Maler 89: Gustave Courbet

Courbet (1819-1877) ist mit Blick auf das Thema „Licht“ überraschend. Es werden Teile des Bildes beleuchtet, die eigentlich nicht so hervorzuheben sind, der Hals einer bei der Arbeit eingeschlafenen Frau, das Hemd eines Mannes. Das Licht fällt überraschend, so auch in den Landschaftsbildern. Das Licht hat nicht (unbedingt) die Funktion, Menschen, Gegenstände hervorzuheben, sei es, dass sie aus sich selbst leuchten, sei es, weil sie vom göttlichen Licht der Heiligung getroffen werden, oder dass er versucht den Sünder hervorzuheben, um Gottes Gnade zu betonen. Das Licht in den Landschaftsbildern fällt, wie es fällt. Andererseits werden Menschen in ein Licht gestellt, die im Alltag der Stände, der Höfe eher übersehen werden. Menschen, die Steine sammeln, bearbeiten usw. Die Beerdigungsszene ist aus meiner Sicht ein Beispiel dafür, dass das Licht genommen wird, einfach für den Betrachter unmotiviert, denn warum sind die Menschen links hinter dem Priester wie der Hund rechts angesichts der desinteressierten trauernden Gemeinde so hervorgehoben? Groß steht das Kreuz vor dem geröteten Himmel – aber all das interessiert im Grunde die Menschen nicht. Oder ein spannendes Bild, das die Begegnung von Pferd und Katze darstellt – der Sattel ist weiß, auf ihn fällt der Blick zuerst, oder das Ohr eines erlegten Hirsches lenkt den Blick auf sich – und dann erst auf die Dramatik der Szene. Das heißt, die Wahrnehmung wandert vom zuerst Beobachteten – dann zur „Geschichte“, zum Relevanten. Die Landschaftsbilder erhalten zum Teil einen bedrohlichen Touch, die üppige Macht der Natur wird deutlich, in denen als Eyecatcher Hirsche oder Rehe klein in der Fülle der Natur leben (Rehwild hat es ihm besonders angetan); oder die Meeresbilder – sie scheinen bedrohlich, aufgewühlt, Chaosmächte zu sein, zusammen mit dem bedrohlichen Himmel. Aber dennoch: Es sind keine Chaosmächte im religiösen Sinn, es ist eben die Natur, die als machtvolle Natur hervorgehoben wird. Natürlich darf auch „Der Ursprung der Welt“ bei Courbet nicht übergangen werden – das Skandalbild der damaligen Zeit, das den Unterleib einer Frau malt. Der Ursprung der Welt ist der Ursprung des Menschen selbst. Natürlich darf auch „Der Ursprung der Welt“ bei Courbet nicht übergangen werden – das Skandalbild der damaligen Zeit, das den Unterleib einer Frau malt. Der Ursprung der Welt erscheint als Ursprung des Menschen. Nicht Schöpfung, nicht Ideolisierung des weiblichen Körpers – biologische Realität ist im Blick.

Im Grunde ist erkennbar, dass diejenigen, die ich bislang vorgestellt habe, anders mit dem Licht gearbeitet haben als Courbet. Das wird damit begründet, dass das Licht nicht mehr Obrigkeitsorientiert, religiös definiert ist. Ihn war die Realität wichtig, nicht die Metaphysik, nicht die Institutionen mit den jeweiligen Ständen. Das Licht fällt eben dahin, wohin es fällt. Licht erklärt, deutet nicht die Welt – es ist in der Welt.

Von Courbet wird gesagt, dass er sagte, er würde alles malen – sogar Engel, wenn er sie sähe / wenn es sie gäbe. Aber hat er auch Bilder des aufkommenden Industriezeitalters gemalt? Es sieht eher so aus, als würde er die mächtige Natur der aufkommenden neuen Industriezeit entgegenstellen. Technik ist für den, der dem Sozialismus seiner Zeit nahestand Entfremdung – der Natur scheint der Mensch aber auch entfremdet, ihr auch ausgesetzt. Der Natur ist egal, was beleuchtet wird. Der Mensch ist klein, irgendwie in ihr, manchmal kaum zu erkennen. Dabei führt das industrielle Zeitalter dahin, dass der Mensch die Natur beherrschen will.

Datenschutzerklärung: https://www.wolfgangfenske.de/impressum-datenschutzerklaerung/ Und: https://predigten.wolfgangfenske.de/wer-ist-jesus-christus-johannes-51-18/