In meiner Reihe über Menschen, die sich nicht unterkriegen lassen, sei diese Frau genannt: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/01/03/menschen-die-sich-nicht-unterkriegen-liessen/
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Octavia Hill wuchs, nachdem die Geschäfte des Vaters (James Hill) gescheitert waren und der Vater psychisch zusammengebrochen war, in armen Verhältnissen auf, obgleich der Großvater (Dr. Thomas Southwood Smith – auch ein Mann, der sich nicht unterkriegen ließ) sie finanziell unterstützte. Ihre Mutter (Caroline Hill), war eine Schriftstellerin und Pädagogin, eine engagierte Reformerin wie der Großvater, der sich als Arzt schon mit der Kinderarbeit und den Wohnsituationen der Armen beschäftigt hatte, unterrichtete sie im Lesen und Schreiben. Als Jugendliche setzte sich Octavia für die Rechte von Arbeitern ein, beeinflusst von dem Buch eines Journalisten (Henry Mayhews), der die Armut beschrieb, und einem anglikanischen Priester (F.D. Maurice).
Octavia Hill ließ sich in Glasmalerei ausbilden, leitete eine Werkstatt, die Spielzeuge für Kinder von Armen herstellte, und arbeitete als Kopistin für den Kunsthistoriker, Schriftsteller John Ruskin. Dieser wurde später (1866) sehr wichtig, weil er aufgrund eines reichen Erbes heruntergekommene Häuser kaufte, die Octavia Hill herrichtete, um sie an Menschen mit niedrigem und unregelmäßigem Einkommen zu vermieten. Mit diesem Beginn konnte sie ihren Traum, Menschen zu helfen, verwirklichen. Sie hatte acht Jahre später 3000 Mieter. Es gab von staatlicher Seite schon Initiativen, die Wohnraum für Arme besorgen sollten, aber Hill war davon nicht überzeugt, weil die Vermieter sich nicht um die Mieter gekümmert haben – und außerdem meinte sie, dass Menschen, denen man alles gibt, sich nicht bemüßigt sehen, selbst arbeiten zu gehen. Wenn Menschen sich weigern zu arbeiten, ist Hilfe von außen nutzlos, war ihre Meinung. Die staatlichen Stellen, die dann 1884 wieder neu eingesetzt worden waren, waren finanziell besser ausgerüstet und haben dann freilich viel mehr Mieter gehabt als Octavia Hill mit ihrem umfangreichen privaten Engagement.
Es hört sich so an, als sei Octavia Hill nicht besonders zurückhaltend gewesen, im Gegenteil: despotisch. Ein Bischof sagte, er habe bei einem Vortrag von ihr bislang nie so viel Prügel bekommen. 1874 hat sie auch von der Kirche den Auftrag bekommen, Wohnungen in einer heruntergekommenen, kriminellen Gegend entsprechend herzurichten und zu vermieten. Ruskin zog sich zurück, kirchliche Unterstützer sprangen ein. Mit Erfolg. Ihre Vorgehensweise wurde vielfach kopiert, auch in den USA und Deutschland. 1877 brach sie jedoch zusammen, unter anderem wegen der vielen Arbeit und ihr wurde eine Mitarbeiterin (Harriot Yorke) zur Seite gestellt, die bis zu Octavia Hills Tod bei ihr blieb. 1912 starb sie an Krebs im Alter von 73 Jahren.
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Octavia Hills Motor für ihre intensive Sozialarbeit im Sektor Wohnen war der christliche Glaube. Sie war vom christlichen Sozialismus beeinflusst, das heißt hier, dass der Christ schon dazu beitragen muss, dass das Reich Gottes nicht erst kommen wird, sondern schon jetzt durch soziale Gerechtigkeit verwirklicht werden solle. Gott sah sie als ihren Guide an, der sie in allen sozialen und praktischen Fragen führt. Der christliche Sozialismus ist ein Gegenmodell zum kommunistischen Manifest von Marx/Engels (1848) gewesen – beides ist in einer Zeit sozialen Umbruchs und Aufbruchs entwickelt worden. In Großbritannien begannen die christlichen Sozialisten (unter anderem F.D. Maurice) sich 1848 zu organisieren – parallel geschah die Gründung der Inneren Mission (später Diakonie) durch Engagement von Johann Hinrich Wichern in Deutschland.
- Im christliche Sozialismus ging es um gelebte Nächstenliebe – nicht um Klassenkampf;
- es ging um Reform innerhalb des gesellschaftspolitischen Systems, nicht um den Umsturz.
- Für Hill war es wichtig, Arme und Reiche zusammenzuführen, Reichen zu zeigen, wie es Armen geht;
- es ging nicht um Revolution, sondern darum, die Situation der Armen konkret zu verbessern, das dadurch, dass Menschen ihr Privateigentum freiwillig einsetzen, nicht dadurch, dass es ihnen geraubt wird;
- Octavia Hill war gegenüber den staatlichen Behörden skeptisch, weil es dem Staat nicht um die persönliche Hilfestellung der Menschen ging – anders das kommunistische Manifest, das einen starken Staat forderte, allerdings nicht den bestehenden.
Auch ihr Einsatz für die Parks (Grüngürtel), in die auch Arme Zugang bekommen sollen, war vom Glauben bestimmt. Arme Menschen müssen Zugang zur Schönheit der Schöpfung bekommen. Sie haben kein Geld, um weit fahren zu können, also muss die Schöpfung in der Nähe erfahrbar sein. Die Schönheit der Schöpfung erfahren ist kein Luxus, sondern für den Glauben notwendig. Und so kämpfte sie dagegen an, dass Vorstadtwälder wegen des Wohnungsbaus abgeholzt werden. Sie gründete mit zwei anderen den National Trust, der dafür eintrat das kulturelle Erbe und das der Natur den Menschen zu erhalten. Zum kulturellen Erbe gehörte auch, Kunst, Bücher und Musik den Armen zugänglich zu machen (Gesellschaft zur Verbreitung von Schönheit).
Wer Häuser verwalte, der ist auch für das Wohlergehen der Menschen verantwortlich, denn es werden nicht allein Häuser verwaltet, sondern eben die Menschen, die darin wohnen. Und so hat sie in einer Vorform von Sozialarbeit veranlasst, dass die Mieten wöchentlich eingenommen werden, aber nicht als ein finanzieller Akt, sondern durch Besuche der Mitarbeiterinnen, damit sie auch die Probleme der Bewohner mitbekommen, auch Probleme der Hygiene, und damit Reparaturen usw. sofort ausgeführt werden konnten. Menschen als Ebenbild Gottes müssen entsprechend untergebracht werden. Um das bewerkstelligen zu können, hatte sie ein großes Mitarbeiterteam, sowohl ehrenamtlich als auch später ausgebildete und bezahlte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Zum Wohlergehen der Menschen gehört für sie auch, orientierungslosen Jugendlichen der Stadt eine Ausbildung zukommen zu lassen, die militärische Grundzüge hatte. Sie sollten sich nicht Herumtreibern anschließen, sondern eben fest strukturierten Gruppen, damit sie später entscheiden können, was sie tun wollen. Damit hatte sie so großen Erfolg, dass nicht alle Jugendlichen aufgenommen werden konnten.
Aus heutiger Sicht hatte sie freilich auch ihre Schattenseiten. So lehnte sie das Frauenwahlrecht ab, weil aus ihrer Sich Männer und Frauen unterschiedliche Aufgaben haben würden (was angesichts ihres Engagements erstaunt) und sie lehnte staatliche Sozialleistungen ab, weil sie die Selbständigkeit der Menschen verhinderten.
Quellen: https://en.wikipedia.org/wiki/Octavia_Hill
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