume – Hingabe an die Situation – standhaftes Überdauern der Reduktion, der schweren Zeit. Der christliche Glaube ist nicht in der Symbolik zu finden (z.B. Kreuze), sondern in der Haltung des Malers, der die erwartungsvolle Zeit häufig düster malt, die Zeit vor dem Frühling.