Maler 90: Henri de Toulouse-Lautrec

Henri de Toulouse-Lautrec (1864-1901) hat mich schon immer fasziniert, seit ich in der Neuen Pinakothek in München ein Gemälde von ihm gesehen habe. Motive sind weitgehend dem Alltag, der Arbeit und der Freizeit des Menschen entnommen. Zirkus, Theater, Nachtmilieu. Und: Hunde, viele stolze, erniedrigte, gebrauchte Pferde – wie die Menschen. Auf den Plakaten haben die Dargestellten klare Konturen, mit Farben, flächig konstant aufgetragen, oder dunklen Strichen – ganz anders so manches Gemälde. In ihnen finden wir – ich sag´s mal so: vibrierende – Punkte, Striche, Farbkleckse – alles durcheinander. Das Abgebildete zerfließt ohne klare Konturen – wobei die Konturen durch die Begrenzung der Farbkleckse und Striche und Punkte hergestellt wird. Dennoch gehen sie vielfach in die gemalte Umgebung über. Oder auch mischend: Begrenzungslinien und freie Übergänge. Wunderbar kann er mit wenigen Strichen das herausarbeiten, worauf es ihm ankommt – oder sie scheinen wie schnell hingemalt, so im Vorübergehen, unfertig – aber dennoch fertig. Die Gesichter scheinen vielfach eher Karikaturen zu entsprechen, nicht boshaft, sondern bestimmte Gemütszustände zeigend (Gerissenheit, Verlorenheit, Enttäuschung, Gier, Unterwürfigkeit, Beschränktheit, Stolz, boshaft, beobachtend, kantig, weich, neureich, konzentriert, abgelebt, herausgeputzt, aufgetakelt, gekauft)- außer eben die Gesichter, die er genauer darstellen möchte – in ihnen sind reale Menschen deutbar. In der Menge finden wir viele „Typen“ – in den Porträts finden wir Individuen.

Irgendwie herrscht aus meiner Sicht der Eindruck, als seien die Menschen trotz Menge eher isoliert, selten fürsorgend, füreinander. Obgleich sie im Fokus des Malers sind, sind sie doch allein. So zum Beispiel die Tänzerin, ganz groß im Vordergrund. Weit im Hintergrund sitzt ein Paar, das sich aber für sich selbst Interesse zeigt, nicht an der Tänzerin. Aber ich, der Betrachter, sehe sie mit dem Maler. Und so haben wir auch sonderbare Perspektiven: Menschen von oben, von schräg unten (er war Kleinwüchsig), aufgrund der Bildgrenze unvollständige Menschen. Die Tänzerinnen werden mit viel lebhaftem Stoff gezeigt – was in anderen von mir vorgestellten Bildern die Reichen, Schönen, Vornehmen kennzeichnete. Was den Stoff betrifft – aber dort waren es gediegene, vornehm gestaltete, fast steife Stoffe, bei Toulouse-Lautrec sind es bewegte, tanzende, wehende Stoffe.

In den Bildern finden wir viele Menschen – mehr Schein als Sein. Während in vielen Porträts mehr Sein als Schein erkennbar wird. Nicht nur die auf der „Bühne“ inszenieren sich, sondern auch die Zuschauer. Menschen vertreiben ihre Zeit – während andere davon leben, von den Menschen, die ihre Zeit vertreiben.

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