Maler 94: George Frederic Watts

George Frederic Watts (1817-1904) – die Bilder (vielfach auch Historiengemälde) sind in diesem Video allesamt depressiver Stimmung. Schon in jungen Jahren war er mit dem Tod konfrontiert, dem Sterben seiner Mutter und jüngerer Geschwister. Und damit verbunden sind vermutlich auch Erfahrungen, die einen Sterbeprozess begleiten. So gibt es zahlreiche Bilder mit Engeln – aber auch die sind eher Sterbebegleiter bzw. traurige Wesen, nicht strahlend, nicht mächtig wie sie sonst häufig gemalt werden. Menschen, die entweichen, es wird versucht, sie zu halten, Menschen, die nicht mehr zu halten sind, die an der Brust des Todes ruhen. Mythologische Bilder.

Er lebte in einer Zeit des Umbruchs in der Gesellschaft – einem Teil geht es sehr gut, aber der Masse der Menschen geht es schlecht. Eine Tote liegt am Flussufer, wie gekreuzigt. Hell strahlt ihr Gesicht. Sinnbild für die Zeit? Auf den Bildern, auf denen Herrschende zu sehen sind, liegen häufig Menschen auf dem Boden, besiegte Menschen, auf denen der Fuß der Herrscher steht, das Gesicht unter lastenden Händen runtergedrückt wird. Der Mächtige als Minotaurus – den er auch einmal malt. Angstvolles Rotkäppchen ist auch zu finden – kleines blondes Mädchen, die Augen weit aufgerissen, den Korb sichernd, das rote Tuch rutscht vom Kopf.

Die Porträts der Gemalten – ernst blicken sie den Betrachter an, aber nicht nur ernst wie auf anderen Bildern, es ist ein schwermütiger Ernst, der aus ihren Augen, ihren Antlitzen spricht. Ich schreibe extra „Antlitz“, denn Antlitz ist mehr als ein Gesicht. Antlitz ist ein Gesicht, das das Leben zeigt, das sich in die Seele hineingeprägt hat. Ich frage mich: Haben die Gemalten – unter anderem Dichter, Philosophen – sich selbst auch so gesehen? Das Bild, in dem er seine junge Ehefrau malte, ist schön, sie schnuppert an einer Blüte – aber das Gesicht ist versunken in dem Duft, durch die Farbgebung ist es schwer. Er malte auch biblische Themen (Kain, der seinen unschuldigen Bruder Abel tötete, Barmherziger Samariter) – um der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten?

Besonders aussageträchtig ist das Bild Hope, Hoffnung. Sie sitzt personifiziert zusammengekauert auf einer Weltkugel, die Augen verbunden, mit einer Lyra in der Hand, in der nur noch eine (?) Seite eingespannt ist.

In dem WikipediaArtikel (1) erfahren wir, dass er ein Denkmal für die Menschen schaffen wollte, die als gewöhnliche Menschen andere retteten, dabei ihr Leben geopfert haben, deren Namen aber drohten, vergessen zu werden. Und so schrieb er zum Thronjubiläum von Königin Victoria einen Satz, der es aus meiner Sicht in sich hat: „Der materielle Wohlstand einer Nation ist kein bleibender Besitz; die Taten ihres Volkes sind es.“ (2) Das Projekt hatte mit der Finanzierung zu kämpfen – wird aber fortgesetzt. Neue Namen werden angebracht. Aber im Grunde zeigt das Problem der Finanzierung: Ein Land tut sich mit solchen Helden schwer: Menschen aus dem einfachen Volk, die ich würde sagen, mit heutiger Formulierung gesprochen, Zivilcourage zeigen. Wichtiger sind andere. Er selbst war berühmt und angesehen – also anders als seine Bilder erscheinen lassen, war er kein Eigenbrötler oder Eremit. Auch die Zeit, in der er lebte war eigentlich von Erfolg und Wohlstand gekrönt. Aber das alles nur oberflächlich – er hat das gemalt, was hinter der leichteren Fassade verborgen ist.

Seine zweite Frau entwarf kurz vor seinem Tod die Watts Chapel mit keltischen und symbolistischen Ornamenten, gebaut von Dorfbewohnern. Sein Werk The All-Pervading (Das Allgegenwärtige), das von einem Bild in der Sixtinischen Kapelle (Sibyllen) beeinflusst wurde, zeigt (laut (3) den Geist, den Watts über der Erde herrschen sah. Dieses Bild hängt als Variante in der Trauerkapelle, von Watts selbst gestaltet, als Altarbild (4). Hoffnung sieht anders aus.

(1) https://de.wikipedia.org/wiki/George_Frederic_Watts

(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Memorial_to_Heroic_Self-Sacrifice

(3) https://en.wikipedia.org/wiki/The_All-Pervading

(4) https://en.wikipedia.org/wiki/Watts_Cemetery_Chapel

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