Paul Gerhardt: Was trotzest du, stolzer Tyrann

Auch dieser Text „Was trotzest du, stolzer Tyrann“ (1) ist eine massive Anklage gegen den Tyrannen, in der Aufnahme von Psalm 52. Die Untaten des Tyrannen werden von Paul Gerhardt vertieft:

  • er schadet den Armen
  • er ist verlogen, verhilft Lügen zum Sieg
  • schneidet
  • zerschlägt
  • bespricht Unrechttun mit Freunden
  • hasst das Recht
  • verdrückt die Wahrheit
  • alles, was er tut, dient zu Schaden
  • er kann nicht ruhen, bis er Böses getan hat
  • er prangt mit seinem Reichtum
  • er nimmt Unschuldige gefangen
  • wenn er Fromme mit der üblen Zunge zerstört hat, meint er, er sei am Ziel.

Aber er hat nicht mit Gott gerechnet, der ihn richten wird. Die Frommen werden über Gottes gerechtes Tun überrascht sein, werden erschrocken sein, dann aber in „heiliges Lachen“ ausbrechen. Sie werden glücklich sein, den Frieden genießen, der Fromme wird wie ein wachsender und blühender Ölbaum sich freuen, sich Gott überlassen, Gott loben. Während der Tyrann entwurzelt wird, wird der Unschuldige wurzeln und blühen.

Die letzte Strophe betont trotzig den Widerstand gegen den Tyrannen (er ist „Kot“), denn der Sänger hat Gott an seiner Seite, darum hat er keine Not und keine Angst. Die letzten Verse sprechen Gott an:

Du, mein Gott, kannst alles wohl machen,
dich setz ich zum Richter der Sachen,
und weißt es: es wird sich mein Leiden
bald enden in Jauchzen und Freuden.

*

Paul Gerhardt greift Psalmen mit unterschiedlicher Intention auf. Es ist an diesem erkennbar, dass er ihn verwendet, um die politische Dimension hörbar werden zu lassen. Er schwächt sie nicht ab, sondern entfaltet, vertieft sie. Er ist im Grunde eine Brücke zwischen den alten Psalmen und seiner Gegenwart. Indem er sie für die Zeit umdichtet, lässt er sie neu als Gottes Wort sprechen. Er will mit ihnen in seine Zeit hinein Gottes Wort wieder neu sprechen lassen. Mit diesem Psalm lässt er Gott in seine Zeit gegen Tyrannen sprechen. So spricht er gegen Machtmissbrauch, auch hier, gegen die Mächtigen, die sich gegen Unschuldige wenden. Gott spricht auch in die Politik hinein, wobei nicht nur die Mächtigen an der Spitze des Staates gemeint sein müssen, sondern die lokalen Mächtigen, diejenigen, die mit ihren Freunden Unrecht planen gegen die Unschuldigen, gegen die Frommen. Der Psalm ist ein Instrument, um in der eigenen Zeit mit Texten politisch aktiv zu werden. Aber anders als im modernen Sinn. Es geht nicht um politisch aktiven Widerstand, wie wir es heute formulieren würden, sondern: Er lässt Gottes Urteil in seiner Zeit, in der welche Tyrannen auch immer herrschen, hörbar werden. Oder anders gesagt: Gott lässt sich durch Paul Gerhardt gegen den Tyrannen hörbar werden.

Die normalen, die angegriffenen Menschen können sich nicht wehren. Sie sind machtlos. Sie setzen aber alle ihre Hoffnung auf Gott, auf Gottes gerechtes Gericht. Aber: Dieser Text ist eben selbst der angesprochene Trotz. Auch wehrlose Menschen können trotzig sein, können solche anklagenden und warnenden Texte den Mächtigen entgegenschleudern. Das Singen selbst wird hier zur Form des Widerstands, indem sie singen, dass die Mächtigen sich der Lächerlichkeit preisgeben, wenn sie weiter gegen Gottes Willen handeln, sich an Unschuldigen vergreifen. Ein „heiliges“ Lachen wird erschallen. Und indem das ausgesprochen wird, wird schon deutlich, dass sie sich jetzt schon lächerlich machen.

Ein „heiliges“ Lachen – diese Formulierung ist spannend, weil das Lachen über jemanden Spott ist, und Spott, lachen über jemanden, kann ebenso gemein sein, ist also unchristlich. Darum handelt es sich um „heiliges“, also angemessenes Lachen. Aber: Auch der Christ kann sich den Spott wohl nicht verkneifen, so formuliert Paul Gerhardt in der nächsten Zeile: „Und endlich mit heiligem Lachen / Sich wiederum lustig machen.“ Spotten hier Christen? Sieht er das als christlich an? Ich erkenne darin zweierlei: Wenn ein Tyrann von Gott gerichtet wird, dann „heiliges“ Lachen ausbricht, erkennt der Tyrann das als Spott, obgleich es ein befreites Lachen ist. Andererseits könnte ich mir vorstellen, dass er damit drohen will: Wen ihr Tyrannen so weitermacht, dann wird über euch gelacht werden, weil ihr lächerlich seid – im Grunde seid ihr es jetzt schon, weil ihr euch gegen Gott verhaltet. Das Lachen kommt schon im Psalm vor: „Die Gerechten werden es sehen und sich fürchten / und werden seiner Lachen: / Siehe, das ist der Mann, / der nicht Gott für seinen Trost hielt, / sondern verließ sich auf seinen großen Reichtum / und nahm Zuflucht bei seinem verderblichen Tun.“ (2) Das „heilige“ Lachen zeigt die Umkehrung der Machtverhältnisse. Wer über die Schrecklichen lacht, zeigt ihnen, dass sie keine Macht haben, trotz des Schreckens, den sie verbreiten. Sie lachen aber nicht in erster Linie über den erniedrigten Tyrannen, sondern sie lachen befreit, weil er sie nicht mehr tyrannisieren kann.

Die Unschuldigen greifen nicht die Sprache der Täter auf, sie gesellen sich nicht zu den Freunden des Tyrannen, sie hofieren den Tyrannen nicht – sie gehören Gott, sind somit frei und unabhängig, auch wenn der Tyrann, der große wie der kleine, ihnen das Leben zur Hölle machen kann.

(1) https://www.velkd.de/schwerpunkte/liturgie/kirchenmusik/paul-gerhardt/lieder-von-paul-gerhardt/was-trotzest-du-stolzer-tyrann/

(2) Ü: Die Bibel nach Martin Luther, rev. 2017; die BasisBibel übersetzt statt Tyrann: „Starker“; Einheitsübersetzung: „Mann der Gewalt“.