Maler: Jean – Léon Gérôme

Jean-Léon Gérôme (1824-1904) malt eine orientalische Männerwelt – ohne Frauen. Auf einem Bild sind Reiter zu sehen – aber auch eine vollkommen verhüllte Frau. Er malt auch Frauen in den Harems – dort sind sie unbekleidet. Weiße Frauen werden bedient, gewaschen von schwarzen Dienerinnen. Natürlich mit ein paar wenigen Ausnahmen. Männer sind überwiegend draußen in der Öffentlichkeit, die Frauen in vier Wänden. Beeindruckend auch – negativ – der alte Mann, der seine Hand fest auf den Kopf des Mädchens hält, das drei (Orangen?) in der Hand hält. Hochmütig der Mann, ist sie sein Besitz? Es gibt auch Bilder von ihm, die „Der Sklavenmarkt“ (1) heißen.

Er malt auch Mythen oder alte Erzählungen, wie Diogenes in der Tonne oder den Bildhauer, der sich in seine „belebte“ Statue verliebt. Aber diese sind eher traditionell gehalten.

Ich hatte auch die Bilder von Draper besprochen. Er malte in einer Zeit voller sexueller Tabus alte, zeitlose Mythen – in denen Frauen unbekleidet waren. In Zeiten der Korsetts, malte er von Kleidung befreite Frauen am Meer. In Zeiten, in denen Frauen der Oberschicht eher züchtig verschlossen waren, konnten Männer Frauen in ihrer ganzen Schönheit auf Bildern betrachten. Der Mythos diente der Befreiung insofern, als nach diesen Bildern eine Zeit anbrach, in der Menschen ihren Körper stärker positiv wahrnahmen (2).

Bei Gérôme ist der Haremsmythos sein Thema, er malt Frauen nicht in zeitlosen, idealisierten Welten, sondern malt sie in einer idealisierten Realität. Hier dient der Mythos nicht der Befreiung der Frauen, sondern es sind voyeuristische Blicke in ein sexualisiertes Männer-Märchenland. Frauen, die auf den Sultan warten, sich die Zeit sinnlich, verführerisch vertreiben, verfügbar dem herrschenden Mann. Dass es sich um Harmes-Vorstellungen eines Europäers handelt, muss wohl nicht extra gesagt werden.

Aber: Es sind weiße Frauen, die in den Harems gefangen gehalten werden. Das ist nicht ganz abwegig, weil viele Sklavinnen aus Europa wegen ihrer weißen Haut begehrt waren – bis ins 19. Jahrhundert hinein. Und so werden sie denn auch mehr geachtet als die schwarzen Sklavinnen, die auf den Bildern weniger geachtet waren. Aber: Gleichzeitig dienten die weißen Frauen den europäischen Käufern der Bilder als erotische Vorlagen.

Ich kann es hier nicht so sehen wie bei Draper, mit Blick auf die Verwendung des Mythos als Befreiung. Bei Gérôme schillert beides: Der Harem ist ein Ort, der in Europa wegen seiner ganz anderen Kultur verurteilt wurde, gleichzeitig, so kann ich es mir vorstellen, ist er ein Fantasieort für männliche Macht und ungehemmte Ausübung von Sexualität.

Gérôme erzählt in seinen Bildern Geschichten. Er zeigt nicht nur unbekleidete Frauen, sondern hinter diesen Bildern stecken Erfahrungen, Erlebnisse der Frauen. Denn sie haben eine Geschichte – die Lebensgeschichte, die sie als Sklavin enden ließ. Ich kann mir in meiner Laienhaften Sicht aber auch vorstellen, dass gerade solche Bilder den Zorn gegen arabische Staaten hervorrufen konnten. Empörung über die Sklavenhalter, denn in Europa gab es diese Piratenzüge durch Barbaresken-Korsaren aus arabischen Staaten lange Zeit. Wer zivilisiert ist, schützt seine Frauen. Wer eine christliche weiße Frau auf dem Sklavenmarkt begutachtet und in Harems hält, muss das zivilisierte Europa zu spüren bekommen. Das heißt, dass solche Bilder beides zur Folge haben können: einmal Empörung – parallel dazu: erotische Gefühle und darüber hinaus: Überlegenheitsgefühl: Wir machen sowas nicht, wie diese Barbaren.

Übrigens „White-Slave-Traffic“ war ein Begriff Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts (im Osten waren es vor allem Frauen aus dem Kaukasus: Georgierinnen, Armenierinnen – auch verkauft über Istanbul in muslimische Staaten). Es ging in der Zeit auch darum, dass kriminelle Banden, so hieß es, Mädchen entführen würden und zur Zwangsprostitution ins Ausland brächten. Und diese Frauen wurden – so verdeutlicht es auch Gérôme mit seinen Bildern – eben in arabische Staaten verkauft und in Harems untergebracht. 1904 gab es ein Abkommen von Paris, dass „White Slave Traffic“ unterbinden sollte, 1910 wurde es verschärft. Ab 1920 wurde das jedoch als rassistisch kritisiert und allgemeiner ausgesprochen als Verbot von: Trafficking in Women. das heißt, es ging nicht mehr allein um weiße, europäische oder kaukasische Frauen, sondern um Frauen- und Kinderhandel insgesamt. (3)

Ich hatte in meinem Blog die Haremsfrau Fatima. (4) Sie floh 1902/1903 aus einem marokkanischem Harem nach Spanien. Die Geflohene wurde aus diplomatischen Gründen an Marokko ausgeliefert und umgebracht, um andere Haremsdamen von der Flucht abzuschrecken. Diese Untat hat eine große Empörungswelle in Europa ausgelöst.

Wenn man dieses Wissen im Hintergrund hat, dann sind solche Bilder unerträglich – wenn man sie nur als ästhetische nackte Frauenbilder ansieht, aber auch für die Zeitgenossen, die angesichts solcher Bilder wütend werden konnten.

(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Sklavenmarkt_(G%C3%A9r%C3%B4me)

(2) https://blog.wolfgangfenske.de/2026/09/11/maler-102-herbert-james-draper/

(3) Dass zeitgleich schwarze Frauen in Amerika und sonstwo auf der Erde auch von Weißen äußerst brutal behandelt wurden, wurde meines Wissens in der damaligen Zeit nicht gemalt. Vielleicht liege ich falsch – und wäre für Beispiele dankbar. Aber wahrscheinlich wäre das damals auch ideologisch-rassistisch rationalisiert worden: die schwarzen Frauen darf man so behandeln, aber die weißen Frauen nicht. Das heißt, die Bilder von Gérôme zeigen eine starke Heuchelei. Wobei er auch ein Sklavenmarktbild zeichnete, das zeigt, dass eine schwarze Frau begutachtet wird. Aber eben auch von Arabern. Es geht also nicht um Menschlichkeit. Es geht nicht um die Ablehnung der Sklaverei, es geht um ein exotisches, erotisches, moralisch-politisches Malen.

Es sei jedoch auch angemerkt, dass er römische Männer eine Sklavin auf dem Sklavenmarkt ansehen lässt. Und er greift eine alte griechische Geschichte auf, in der eine Angeklagte entkleidet wurde, um den Richter von ihrer Schönheit zu überzeugen. Das lässt die Vermutung aufkommen: Wo auch immer – ihm war daran gelegen, unbekleidete Frauen zu malen. Mit Blick auf die alten Griechen und Römer „beweist“ es seine klassische Bildung und die Betrachter konnten sich dadurch klassisch „bilden“.

Und was sagt das über die Psyche des Malers aus? Das wäre anmaßend, es zu vertiefen. Deutlich wird: Er beherrschte die nackten Körper, die er aus Phantasie bzw. aufgrund von Fotografien und Models malte. Und er beherrschte die Käufer, deren Phantasien er kannte befriedigte. Sie bekamen nicht nur nackte Frauen, sie bekamen sie mit einem Hintergrund: Antike-Bildung, Orientalische Realität (wenn auch in idealisierter europäischer Manier). Und die Bilder ließen die Kassen klingeln.

(4) Dazu: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/01/10/provokation-zum-tag-margaret-ann-neve-fatima-1885-1903/)