Folter – Menschenopfer – Recht und Ordnung

Ein paar Überlegungen aus dem Ärmel geschüttelt – aufgrund der Beschäftigung mit Anne Askew, die ich vermutlich morgen vorstellen werde.

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Menschen opfern Menschen, um Macht zu bekommen, um Macht zu stabilisieren. Menschenopfer haben wichtige soziale Funktion: Hierarchien werden angezeigt, durchgesetzt. Widerstand soll gebrochen werden. Das gab es zum Beispiel unter dem Caesar Tiberius, Diokletian, das gab es unter chinesischen und japanischen Herrschaften, im Zusammenhang von religiösen und säkularen Ideologien, bei der Mafia. Ich sehe den Begriff „Menschenopfer“ nicht nur religiös, dass irgendwelchen Gottheiten Menschen geopfert werden, sondern als soziales Phänomen – auch dann, wenn es religiös begründet wird.

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  • Es ist manchmal schwer zu entscheiden, ob Folter nur gegen Kriminelle eingesetzt wurde, denn Widerstand, andere Meinungen galten als kriminell, weil sie die Hierarchie in Frage stellte. Menschen wurden aus meiner Sicht geopfert, um die soziale Ordnung zu erhalten. Menschen wurden auch geopfert in Mittel- und Südamerika, in manchen Stämmen Afrikas zudem, um die unsichtbaren Mächte, die Geister, Dämonen, Gottheiten zu befriedigen – also in die soziale Ordnung wurden diese Mächte einbezogen. Nicht nur Herrscher brauchten solche Unterwerfungen, sondern auch, so die Vorstellungen, Gottheiten. Aber die Gottheiten dienten der Stabilisierung der Macht mancher Menschen.
  • In katastrophalen Zeiten drohte die soziale Ordnung zusammenzubrechen. Herrscher verloren angesichts der Katastrophen ihre Macht, weil sie die Weltordnung nicht mehr aufrechterhalten konnten. Entsprechend wurden Opfer gesucht, denen man das Zusammenbrechen der Ordnung zugewiesen hat. Da Menschen in einem Rechtssystem lebten, wurde das Recht nicht nur dazu eingesetzt, dem Individuum zum Recht zu verhelfen, sondern dazu, die Ordnung wieder herzustellen, auch mit Blick auf die Gottheiten. Das Recht wurde zu einem Instrument der Vernichtung religiöser und politischer Gegner, die für das Zerbrechen der Ordnung verantwortlich gemacht wurden. Das im europäischen Bereich religiös (Hexen), das säkular (Juden) – wobei religiös/säkular ineinander verschwimmen konnte. Ich fand die Idee von René Girard einleuchtend, dass Menschen Sündenopfer benötigen.
  • Was an Mafia und an terroristischen Systemen wie auch jetzt im Iran erkannt werden kann: Menschen begehen Verbrechen – und sie werden dadurch an das System gebunden, weil sie unter einem anderen System für ihre Verbrechen haften müssen. Von daher verteidigen sie die verbrecherischen Systeme auch um des Eigenschutzes Willen.
  • In manchen Kulturen wurde dieses hierarchische System bis ins Jenseits ausgeweitet, sodass Menschen geopfert wurden, damit diese die Hierarchie aus dem Diesseits im Jenseits fortsetzen. Das nicht nur in Indien mit Blick auf die Ehe, die Frau musste dem Mann in den Tod folgen, sondern vor allem auch im China der Shang-Dynastie ging es um die Stabilisierung der Hierarchien auch im Kontext der Ahnen.
  • Dass Menschen geopfert und gegessen wurden, um die Kräfte der ermordeten einzuverleiben, ist auch bekannt.
  • Besiegte wurden in vielen Bereichen geopfert – auch bei den Römern, nachdem sie zur Schau gestellt wurden in den demütigenden Triumphzügen, konnte eine Tötung vorkommen – was das Reich zusammenhalten sollte. Das bestätigt die Macht der Herrscher, des Militärs, was sich dann auf die Menschen eines Landes, eines Volkes übertragen hat: Wir sind die Sieger, wir haben Macht, wir sind die Herrscher… Aber das bestätigte auch die Ordnung: unsere gute Ordnung setzt sich durch, sichtbar an den Besiegten.
  • Um die Macht über die politischen und anderen Feinde zu zeigen, haben assyrische Herrscher Strafpraktiken propagandistisch auf Reliefs darstellen lassen. Häutungen, Pfählungen, Blendungen, Enthauptungen… Staatlich organisierte Terrorpolitik war also in vielen Bereichen der Welt nicht unüblich – auch in ihrer propagandistischen Hervorhebung. Und was zum Beispiel auch in den Gefängnissen zaristischer Zeit durch die Geheimpolizei verbrochen worden ist, ist auch bekannt. Aber eben: Was manchmal propagandistisch hervorgehoben werden konnte, hat man in anderen Zeiten zu verbergen gesucht. Nur: Das Verbergen war bewusst nicht ganz geheim, denn dadurch, dass man manches durchsickern ließ, wollte man politische Widersacher einschüchtern.
  • Vielfach wurde aber erkannt, dass es besser ist, die Menschen zu versklaven, als sie zu töten, da dadurch der Reichtum des Stammes, des Landes, des Herrschers vermehrt wird.

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Ich hatte das soeben auf „staatliche“ Machtstrukturen bzw. hierarchisch organisierte Gruppen bezogen. Aber die Gewalt spielt auch im unteren Bereich statt, um Macht zu sichern. So in Familien-Clans, auf Ebene der jeweiligen Stämme, in den Familien. Menschen unterziehen sich gewalttätigen Initiationsriten bzw. werden ihnen in der Kindheit und Jugendzeit unterzogen, wodurch eben die Loyalität zu dem jeweiligen Stamm „bewiesen“ wird. Es ist nicht nur der Schmuck, das Anmalen, das Zugehörigkeit signalisiert, sondern auch die im gewalttätigen Initiationsritus bewiesene Unterwerfung.

FamilienClans in China, eine konfuzianistische Struktur: die Ahnen müssen geachtet werden, die Ältesten einer Familie ebenso. Dadurch wird eine Hierarchie gebildet, die auch Unterwerfung unter die Herrscher erfordert. Rom kannte das – der pater potestas. Bei den Arabern war das üblich, ebenso ist das aus afrikanischen Stämmen bekannt. So ein bisschen kennen wir das aus Europa noch vom „Hausherrn“. Diese Herrscher der Familie hatten Macht, alles zu entscheiden: über Heirat, als Richter in Streitigkeiten, konnten den Ausschluss aus dem Sozialverband beschließen, was im Grunde wie ein Todesurteil sein konnte. Die soziale Sicherheit, es gab ja keinen Staat in unserem Sinn, wurde so garantiert, die Ordnung wurde auf diese Weise legitimiert. In manchen Bereichen werden auch in Firmen diese Strukturen fortgesetzt, vor allem dann, wenn viele Menschen auf einen Arbeitsplatz angewiesen sind. Dann sind sie auch erpressbar, unterdrückbar, der Willkür Vorgesetzter ausgesetzt. Oder man denke an die vor kurzem publik gewordenen Initiationsriten an Elitehochschulen bzw. allgemein bei Studentenverbindungen.

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Wir haben es mit uralten, in den Menschen eingebrannten Handlungen zu tun. Es geht nicht nur um Instinkte, Atavismen, sondern auch um Schemata, um Archetypen – oder wie auch immer man das bezeichnen kann.

In unserer Zeit hat sich vieles von alten Verhaltensweisen verlagert in Symbolhandlungen. So in Sportwettkämpfe, der Staat übernimmt die Sicherung, das Individuum konnte so stärker herausgestellt werden. (Freilich keine moderne Verlagerung: auch alte Stammesriten dienen schon der symbolischen Verdrängung von Gewalt.) Gewalttätige Erziehung wurde vielfach durch andere Formen ersetzt. Zusammenhörigkeitsgefühl ist im europäischen Raum nicht mehr stark vorhanden. Finanzielle Strafen ersetzen körperliche Züchtigungen, PC-Spiele und Filme ersetzen reale zerstörerische Phantasien usw. Gewalttätige Initiationsriten wurden im Christentum zum Beispiel durch Taufe bzw. Konfirmation usw. ersetzt. Menschen- (und Tier)opfer auch im weitesten Sinn sind nicht mehr nötig, weil Jesus Christus das letzte Opfer war.

Nun kommt das „Aber“ – heute ist in vielen Bereichen manches anders als in der langen Menschheitsgeschichte. Aber: Ein Rückfall in barbarische Zeiten ist immer möglich, wie nicht zuletzt im 20. Jahrhundert an Nationalsozialismus und Kommunismus zu sehen. Aber auch sämtliche Folterkammern in unserer Zeit zeigen das: Auspeitschen, Schlafentzug, gezielte körperliche und psychische Misshandlungen, Bedrohung von Familienangehörigen, Verschwindenlassen von Menschen, das gesamte Lagersystem, in dem Menschen der Willkür von Menschenhassern und Ideologen ausgesetzt sind, zu den alten Mitteln kommen auch modernere Formen, zum Beispiel Elektroschock. Der normale Mensch kann sich gar nicht ausdenken, was der Mensch sich im Laufe der Geschichte alles an Grausamkeiten ausgedacht hat – und ausdenken wird.

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Es geht in den Begründungen vielfach um Recht, um Erhalt einer Ordnung, um Erhalt von – aus Sicht der Folterer – guter Macht. Natürlich sind da die sadistisch Veranlagten ein willkommenes Instrument in der Hand der Mächtigen/mächtiger Gruppen, aber die Erniedrigung von Menschen wird positiv legitimiert. Menschen benötigen das Gute, um ihre bösartige Vorgehensweise zu legitimieren.

Das Gute (Freiheit, Frieden, Wohlergehen, Schutz usw.) wird missbraucht, wird vom Bösen als Instrument benutzt, um Menschen zu bekämpfen. Recht und Ordnung werden missbraucht, um Menschen zu erniedrigen und zu vernichten. Die Befreiung von Recht, von Ordnung, des Guten von dem Bösen bleibt wohl eine immerwährende Herausforderung. Diese Struktur des Bösen zu demaskieren – das leisten viele Menschen, die in der Welt der Macht als Opfer angesehen werden, aber im christlichen Bereich als Märtyrer hervorgehoben werden. (Märtyrer sind im christlichen Bereich [!] wehrlose Menschen, die wegen ihres Glaubens von Mächtigen und ihren Vasallen getötet werden.)

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