John Atkinson Grimshaw (1836-1893) ist ein Maler der Nacht und des Zwielichtes. In der Dunkelheit werden die Menschen klein, die Natur wirkt groß. Die vom Mond erleuchtete Nacht ruft heimelige Gefühle hervor – alles ist gut, Geborgenheit. Jeder, der in mondhellen Nächten spazieren gegangen ist, kann manche der Bilder nachempfinden. Die Silhouetten der Bäume, einzelne Zweige treten deutlich hervor. Es handelt sich weitgehend um Herbst/Winterbilder. Die Bäume haben keine Blätter mehr, die Wege sind mit Laub übersät, manchmal stehen die letzten Rosen vor der Mauer und Sonnenblumen schauen über die Mauer. Die Bilder hinterlassen den Eindruck, als habe Grimshaw den Herbst mit seiner Melancholie besonders geschätzt.
Nicht nur die nächtliche Natur wird gefühlvoll gemalt, sondern auch die Stadt im Dämmerlicht. Geschäfte sind hell erleuchtet, die regennassen Straßen spiegeln das Licht der Laternen und Schaufenster wider.
Er malt auch viele Frauen in unterschiedlichsten Umgebungen, im Haus auf dem Sessel der Chaiselongue, beim Picknick, im Garten – aber nicht selten mit einem „Feen-Touch“. In den Bildern mit realistischen Szenen fallen die eleganten Gewänder auf – aber auch normale Hauskleidung. Das Interieur ist interessant, die Einrichtung des jeweiligen Zimmers.
Die mythologischen Feen-Frauen sind interessant. So eine Fee, die mit ihrem Stab das Mondlicht auf das Meer zaubert. Weitaus häufiger zeichnet er Frauen, die mit Körben im Arm allein in der Nacht die vom Mond erleuchtete Straße entlanggehen. Auffällig ist, dass sie eher am Rand der Straße gehen. Vielleicht sind die Bürgersteige nicht so matschig wie die Straße.
Auch Häfen mit Segelbooten gehören zu des Malers häufigen Motiven. Nebel bestimmen die Luft, Hafenarbeiter verrichten ihre Arbeit. Ebenso malt er auch imposante Gebäude Londons, mit Themse und flanierender Bevölkerung – die sie Schönheit des sich in der Themse spiegelnden Mondes betrachten. Kutschen mit ihren kleinen Lichtern rappeln über die Kopfsteinpflaster – die Pferde verschwinden im Dunkel der hohen Kutschen.
Gelegentlich sehen wir auch Bilder, die vom Licht durchflutenden Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang bestimmt sind.
Dieser Maler der Nacht beherrscht beide Welten gleichermaßen: die Nacht in der Natur, die Nacht in der Stadt. In der Natur spiegelt sich das Mondlicht auf nassen Wegen und Gewässern, in der Stadt vervielfachen Laternen und Lichter in den Fenstern die Spiegelungen auf den regennassen Straßen. Nacht ist nie nur Dunkelheit. Gerade die Nacht lässt das Licht eindrücklich hervortreten.
Es wird ein 19. Jahrhundert gemalt, wie man es sich unwissend und naiv vorstellt: eine schöne Welt Londons, mit Segelschiffen und Kutschen, mondbeschienenen Straßen und Frauen in eleganter Kleidung. Die Welt der sozialen Gegensätze wird ausgeblendet. Das macht ihren Reiz aus. Gleichzeitig wirft es die Frage auf: Ist das wirklich London des 19. Jahrhunderts? Er nimmt die Angst vor Nächten – aber eben: Nächte bestehen nicht nur aus Vollmond.
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