Maler 85: Theodoros Rallis

Einmal ein anderer Maler, bevor ich zu den Nazarenern komme: https://de.wikipedia.org/wiki/Th%C3%A9odore_Jacques_Ralli

Theodoros Ralli (1852-1909) ist in Konstantinopel – seit 1930 Istanbul – in einer griechischen Familie geboren worden. Er lebte lange Zeit in Frankreich, vielfach in Ägypten, reiste durch den Orient und malte Alltagssituationen: viele erschöpfte Menschen, vor allem Frauen in bunten Trachten. Badende, Wartende. Betende, Schlafende, viele Arbeitende. Und so manche schicke durchsichtig verschleierte stolze Gesichter osmanischer / muslimischer Frauen. Rabbis beim Studieren und Kommunizieren.

Viele Bilder greifen griechisch-orthodoxe Traditionen auf.

  • Erinnert eines der Bilder an das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter – allerdings negative Situation: die Frommen gehen vorbei an der Frau? Der Titel ist allerdings beruhigend: Sie ruht sich aus. In einem geschützten Bereich – dem Bereich eines Klosters kommt sie zur Ruhe? Geschützter Bereich?
  • Eine andere steht gefesselt unter verwaschenen Heiligenbildern in einer Kirche. Der Titel: „Die Gefangene (Türkische Plünderung“. Geplündert wurden Kirchenschätze und die Verteidigerin des Glaubens ist gefesselt, sie schaut den Betrachter an. Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm schaut die Gefesselte an. Sie ist mit der Mutter Jesu verbunden, die auch Schmerzen erleiden musste als sie ihren Sohn am Kreuz hingeben musste.
  • Das Bild die „Beute“ zeigt eine nur halb bekleidete gefesselte Frau in einer verwüsteten Kirche, deren Geräte durch die Gegend geworfen wurden. Aber die Frau ist nicht am Boden zerstört, sie ist stolz, sie scheint den Barbaren zu trotzen in ihrer Wehrlosigkeit. Beide Frauen stehen in großer Würde da.
  • Und wie ist das Bild zu deuten? Eine Frau sitzt auf einem hohen Stuhl, schläft, in einer Kirche, auf dem Boden liegen Blüten und Kerzen, eine Flamme? Der Titel: „Karfreitag (Christliche Vestalin)“. Vestalinnen waren im alten Rom heilige Frauen, die das Feuer bewachten. Ist sie eine, Frau, die den christlichen Glauben bewacht (aber vor Erschöpfung eingeschlafen ist)? Die Frau ist müde, das Volk ist müde und erwartet Ostern, Auferstehung, Leben.
  • Oder die Frau, die unbekleidet auf einem Steinthron ausgestreckt liegt, wie eine Gekreuzigte mit Opferrauch auf der Seite, Blumen in den Händen und verstreut auf dem Boden? Eine Blumengirlande (statt Dornenkrone auf dem Kopf). Wird sie geopfert? Opfert sie sich ekstatisch selbst? Geopferte Unschuld – Griechenland – unter der osmanischen Besatzungsmacht? Heilige? Märtyrerin? Nach religiöser Hingabe erschöpft?

Der christliche Glaube lebt weiter – trotz der osmanischen Herrschaft, der osmanischen Herrschaft zum Trotz. Manche der Bilder deute ich als Bilder der Freiheit und Würde.

Was ich spannend finde: Die Gemalten kennzeichnet irgendwie, ich kann es nicht genau ausdrücken, eine große Präsenz. Erreicht der Maler das durch das Licht? Die Kleidung – Ausdruck griechischer Identität und Selbstbewusstseins? Den Blick? Manche erzählen Geschichten – sie werden durch den Maler und Betrachter beobachtet und der Betrachter macht sich Gedanken.

(Kleine Anmerkung: Atatürk wollte die Türkei modernisieren und versuchte 1923 eine gewisse Distanz zu den Osmanen herzustellen. Seit den 2000er wird die glorreiche Tradition der Türken wieder mit den Osmanen verbunden – Neo-Osmanen. Aber nicht alle, die in der Türkei wohnen, sehen sich in der Tradition der Osmanen. Säkular orientierte Türken wie auch Türken anderer Ethnien, Kurden, Armenier tun es natürlich nicht. Kurz noch etwas zur Geschichte: Der Freiheitskampf Griechenlands begann im März 1821. Schrittweise wurden Teile Griechenlands wieder an das Kernland angeschlossen. Griechenland, wie es heute besteht, bekam seine Grenzen 1947. Zur Zeit von Ralli träumten noch viele Griechen, dass die alte Byzantinische Hauptstadt wieder zu Griechenland kommen wird. Dieser Traum zerstob 1919-1922 nach der Niederlage im Griechisch-Türkischen-Krieg. Den hat Ralli allerdings nicht mehr miterlebt. Die Orthodoxe Kirche ist in der Türkei erheblichen Einschränkungen ausgesetzt und die Hagia Sophia, diese große christliche Kirche, wurde 2020, nachdem sie 1935 als Museum angesehen worden war, zur Moschee umgewandelt. Diese Hinweise lassen sowohl die genannten Bilder von Ralli ein wenig besser verstehen als auch die heutigen politischen Spannungen.)

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