Paul Gerhardt: Wie ist so groß und schwer die Last

Dieser Text „Wie ist so groß und schwer die Last“ greift wiederum sehr viele alttestamentliche Ansätze der Psalmen auf. Es geht darum, dass der Dreißigjährige Krieg den Menschen sehr viele Lasten aufbürdet. Diese Lasten werden als Strafe durch Gott empfunden, weil Menschen sich von Gott abgewendet haben. Gleichzeitig ist es von großer Dankbarkeit geprägt. Er dankt dafür, dass Gott die Menschen, die hier angesprochen werden, verschont hat. Beide Aspekte sind miteinander verwoben. Das Danken geht in die Bitte über, dass Gott verschonen möge, auch wenn sie selbst vor Gott nichts sind. Das Lied endet mit der Hoffnung, dass Gott helfen wird, wenn Menschen keine Hilfe mehr erkennen können.

In der 6. Strophe bedankt er sich, dass Gott den Feind, den Wolf hat nicht in seine Herde einbrechen lassen. In den Strophen 2+7+8 schildert er, was jedoch an anderen Orten alles an Schlimmem passiert:

2. Die Last, die ist die Kriegesflut,
so jetzt die Welt mit rotem Blut
und heißen Tränen füllt;
es ist das Feur, das hitzt und brennt,
so weit fast Sonn und Mond sich wendt.

7. Viel unsrer Brüder sind geplagt,
von Haus und Hof dazu verjagt;
wir aber haben noch
beim Weinstock und beim Feigenbaum
ein jeder seinen Sitz und Raum.

8. Sieh an, mein Herz, wie Stadt und Land
an vielen Orten ist gewandt
zum tiefen Untergang;
der Menschen Hütten sind zerstört,
die Gotteshäuser umgekehrt.

In der 9. Strophe kehrt er wieder zurück und freut sich darüber, dass die gute Ordnung noch funktioniert (er verwendet hier das Wort: Polizisten“) Sie funktioniert noch, weil die Menschen in seinem Bereich noch Gottes Wort wahrnehmen. Dass da ein Zusammenhang besteht, betont er mit der 10. Strophe:

10. Wer dieses nun nicht will verstehn,
lässts in die Luft und Winde gehn
und bei so hellem Licht
nicht Gottes Gnad und Güt erkennt,
der ist fürwahr durchaus verblendt.

Und geht dann dazu über, die eigene Schuld anzusprechen. Aber Gottes Liebe möge im Herzen Mut und Leidenschaft erwecken. Denn auch wenn es der Gemeinde bislang verhältnismäßig gut geht, sind sie doch am Rand ihrer Kräfte:

14. Lass auch einmal nach so viel Leid
uns wieder scheinen unsre Freud,
des Friedens Angesicht,
das mancher Mensch noch nie einmal
geschaut in diesem Jammertal.

Viele Menschen wissen nicht, was Frieden ist, weil sie nur Zeiten des Krieges erlebt haben.

*

Auch in diesem Text werden nicht die Menschen für das Schlimme, das der Krieg mit sich bringt, angeklagt, sondern Gott: Du bist ja Gott und nicht ein Stein, / wie kannst du denn so harte sein? – Aber es schillert – Gott ist nur hart, weil Menschen nicht seinen Willen tun. Es herrscht also wieder diese Wechselbeziehung vor: Menschen sind Schuld am Krieg – aber er ist Gottes Strafe. Damit haben wir in etwa ein alttestamentliches prophetisches und deuteronomistisches Gottesbild im Blick.

Ich fasse sehr kurz und knapp zusammen: In alttestamentlicher Zeit wurde es aus folgendem Grund entwickelt: Die Völker, die im Krieg erobert wurden, deren Götter waren schwach. Fromme Juden haben Gott durch die Niederlage – sie wurden von den Babyloniern besiegt und ins Exil verschleppt – neu verstehen gelernt: Unser Gott ist nicht schwach, sondern es ist Strafe Gottes. Diese Sicht ist zwar Folge prophetischer Reden vor dem Krieg, sie bekam aber große Relevanz nach der Zerstörung Jerusalems, weil auf diese Weise der orientalischen Sicht, ein besiegter Gott ist ein schwacher Gott, widerstanden werden kann. Unser Gott ist nicht schwach, euer Gott ist nicht stark – ihr seid Instrumente unseres Gottes, der uns wegen unserer Schuld strafen möchte. Hier geht es noch nicht um Individuen, es geht um das Kollektiv. Individuelles Denken kam erst langsam auf. Von daher: wenn das Volk schlecht handelt – auch wenn einzelne Individuen gut handeln – straft Gott das gesamte Volk.

Inzwischen geht es nicht mehr um die Auseinandersetzung „starker Gott – „schwacher Gott“ – es geht ansatzweise schon um die Frage: Gibt es Gott überhaupt? Wie kann er das Schlimme dann zulassen. Denn es leiden ja auch Unschuldige, eben, wie es in Strophe 15 heißt:

die kleinen Kinder- lein;
solln sie denn in der Wiegen noch
mittragen solches schweres Joch?

Paul Gerhardt übernimmt den Gedanken der Strafe Gottes, aber er durchbricht sie im Grunde wie Hiob, indem er die unschuldigen Kinder, die Erfahrung unschuldigen Leidens, in den Blick nimmt und Gott sein Unverständnis entgegenhält. Letztlich ist seine Intention stärker die, dass wir Gottes Wege nicht enträtseln können, dass wir auf Gott hoffen dürfen. Gott begleitet im Leiden – auch wenn der Mensch es nicht immer erkennt. In vielen Liedern geht er dann auf die Zeit nach dem Tod ein, in der Glaubende bei Gott sind. Nicht aber in diesem Text.

18. Nun, du wirsts tun, das glauben wir,
obgleich noch wenig scheinen für
die Mittel in der Welt.
Wenn alle Menschen stille stehn,
dann pflegt dein Helfen anzugehn.

Die Grundlegende Frage der Theodizee wird hier angesprochen – nicht aber im Blick auf die Rückweisung der Infragestellung Gottes.

*

Paul Gerhardt greift das große Leiden in seiner Zeit auf – gleichzeitig das dankbare Staunen, dass es einem noch verhältnismäßig gut geht – versteht es aber nicht, genauso wenig wie das Leiden. Darum verweist er den Menschen auf weitere Hinwendung zu Gott, zu gutem moralischen Verhalten und zum Gotteslob, was mit alttestamentlicher Überzeugung dazu führt, dass Gott es einem wieder gut gehen lassen kann.

Was macht er also damit? Im säkularen Denken begegnet der Ansatz auch – aber eben nur ohne Gott: Er gibt den Menschen Verantwortung für künftiges Ergehen: Wenn ihr euch falsch verhaltet (heute gegen Natur) – wird es euch schlecht ergehen (heute: Klima- und andere Katastrophen). Wenn ihr euch gut verhaltet (heute: so wie es die Aktivisten vorgeben) – wird es euch gut gehen (die Katastrophen werden abgewendet). Dieser Gedanke steckt fest in uns Menschen drin, dieser Tun-Ergehen-Zusammenhang, im asiatischen Bereich Karma (2) genannt, heute von Gott gelöst, also säkularisiert.

Das ist das Große an uns Menschen: Wir ergeben uns nicht einfach (wie der stoische Ansatz erkennen lässt), sondern wir versuchen aus dem Leiden etwas Gutes herauszuarbeiten, damit das Leben sinnvoll wird und das Leiden nicht alles dominiert. Ob das säkulare Tun-Ergehens-Denken zukunftsweisender und Menschen stärker helfen kann, als der jüdisch-christliche Ansatz, den Paul-Gerhardt verfolgt, ist wohl je nach Weltanschauung zu beantworten. Wesentlich ist aber, und das haben wir im säkularen Denken nicht: Wenn wir Menschen nicht mehr weiter wissen, wenn alle Mittel erschöpft sind, wenn alle rationalen Verstehensversuche scheitern, dann wird Gott handeln. (2)

(1) https://www.velkd.de/schwerpunkte/liturgie/kirchenmusik/paul-gerhardt/lieder-von-paul-gerhardt/wie-ist-so-gross-und-schwer-die-last/

(2) Ansatzweise auch im Karma-Denken zu erkennen. es ist kein Gott, der straft, sondern ein unpersönliches kosmisches Gesetz. Wer positiv handelt, verbessert seine künftige Existenz, also das irdische Leben nach diesem jetzigen irdischen Leben. Es geht also auch um Ethik – im Hinduismus um kastengemäßes Verhalten. Gleichzeitig entlastet es Lebende davon, sich um Arme, Kranke, Behinderte zu kümmern, da sie ja selbst an dieser ihrer jetzigen Existenz nach der Wiedergeburt Schuld sind. Wer sich allerdings wieder kastengemäß um sie kümmert, sammelt gutes Karma.