Maler 102: Herbert James Draper

Herbert James Draper (1863-1920) malt viele mythologischen Bilder – auf wenigen Bildern in dem hier vorgestellten Video sind ohne eine unbekleidete Frau. Sie sind zum Teil als Naturkräfte dargestellt worden, als Nebelspiel, als Dämmerung, viele mit dem Thema Wasser verbunden, als Welle usw. Dann hat er viele unbekleidete Frauen gemalt angeregt durch antike Mythologie: Nixen, von Fischern gefangene Meerfrau, Sirenen usw. usw. usw. Die Viktorianische Zeit, man mag mich korrigieren, war soweit ich mitbekommen habe, eher eine prüdere Zeit. Da sind die Frauen mit voller Bade-Kleidungsmontur ins Wasser gegangen, um zu schwimmen. Auf diesen Bildern finden wir gerade das Gegenteil: eben unbekleidet.

War das so eine Art Ventil? Freilich handelt es sich um Salonkunst, es wird so gemalt, um die klassische Schönheit hervorzuheben, zeitlos, verbunden mit freier Natur, mit Naturkräften – also Ästhetik pur. Zudem konnten die Betrachter die Bildung zeigen – sie kannten den Mythos, der gemalt wurde. Durch die gebildete Salonkunst zeigten sie, dass sie keinen Kitsch aufhängen, sondern eben allgemein akzeptierte Bilder betrachtete.

Aber wie in vielen Bildern, die ich hier vorgestellt habe, dürften sie auch eine andere Funktion gehabt haben. In der Zeit der Industrialisierung hatten Menschen das Bedürfnis, Bilder von Phantasiebergen und Bergesruhe zu kaufen, oder blühende Gärten, anstatt städtisches Chaos. Blumenordnung statt Menschengewimmel. Ich kann mir vorstellen, dass die Bilder im Gewand des Mythos Diskussionen hervorrufen konnten über die Kunst des Malers, Körper zu malen – aber der Reiz des Körpers bewundert wurde.

Sexuelle Tabuisierung wurde durch den Mythos durchbrochen. Der Mythos als Lebenshilfe angesichts rigider Moralvorstellungen. Der Mythos war eine Art Schutzschild: Er erlaubte zu sehen, aufzunehmen, was eigentlich nicht schicklich war. Die antike Welt des Mythos, aufgegriffen zum Beispiel von Ovid, kannte solche Regeln nicht. Die Leidenschaften wurden ausgelebt – nicht selten zum Nachteil von manchen, aber sie wurden eben ausgelebt. Die im Wesen des Menschen eingebrannten aber versteckten Sehnsüchte konnten durch den Mythos wieder ausgesprochen werden. Im reglementierten Zusammenleben von Mann und Frau boten die Bilder die Möglichkeit, legal zu träumen. Flucht in die Natur – nicht einfach, um Natur zu treffen, nicht einfach, um im träumerisch ersehnten Einklang mit der Natur zu leben, sondern eine Natur zu sehen, die mit Frauenkörpern verschmolz. Auch die in Korsetts eingeschlossenen Frauen dürften hier ihre Sehnsucht gemalt finden – die Sehnsucht nach Freiheit, nach Körper in der Natur, ausgesetzt dem Wind, der Sonne, dem Wasser.

Und dann? Dann folgte die Realisierung. Nachdem der Mensch wieder die Schönheit des Körpers durch den Maler des Mythos kennengelernt hatte, machte sich die kommende Generation auf, das auch zu leben. Die FKK-Bewegung, die Jugendbewegung wollte nicht mehr nur Bilder sehen, sondern das Gesehene in der Natur erleben. In den Bildern ist die mythologische Flucht in die Natur dargestellt worden – und es folgte ein Sonnenbaden, ein Nacktbaden an Seen und Stränden. Das Korsett wurde abgelegt. Auf einem der Bilder sieht man eine Frau mit Rückenansicht auf einem Stein sitzen, der Rücken von der Sonne bestrahlt – aber die Frau sitzt auf eine Fülle an Stoff. Die abgelegten engen Kleider? (Vielleicht auch nur Handtücher.)

Laut Wikipedia verblasste sein Ruhm in den letzten Lebensjahren. Das würde das Gesagte nur bestätigen: Was er damals malte und progressiv war, wurde nun von den Menschen gelebt. (Das kann freilich nicht verallgemeinert werden.)

*

https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_James_Draper