Maler 66: Emily Carr

Emily Carr (1871-1945), eine kanadische Künstlerin, die auch europäische Künstler in Europa besuchte, hat von ihnen gelernt. Neben den Anklängen an europäische Kunst hat sie ihren ganz eigenen Stil entwickelt.

Sie besuchte eine Zeitlang Stämme (First Nations) in Kanada, ließ sich von ihnen inspirieren. Darum finden wir auf vielen Gemälden auch Totem verschiedensten Aussehens, die in ihrer Größe Menschen dominieren. Aber manchmal hatte ich den Eindruck, dass sie auch am zerfallen, am vermodern sind. Und das vermittelt eine gewisse Spannung: Grimmig, mächtig und abschreckend schauen sie in die Welt – aber sind doch im Zerfall begriffen.

Spannender aber finde ich ihre Baum und Waldbilder, ihre Landschaftsbilder. Viele Bäume, Wälder, Landschaften sind in Bewegung – allerdings kontrollierte Bewegung. Vielleicht wie im Tanz: Es gibt auf den ersten Blick sonderbare Verrenkungen, wirbelnde Bäume, aber diese gestalten sich nach Ordnung und Regeln. Manchmal sehen sie aus wie geschwungene Haare, geordnet, aber in Bewegung. Sie formen sich zu vielen Gestalten, zum Beispiel zu einem Haus oder Natur als Gesichter. Manches hinterlässt den Eindruck von Geisterhaftem, so können auch Augen erkannt werden. Ungebändigte Lebenskraft – durch die Künstlerin gebändigt? Manchmal ist keine Ordnung erkennbar, sondern nur Durcheinander. Handelt es sich hier um den Versuch, animistischen Glauben aufzugreifen, künstlerisch umzusetzen? Fascinosum et tremendum.

Interessant finde ich in 8:42 die Kirche: ganz geometrisch korrekt innerhalb von Chaos, wobei dieses Chaos auch fast Anklänge an Totem hat, die sich um die helle Kirche (bedrohlich?) gruppieren. Bedrohlich, aber die Kirche scheint fest in ihrem Licht, rein zu stehen. Christliche Kultur bricht hinein in die bewegte Geisterwelt, strahlt aus der Geisterwelt heraus. Ist sie ein Schutzraum? Aber die Kreuze neben der Kirche sind ambivalent. Friedhofskreuze. Leben – in der Todesbedrohung? Immer wieder gibt es Bilder, in denen das Licht, Helligkeit in die dunkelgrüne Bewegung des Waldes hineinbricht. Licht von außen bricht in die Welt der Geister?

Nicht nur Bäume, Wälder, Landschaften sind im geschwungenen Rhythmus, sondern auch der Himmel konnte entsprechend gemalt werden, der sich entsprechend geschwungen im Wasser spiegelt. Das heißt, die gesamte Natur ist von Bewegung durchdrungen.

In meiner Reihe habe ich das Thema Licht – und die Zeit, der Ort, in der die jeweiligen Künstlerinnen und Künstler lebten. Sie malt weniger ihre Lebensorte, soweit mir die Bilder bekannt geworden sind, sondern die Orte, zu denen sie sich hingezogen fühlte, den Menschen der First Nations. Diese Orte, so scheint es mir, versuchte sie sich zu erschließen, einmal mit dem Glauben der Menschen und dann wie auch immer verbunden mit ihrem christlichen Glauben. Ich formuliere „wie auch immer“, weil einmal an dem Bild mit der strahlenden Kirche ein anderer Glaube erkennbar wird als in den anderen Bildern, die eher eine von Gott geordnete Geisterwelt wiederzugeben scheinen: Gott durchdringt die Natur-Geisterwelt und bringt sie in schwingende Bewegung. (Ich mache ein paar Anmerkungen zur Philosophie, die dahinter stehen könnte: In Emily Carrs Zeit waren Ansätze des Deutschen Idealismus [Schelling] modern, weit verbreitet [Pantheismus/Panentheismus] – der Ralph Waldo Emerson beeinflusst hat ebenso wie die Theosophie / Anthroposophie. Von daher interpretierte ich das so, wie ich es getan habe.)

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Zu anderen Künstlerinnen und Künstler meiner Reihe: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/05/17/malerinnen-und-maler/