Ein sehr interessanter Maler, Edward Burne-Jones (1833-1898) – auch wenn ich die Geschichten, die er mit seinen Bildern wiedergibt, nicht kenne. Viele geben europäische Mythologie wieder (z.B. Perseus- und ArthurSage, Mittelalter-Ritter-Sagen, den Jungbrunnen usw.). Darüber hinaus sind auch Bilder zu sehen, in denen er biblisch-christliche Tradition wiedergibt, so die Verkündigung der Geburt Jesu, die Geburtsgeschichte, Auferstehung – spannend umgesetzt – Jesus als Salvator Mundi. Oder auch das Gleichnis der törichten und klugen Jungfrauen wird malerisch umgesetzt – draußen vor der Tür Verzweiflung, aber auch im Festsaal: neugieriger ernst. Engel scheinen es ihm angetan zu haben, verschiedenste Engel, die in biblischen Texten angesprochen werden, Cherubim, die mit den Schöpfungstagen verbunden werden, aber auch Cupid als Engel bzw. er zeichnet ebenso den fallenden Engel, augenlos.
Die Phantasiefiguren erscheinen eher wie sich bewegende sehr schlanke Staturen. Die Gesichter dieser Figuren wie auch mancher Porträtierten sind eher glatt, wie durch ein Schönheits-Filter, so würde man heute sagen, gesehen – aber die Individualität ist gut erkennbar, Sehnsucht, Genuss, fragend, kontemplativ, in sich selbst versunken, Gesichter Kranker und Toter. Habe ich auch lachende Gesichter gesehen? Ich kann mich nicht erinnern. Es ist eine Art Schmerz, der die Figuren bestimmt – auch den Maler, der im Zeitalter der Industrialisierung darum in Mythen flüchtet? So malt er personifiziert die Jahreszeiten: selbst die Frau Frühling lacht nicht. Was die Personalisierung betrifft: Auch der Stern von Bethlehem ist in erhabener Menschengestalt dargestellt worden, die das Licht an dem Stall der Geburt hält. Ebenso Glaube und Hoffnung werden personifiziert gemalt – auch die Hoffnung im Gefängnis. Gefangen in der Zeit – ohne Hoffnung? So ist auch die wunderschöne Zeit mit der Venus eine Zeit des Gesangs und der Kunst – aber eben verführerisch, nicht das wahre Leben. Das erfährt Tannhäuser, der sich nach dem christlichen Leben zurücksehnt. Zahlreiche Frauen bewundern sich im Spiegel der Venus. Versunken in ihrem sich widerspiegelndem Gesicht. Schönheit kreist um sich selbst? Und wir betrachten die Schönheit, die um sich selbst kreist? Den Pilger führt die Liebe. Ist es also flucht vor der eigenen zeit oder der Versuch, eine Gegenwelt zu errichten, in der nicht die Maschinen herrschen, sondern die Schönheit herrscht? Die gemalten Figuren scheinen sich nach etwas zu sehnen. Wonach?
Die Bilder sind weitgehend vollkommen ausgemalt, auch mit vielen Girlanden und Blumen – alte Tradition der Buchmalerei in die neue Zeit herübergebracht, vermute ich. Die Gegenstände sind mit vielfältigen Details geschmückt. So ist zum Beispiel erkennbar, welches Buch eine Frau, Georgiana Burne-Jones, gerade anschaut, weil die aufgeschlagenen Seiten wiedergegeben werden. Oder er mal Heimorgeln mit Tasten. Überhaupt: die Liebe zu den Details zu den Ausschmückungen von allem, was er malt, ist erstaunlich. Ich frage mich, wie lange er an den Bildern gesessen hat, auch sie zu konzipieren – und dann einen so großen Nachlass zu hinterlassen. Alles, aber auch alles ist auf vielen Bildern geschmückt – die Natur, die Architektur, die Kleidung mit den Farben und Schattierungen. Die Welt ist Ästhetik.
In den Bildern von Raffael erkenne ich Verkündigung. Raffael verkündigt mit dem Bild der Verklärung, er verkündigt mit dem berühmten Madonna-Bild. Bei Burne-Jones kann ich Verkündigung in den christlichen Motiven weniger intensiv erkennen. Es sieht so aus, als würden sie Teil seiner ästhetischen Suche sein. Die Bilder sind ein Weg, über seine Art der Ästhetik Menschen emotional zu ergreifen. Ästhetik und Spiritualität sind ineinander verwoben – wobei Spiritualität eher im allgemeinen, nicht unbedingt im christlichen Sinn gemeint ist. Aber über diese Form emotionalen Ergreifens weist er auf Wesentliches hin. Zum Beispiel das Bild mit den törichten Jungfrauen, die Verzweiflung, die sie widerspiegeln – aber um wirklich zu verkündigen, ist der Festsaal nicht besonders verlockend gemalt. Oder der Auferstandene, der Maria Magdalena am Grab begegnet – es ist für mich schwer zu sagen, was er damit verkündet. Interpretiere ich zu viel hinein, wenn ich diese christlichen Bilder mit all den anderen verknüpfe und sage: Sie geben eine Sehnsucht nach Vergangenem wieder, also eine Zeit, die nicht ist (aber so auch nie war).
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In der Beschäftigung mit den Bildern kam mir noch ein anderer Gedanke, den ich nicht beantworten kann. Die Victorianische Zeit war für viele der oberen Schichten eine Zeit des Erfolgs, eine Zeit der Entfaltung – und eben auch der Maler profitierte davon. Neben dieser Oberschicht gab es verzweifelte Armut in den Städten, schnellwachsend, in denen Menschen hungerten, sich verkauften, Kinder arbeiteten. Manche der Oberschicht versuchten sich dem Elend entgegenzustemmen durch tatkräftiges Tun. Manche versuchten darauf aufmerksam zu machen. Manche versuchten einen ästhetische Gegenwelt zu erschaffen. (Natürlich gab es auch andere, die nichts von der Armut haben an sich rankommen lassen bzw. lebten in Saus und Braus, weil sie es sich eben gut gehen ließen usw.)
Aber meine Frage mit Blick auf Burne-Jones ist die: Kann an den Bildern von Burne-Jones erkannt werden, dass das schlimme, das schmerzvolle Leben der untersten Schichten auch auf die oberen Schichten, denen es gut ging, irgendwie in Form des Weltschmerzes übergegriffen hat? Hat der Riss in der Gesellschaft seine Kunst „unbewusst“ geprägt? Merkte er, dass der Wohlstand auf einem Menschen verachtenden und Menschen zerstörenden System gründet?
Wird die Ästhetik zu einem Schutzwall vor dem, was draußen passiert – schwappt aber dennoch durch die Mauern hindurch zu dem Maler? Betrachter können sich in der Schönheit der Bilder verlieren – aber die ernsten Gesichter weisen in eine andere Welt.
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