Maler 57: Walter Sickert

Ich habe unter anderem mit Breanski und Barton Malerinnen und Maler vorgestellt, die Bilder gemalt haben, bei denen Erhabenheit und Schönheit im Mittelpunkt stand https://blog.wolfgangfenske.de/2026/05/17/malerinnen-und-maler/ . Mit Rouault und jetzt Sickert stelle ich Maler vor, die dunkleren Seiten des Lebens darstellen.

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Walter Richard Sickert (1860-1942) malt Bilder, die im Vergleich zu anderen Malern eher eine raue, irgendwie nervöse, unkonzentrierte Harmonie abbilden – und aber andererseits auch Bilder, die sehr trist sind. Kirchen malt er in allen Schattierungen und Lichtverhältnissen eher friedlich. Aber wenn es um das Leben der Menschen geht – und das ist vermutlich sein Hauptthema, dann wird es eher dunkel.

Er malt viele Theaterbilder. In Theatern ist es dunkel, in Theatern (damaliger Zeit) wimmelt es nur so von Menschen. Und ich vermute, dass er das Stadtleben der einfachen, normalen Menschen als Theater ansieht. Das Leben, das Zusammenleben als Theater? Ein Bild empfinde ich als erwähnenswert, weil die Gesichter der Theaterbesucher auf der Empore wie Noten erscheinen.

Auf vielen Bildern wimmelt es nur so von Menschen, zum Teil kaum erkennbar, dass es wirklich Menschen sind, es sind schemenhafte Wesen. Es ist ein „verwaschener“ Stil, so nenne ich es einmal. Die Konturen sind zum Teil gar nicht so richtig erkennbar. Als Alltagsbilder malt er jedoch nicht nur Menschenmassenwimmel-Bilder in Städten, sondern auch am Meer. Diese Menschen werden nicht besonders edel dargestellt, wie in von mir schon dargestellten Gemälden die Hautevolee edel dargestellt wurde. Er malt aber auch Einzelpersonen vor und in ihrem Geschäft, Wäsche aufhängend. Wie das gewöhnliche Leben so spielt.

Auch Einzelpersonen sind im Blick, Porträts. Das auffällige an vielen dieser Porträts sind die Augen. Häufig ist nur ein Auge zu sehen. Das andere fällt im Schatten weg, oder aufgrund des verwaschenen Pinselstrichs ist eher ein Flecken zu sehen, anstatt eines Auges. Das verleiht den Porträts eine sonderbare Stimmung. Das Auge als Spiegel der Seele – ein Spiegel der Seele verschwindet im Dunkel. Der Mensch ist also unergründlich.

Vielfach malt er auch Bilder einzelner unbekleideter Frauen, die auf einem Bett liegen, das Mobiliar ist ärmlich, das Zimmer ist dunkel, traurig der Eindruck. Aber auch sonst zeigen die Wohnsituationen nicht unbedingt gehobene Schichten. Es handelt sich um unbekleidete Frauen, die mal mit Mann auf dem Bettrand den Kopf senkend sitzend zu sehen sind, mal ohne, einfach als Einzelakt. (1) Die in den bisher von mir geschilderten Gemälde stellten Menschen in vollen Kleidern dar, kaum mehr waren Menschen zu erkennen, sondern nur Kleidung mit kleinem Kopf, um es ein wenig übertrieben zu nennen. Bei Sickert werden vor allem Frauen ganz ohne Kleidung dargestellt, sie verschwinden nicht mehr in der üppigen Kleidung, sie sind ungeschminkte Körper.

Wir finden aber auch viele Bilder, in denen zwei Frauen gemalt werden, bekleidet. Gesichter sind vielfach nicht zu erkennen – gesichtslose Menschen, gesichtslose Figuren auch wenn sie besser gekleidet scheinen als andere. Figuren, so habe ich als Laie den Eindruck, die mehr scheinen wollen, reicher scheinen wollen, was sie mit Kleidung und Kopfbedeckung anzeigen, als es das Mobiliar erkennen lässt. Dürfen wir sie auf der Straße flanieren sehen, bevor sie wieder in ihre armselige Wohnung kommen? Oder machen sie sich schick, bevor sie hinausgehen? Schöne Deko in ihren traurigen Zimmern?

So manches der Bilder erzählt Geschichten, die vorangegangen sind, die ich aber nicht deuten kann, ohne zu viel hinein zu psychologisieren. Es sind Bilder von Paaren, aber auch von einem Mann, der an einem Zaun steht und hinüberschaut zu einer Kirche? Oder eine Frau steht an einer Mauer – ein Mann geht forsch in ihre Richtung – geht an ihr vorbei? Bleibt er stehen?

Soweit ich sehe sind die Landschafts- und Meeresbilder anders als die mit Menschen verbundenen Stadtbilder viel heller, luftiger, fröhlicher gemalt. Venedig ist erkennbar und Frankreich.

Ende der 20er soll er sich als Lazarus gezeichnet haben, den Jesus von den Toten auferweckt hat oder als Diener Abrahams. Das wird jedoch nicht so interpretiert, als sei er vor seiner Erkrankung besonders fromm geworden, sondern dass er sich eher als Schauspieler darstellt mit eben diesen Rollen. Spannend finde ich freilich, dass er sich gerade diese „Rollen“, die mit Tod, Auferstehung/Wiederkehr verbunden sind, ausgesucht hat.

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(1) Wikipedia berichtet zu seiner Biografie, dass er sich (wie viele andere auch) als Jack the Ripper bezeichnet habe und entsprechend auch Mordszenen gemalt habe. (Wobei er wohl nach den Morden manche Bilder umbenannt habe, um mit den grausamen Taten zu kokettieren.) Manche haben es ihm später abgenommen, dieser gewesen zu sein. Was die meisten aber ablehnen (weil er auch zu der Zeit in Frankreich gewesen ist). Die anonymisierten Gesichter, die Dunkelheit, könnten die Vermutung unterstützen, ebenso das dramatische Theaterwesen, in dem es ja auch nicht selten um Mord und Totschlag geht. Aber dann müsste so manch anderer Maler auch in grausame Praktiken verwickelt gewesen sein. Ich denke, man muss abstrahieren zwischen Künstler, der die dunklen Seiten des Lebens malt, der vielleicht auch von ihnen fasziniert ist, weil es, wie oben geschrieben, um menschliches Theater geht (er war auch eine Zeitlang Schauspieler). Aber zwischen dem Malen existentieller Einsamkeiten und dem Verüben grausamer Taten kann ein sehr großer und tiefer Graben liegen. Mir geht es übrigens allein um die Bilder. https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Sickert

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