Gott in Gedichten (19): Christian Morgenstern

Darlegung vorangegangener Jahrhunderte: http://gedichte.wolfgangfenske.de/

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Christian Morgenstern (1871-1914)

Er erkrankte früh an Tuberkulose und war häufig krank. Er war Schriftsteller, bekannt im Wesentlichen wegen seiner Texte, in denen er mit Sprache spielt. Er beschäftigte sich mit vielen Schriftstellern und reiste auch darum viel herum. Er war beeinflusst von Nietzsche, dann ab 1909 von der Anthroposophie Steiners.

Das Gedicht „Vice versa“ zeigt die Ferne Gottes an, der den Menschen aus der Ferne beobachtet wie der Mensch einen Hasen. „Die Zirbelkiefer“ hat gelesen, sie habe eine Seele, „von Gottes Allmacht ausgeheckt“ – und „ihr wird ganz fromm zu Sinn.“ Der mit Blick auf Gott spöttische Ton dominiert. Der dramatische Ton dominiert „In Phantas Schloß. Dem Geiste Friedrich Nietzsches“ (1895). Im „Homo Imperator“ schwingt Kritik am Menschen mit, der sich überhöht? „Denn ich, der Mensch, bin deine Seele, / bin dein Herr und Gott, / wie Ich des ganzen Alls / Seele und Gottheit bin“. Warum? Ohne Mensch wird Welt nicht wahrgenommen und verändert. Spannend ist zu sehen, wie sich der Mensch in diesem Gedicht Nietzsche-haft überhöht, weil er sich selbst nur aus seiner eigenen Perspektive sieht. „Zertrümmere Mich: / Das Lied ist aus.“ So endet das Gedicht „Homo Imperator“. Wenn der Mensch nicht mehr ist, ist im Grunde nichts. (Bekanntlich: Gott, wie ihn Juden und Christen bekennen, ist, auch wenn der Mensch nicht mehr ist, denn er war, als es den Menschen noch gar nicht gab. Gott gibt der Schöpfung Sinn – nicht der sie wahrnehmende Mensch.) Die „Kosmologie“ stellt das finstere Licht des Wirkens des Teufels (Lucifer) dar. Gepriesen wird im Hohelied die Macht der Liebe – sie ist im Grunde Gott, die dem Menschen ins schimmernde Auge die Gottheit senkt. Gott selbst wird weggeschickt, er ist der Versucher, so in „Die Versuchung“ – „Ich aber stieg, / ein freier, glückseliger Mensch, / singend wieder empor / auf meine herrlichen, / klaren, einsamen Höhen.“ Nietzsche ist also heftig im Blick.

In dem Gedicht „Der einsame Christus“ greift er Jesu Worte an die Jünger auf, die immer wieder im Garten Gethsemane einschlafen. Hier haben wir einen neuen Ton! „Was wißt ihr  / von meiner Liebe / was wißt ihr / vom Schmerz meiner Seele! / O einsam! / einsam! Ich sterbe für euch – / und ihr schlaft! / Ihr schlaft!“ – der Mensch kann Christus nicht wahrnehmen – er ist unfähig, überwunden vom Schlaf, nichts ist mehr sichtbar von dem sich überhöhenden Menschen. Er kritisiert die Glaubenden („Messias-Süchtigen“), weil sie Jesus, „den ersten großen Mann“ nicht verstanden haben. Wie Jesus Christus möchte in der „Ersehnte(n) Verwandlung“ jeder „Große“ Brot und Wein werden – wieder ein Seitenblick zu Nietzsche. Ihm träumte, „Das Auge Gottes“ – und alles Treiben des Menschen war ihm offenbar. Da wünschte er sich vor Grausen den Tod. Wieder wird der sich selbst überhöhende Mensch abgelehnt. In der „Botschaft des Kaisers Julian an sein Volk“ geht es darum, die Christen zu stören und zerstören: „Denn die Zeit ist um, / da das Kreuz geragt, / der neue Mensch reckt seine Hand.“ Womit er Bestrebungen des 19. Jahrhunderts aufgreift – und vielleicht auch seine eigene Intention von 1895. In „Alles gut, weil alles Gott“ meint, er, Gott sei das Schauerlichste und Heiligste. „Gott ist nichts Vollendetes, Gott ringt / unaufhörlich um sich selbst als Ziel.“ (Zitiert nach Morgenstern, Zeit und Ewigkeit, Insel 1942) Damit ist auch der Autor im Blick: Er ringt selbst um Gott – er ist noch nicht am Ziel.

In der Gedichtsammlung, an der Morgenstern noch kurz vor seinem Tod arbeitete: „Wir fanden einen Pfad“ (1914) ändert sich der Klang. Der Autor hebt in einem Gebet sein blutloses Herz zum Abendmahl Christi, damit er es wieder fülle: „O füll es neu bis an den Rand / mit Deines Blutes Rosenbrand“ – das Gedicht schließt als Anrede an Christus: „DU bist!“ In dem darauf folgenden Hymnus schildert er, wie Menschen das „Himmels-Licht“ verlassen, es in Wirklichkeit aber nicht können, weil es sie – ob sie es wollen oder nicht – bestimmt.

Sieh nicht, was andre tun, /
der andern sind so viel, /
du kommst nur in ein Spiel, /
das nimmermehr wird ruhn. /
Geh einfach Gottes Pfad, /
laß nichts sonst Führer sein, /
so gehst du recht und grad, /
und gingst du ganz allein.

Wenn der Mensch „in Eitelkeit / er nicht ganz versunken / und vom Wein der Zeit / nicht bis oben trunken“ kann er das Göttlich-Wahre erfahren. Wir sehen eine Wandlung in der Frömmigkeit von Morgenstern. Der sich überhöhende Mensch, der Mensch, der die Grenzen sprengen möchte, sprengt sie letztlich nicht aus sich selbst heraus. Er bleibt innerweltlich. Er sprengt die Grenzen erst dann, wenn er sich an Gott bindet.