Gott (nicht) verstehen

Ich möchte Gott nicht verteidigen – ich kann Gott nicht verteidigen. Das muss schon Gott selbst tun. Was ich nur kann: Uns als Menschen verstehen.

Wir verstehen Gott oft nicht. Wie in Psalm 74 sehen wir, dass nicht allein wir die Gottesbeziehung stören, sondern Gott selbst stört sie. Er hält sich nicht an das, was wir bislang von ihm erfahren haben. Er wendet sich ab. Er hilft nicht. Wir fühlen uns allein.

Wir klammern uns an Sätze der Bibel, die Verheißung zusprechen, die Gottes Nähe versprechen. Wir sehen Gottes Nähe nach einem Schrei zu Gott, wenn ein Regenbogen kommt, sich die Wolken öffnen, ein Lichtstrahl herunterfällt. Aber dann, wenn es nicht besser wird, fühlen wir uns verraten.

In der Versuchungsgeschichte Jesu (Matthäus 4) nimmt der Satan ein wunderschönes Wort aus dem Alten Testament (Psalm 91) auf: Er wird seinen Engeln befehlen und sie werden dich auf Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einem Stein stößt… – und Jesus reagiert: Du sollst den Herrn, deinen Gott nicht versuchen. Wir hören diesen wunderschönen Satz aus dem AT – und klammern uns an ihm fest. Wir merken aber nicht, dass er uns zur Versuchung werden kann. Er wird dann zur Versuchung, wenn er Gott festzurrt, wenn er zum Lebensmaßstab wird. Wir sollen uns an die Worte klammern, wir sollen die Zeichen, die Gott uns gibt, wahrnehmen, aus ihnen gestärkt hervorgehen. Und das ist es eben: Sie sind Stärkungen – aber sie sind nicht Gott. Sie sind Brot auf dem Weg, den Gott uns gehen lässt, aber sie sind nicht Gott. Auf zuweilen sehr schweren Lebenswegen gibt uns Gott immer wieder das Brot. Aber das Brot ist nicht das Ziel. Das Ziel ist Gott selbst.

Für mich bedeutet Glauben, sich zu Gott hindurchkämpfen und sich vertrauensvoll in seine Arme zu legen oder um sich vertrauensvoll in seine Arme zu legen. Das habe ich von den Wundern gelernt, wenn Jesus den Menschen, die sich zu ihm hindurchgekämpft haben, sagt: Dein Glaube hat dich gerettet. Aber auf dem Weg dorthin, auf dem Weg zu Jesus in all den Kämpfen und Schmerzen, des nicht Verstehens und der Selbstablehnung (denn ohne diese gehen die Heilungssuchenden ja nicht zu Jesus: sie sind nicht mit ihrem Körper einverstanden, können sich nicht mit ihm identifizieren) – darin wird schon Glaube sichtbar.

Jesus selbst zeigt uns in Gethsemane und am Kreuz, was Glaube heißt: Nicht einverstanden sein mit dem, was Gott mit mir vorhat – aber dann letztlich bei Gott sein und sich in Gottes Hand legen. Sein Wort am Kreuz: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? – das ist ebenso ein Glauben, der sich zu Gott hin kämpft, bis er dann am Ende sagt: Meinen Geist lege ich in deine Hände.

Diesen Glauben zeigen auch Christen, die verfolgt werden. Nicht Erfolg ist das, was zählt, nicht Rettungen sind das Ziel. Sie dienen, wie koptische Christen das sehen, der Stärkung zur Nachfolge – die im Martyrium enden kann. Das Ziel ist: Nachfolge, sich an Gott binden lassen durch das, was Leiden zufügt. Ein koreanischer Christ (Kosuke Koyama) schrieb das Buch: Das Kreuz hat keinen Handgriff (1978). Wir können es nicht kontrollieren. Christus spricht davon, dass Glaubende das Kreuz auf sich nehmen sollen – nicht eine Lunch-Box, wie Koyama schreibt.

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Wie Gott kein Teil der Welt ist und entsprechend nicht aus der Welt heraus zu erschließen ist, so ist auch Gottes Wirksamkeit nicht aus der Welt heraus zu erschließen.

Spannend finde ich den Satz des Paulus (Römerbrief 11): O welche eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Weisheit und Erkenntnis Gottes sind von einer unendlichen Tiefe – aber dennoch: Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege. Was wir als Menschen in Jesus Christus erkennen können, das ist unermesslich tief. Aber dennoch: Wir können Gott nicht in seiner Gesamtheit erkennen – auch nicht in seinem Handeln.

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Zudem müssen wir schlicht und ergreifend als individuelle Menschen einsehen, was schon Thomas von Aquin gesehen hat: Der Erkennende erkennt nur soweit, wie es seiner Erkenntnisfähigkeit entspricht. (S. Th. II-II,1,2) Und das macht bescheiden und hilft vielleicht, sich Gott zuzuordnen, statt sich ihm überzuordnen. Dass uns das auch als postmodernen individualistisch orientierten Menschen nicht gefällt, ist klar. Auch wir Glaubenden stehen – auch in der Frage der Theodizee – in einem Lernprozess, der, wenn alles gut geht, immer stärker in Gott hineinfließt.

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