Maler 83: Alexi Zaitsev

Ein moderner klassischer Maler

Er fängt Augenblicke des alltäglichen Lebens ein – aber eben eines geträumten Alltags, eines Sonntagnachmittag-Alltags. Nostalgie im Licht. Als Kind empfand ich es manchmal, dass an Sonntagnachmittagen die Zeit stillsteht. Und diesen Eindruck habe ich hier auch. Die Zeit wird eingefangen, sie steht still, sie berührt mit ihrem Licht. Oder anders gesagt: Wenn ich als Kind durchs Dorf gestromert bin, an einem SommertagNachmittag, dann atmete das Dorf eine ganz bestimmte Stimmung aus. Hitze, Flirren, Grillen, summende Insekten, ein bestimmter Geruch von den Feldern, Korn, die Pflanzen verströmten ihren Duft – und diese Stimmung fängt Zaitsev sehr schön ein. Die Welt atmet, lebt durch das Licht und die in dem Licht lebenden Menschen. Es ist im Grunde eine visuelle poetische Erinnerung. Was nicht heißen soll, dass es in Russland nicht auch noch solche Orte heute gibt. Ausgeklammert wird, das Bösartige, Dunkle, Hinterlistige, das, was Ängste auslöst. Es ist eher das Bild unbeschwerter Kinderaugen. Eine Welt, die auch wahr ist. Kann es sein, dass in vielen der frohen Bilder eine gewisse Melancholie liegt? Kunst als Heilmittel für die zerrissene Moderne?

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Zaitsev (*1959) aufgewachsen unter sowjetischer Herrschaft – Kunst wurde in der damaligen Zeit politisch funktionalisiert, zur Propaganda eingesetzt. Diese sowjetische Arbeiterhelden tauchen auf den Bildern, die ich wahrnehme, nicht auf. Es sind keine Menschen, die gerade schaffend für das Kollektiv arbeiten. Die Menschen des Dorfes entziehen sich der Kolchosen-Kontrolle. Der Landmensch – von Kommunisten verachtet, als rückschrittlich – sinnvoll nur in der Ausbeutung. Auch der Ausbeutung der Natur. Die Menschen Zaitsevs entziehen sich der staatlichen Vereinnahmung. Kommunisten verlangen von Menschen, dass jeder Strang ihres Wesens politisiert wird, jeder Moment ihres Lebens der wunderbaren kommunistischen Zukunft geopfert wird. Stattdessen bei Zaitsev: Natur nicht als Produktionsraum, sondern als Lebensraum. Explosion von Licht und Freiheit und Schönheit. Weg ist die pathetische Statik der sowjet-kommunistischen Kunst. Die Bilder zeigen nicht ideologische Verkrampfung, sondern atmen Offenheit. Das System steht bei den Menschen außen vor – sie sind freie Menschen, sie sind einfach Menschen, eingebettet in Natur und Jahreszeiten-Licht. Vielleicht Datschen-Erinnerungen?

Damit will ich Zaitsev nicht zu einem damaligen Anti-Kommunisten machen, denn ich habe keine Ahnung von seiner Biografie. Vielleicht malte er mit den Bildern auch die wunderbare von Kommunisten erwartete Zukunft? Ich weiß also nicht, welche Einflüsse die alten Kommunisten auf die Kunst des damals jungen Künstlers gehabt haben. Heute (Zerfall der Sowjetunion in den 90ern) freilich spielt das wohl keine Rolle mehr.

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