Ann Hasseltine Judson (1789-1826)

In meiner „Reihe“ Menschen, die sich nicht unterkriegen ließen https://blog.wolfgangfenske.de/2026/01/03/menschen-die-sich-nicht-unterkriegen-liessen/ – heute: Ann Hasseltine Judson (1789-1826).

Ann Hasseltine Judson (1789-1826) war ein munteres Mädchen, das gerne tanzte, schick ausgegangen ist. Mit 16 Jahren wurde sie nach schweren inneren Krisen bewusste Christin. Denn sie wusste sich von Christus befreit. Sie war in den USA Lehrerin und heiratete 1812 den Missionar Adoniram Judson. Dieser hatte das Bestreben, in die Auslandmission zu gehen, hat der jungen Frau vor der Hochzeit die schwere Situation der Missionare beschrieben und auch, dass sie wohl nie wieder nach Hause kommen würden. Sie heiratete ihn dennoch. Wenige Wochen später ging sie als Missionarin mit ihrem Mann und einem anderen Missionarspaar als die ersten amerikanischen Baptisten-Missionare, sie war 22 Jahre alt, nach Indien, ein Jahr später nach Burma. Warum sie Indien verlassen musste ist auch interessant, denn die Britische Ostindien Kompagnie mochte keine Missionare. Die Organisation wollte auch religiöse Konflikte vermeiden und wollte ihre Handels- und Herrschaftsinteressen nicht durch unabhängige Missionare gefährden lassen (1813 wurde im britischen Parlament darüber gestritten – und Mission zur moralischen Verbesserung erlaubt). Zudem hatten sich die Paare getrennt, weil sie eine unterschiedliche Sicht über die Taufe hatten. Das bedeutete auch, dass sie mit der sie entsendenden Gemeinde in Spannung lebten: Wird sie weiterhin ihre Arbeit finanziell unterstützen? Sie war Mutter dreimal schwanger. Sie hatte eine Fehlgeburt, ihr erstes geborene Kind starb im 8. Monat, ihr drittes Kind starb kurz nach dem frühen Tod der Mutter.

In Burma lernten die die Sprache und lebten unter und mit der Bevölkerung. 1822/1823 fuhr sie noch einmal zur Genesung in die USA. Dort schrieb sie eine ausführliche Darlegung über die Missionsarbeit in Burma, was sie 1823 öffentlich bekannt gemacht hat. So behandelt sie darin aber auch in Briefen die Situation der buddhistischen Gesellschaft und beschrieb Gründe dafür, warum die christliche Botschaft auf Widerstand stieß. Sie beschrieb auch, warum dem so gewesen ist: Der Buddhismus hat, wie sie ihn kennengelernt hat, keinen Gott, ist somit atheistisch, hat Nirwana, also die Selbstvernichtung als Ziel und bietet damit keinen Trost, keine Hoffnung, aber auch keine Grundlage für moralisches Handeln. Gleichzeitig aber waren Buddhismus und Gesellschaft durch religiöse Traditionen so sehr miteinander verflochten, dass es nicht einfach um einen Glaubenswechsel ging, wenn jemand Christ werden wollte, sondern auch um Isolation und Bedrohung der Glaubenden. Sie hatten Schwierigkeiten, die Menschen zu erreichen und kamen auf die Idee, eine „Zayat“, eine Hütte am Straßenrand zu errichten. Vorrübergehende konnten reinkommen, sich ausruhen, diskutieren usw. Der absolutistisch und grausam regierende König erlaubte nicht die Missionierung und staatliche Behörden verbreiteten Angst.

Während des Anglo-Birmanischen Krieges wurde ihr Mann wegen des Verdachts der Spionage etwa 17 Monate gefangen gehalten. (1) Während ihr Mann im Gefängnis saß, lebte sie in der Nähe des Gefängnisses in einer Hütte, um den Mann und andere Insassen mit Lebensmitteln und Schlafmatten zu versorgen. Das konnte sie nur durch ihre Fähigkeit zu organisieren und mit den Behörden um bessere Bedingungen für Gefangene zu verhandeln. Und sie war selbst gesundheitlich geschwächt. In Burma hat sie auch eine Schule für Frauen gegründet, weil sie meinte, dass Frauen als Lehrerinnen wichtige Aufgaben haben. Unwissenheit der Frauen hat sie als großes Problem erkannt. Und so freute sie sich, dass auch in der buddhistischen Gesellschaft doch ein paar Frauen offene Ohren für die Botschaft hatten.

In dieser Zeit schrieb sie als Autorin Berichte über das leben in Burma. Über Kinderehen, Tötungen von weiblichen Kindern, dem Leiden der Frauen, die keinerlei Rechte besaßen, abhängig von ihren Ehemännern (es ging um christliche Frauenrechte, sie war also keine Feministin im modernen Sinn. Es ging ihr um die Würde der Frau, Bildungsfähigkeit, Frauen als eigenständige moralische Instanzen, um das Bekämpfen von Misshandlungen). In manchen Kulturen und an manchen Orten ist das fast 200 Jahre nach ihren Berichten noch immer so. Sie schilderte das schlimme Schicksal eines Sklavenmädchens, das heißt, Ausbeutung und Leid insgesamt nahm sie wahr. Auch hier: Frauen hatten Zugang zu Frauen, was Männer auch als Missionare weniger hatten. Darum ihre Konzentration auf Frauen.

Sie übersetzte die alttestamentlichen Bücher Daniel und Jona ins Birmanische und war mit ihrer Übersetzung des Matthäusevangeliums ins Thailändische die erste, die eine Schrift der Bibel ins Thailändische übersetzt hatte. Sie hatte in Indien einen – das ist nicht ganz klar, Quellen unterscheiden sich – Händler oder Gefangenen aus Thailand kennengelernt, der ihr die Sprache beigebracht hatte. Ebenso schrieb sie einen Katechismus in burmesischer Sprache. In den folkgenden Jahrzehnten entstand unter den Karen eine besonders starke christliche Bewegung. Sie werden bis in die Gegenwart hinein massiv bekämpft.

Als ihr Mann freigelassen war, war sie gesundheitlich sehr geschwächt. Sie hatte, während ihr Mann gefangen war, ihre Tochter geboren, hat sie gestillt, sie reisten umher. 1826 starb sie mit 36 Jahren, nachdem sie Pocken bekommen hatte an diesen bzw. am Fieber oder aus Erschöpfung. Ihr Mann überlebte und übersetzte die gesamte Bibel, setzte die Mission fort.

Nach ihrem Tod wurden ihre Berichte als Andachten in den USA veröffentlicht, was sie und ihren Mann zur Berühmtheit machte. Viele Biografien erschienen über ihr Leben und waren zum Teil Bestseller. Ihr Leben trug dazu bei, dass auch Frauen als Missionarinnen anerkannt wurden – also auch ohne ihre Männer missionarisch aktiv werden können.

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Heutzutage spielen diese großartigen Menschen kaum mehr eine Rolle in der westlichen Wahrnehmung. Sie haben Übermenschliches geleistet, waren mit Herzblut ganz bei der Sache, ließen sich von sämtlichen Widrigkeiten nicht unterkriegen, nahmen das Leiden der Menschen wahr und versuchten es im Rahmen ihrer geringen Möglichkeiten zu verbessern. Was heute populär wahrgenommen wird, wird Kritik an Mission. Zum Teil berechtigt, weil Mission zumindest heute als verlängerter Arm der kolonialisierenden Länder interpretiert wird. Dabei hatte die Mission das Bestreben, gute Werte zu vermitteln, während heutige säkulare „Mission“ darin besteht, in die hintersten Ecken der Erde Konsum als Wert zu senden, damit man sich so was tolles leisten kann, wie die reichen Menschen. Kurz: „Mission“ materialistischen Lebensstils. Und solche säkular-kapitalistische „Missionen“ haben massive Kriminalität und Entwurzelungen zur Folge. Wie sehr viele Frauen in ostasiatischen Ländern heute noch leiden, weil sie von den Familien verkauft werden, also Mädchenhandel und Zwangsprostitution, auch aus Armut, ist bekannt. Damals waren sie rechtlos und wurden getötet. Hat sich heute was in finsteren Bereichen der Gesellschaften etwas geändert? Aber diese Missionare haben wirklich wichtige menschliche Werte unter großen Strapazen vermittelt (hier zum Beispiel: gegen Kindstötungen, gegen Ermordungen von Mädchen, für die Rechte und Würde der Frauen – was ihnen von vielen Einheimischen genauso übel genommen wurde, wie es heute von säkularen Ideologen übel genommen wird.

Ann wollte nicht als Mensch zur Heldin erklärt werden, sondern sie sah den Geist Gottes in sich wirken, der ihr Kraft gab zu wirken. Sie sah sich als Werkzeug Gottes. Ihr Leiden gehörte zur Jesusnachfolge insofern, als es dazu führt, dass der Mensch sich immer stärker loslässt und mit Gottes Willen verbunden wird. Sie wollte nicht, so schreibt sie, nach dem „Warum“ fragen, sie lernt durch das Leiden, dass ihr Herz Gott allein gehören solle. Sie lernt Gott zu vertrauen, auch wenn sie ihr Leiden nicht versteht. Interessant ist, dass die Bereitschaft das leiden anzunehmen, dazu führte, gegen das Leiden anderer vorzugehen. Sie war keine, die Leiden verdrängte. Sie hatte vor allem Angst vor den Schmerzen, nicht vor dem Tod. Aber auch darin galt es: Gott zu vertrauen. Das Gebet war für ihren Glauben ganz zentral, also die die bewusste Aufrechterhaltung der Beziehung zu Gott.

Quellen: https://gfamissions.org/ann-hasseltine-judson/ und: https://de.wikipedia.org/wiki/Ann_Hasseltine_Judson und viele Zitate finden wir hier: https://equip.sbts.edu/publications/journals/journal-of-missions/sbjme-12-fall/the-life-and-significance-of-ann-hasseltine-judson-1789-1826/

(1) Wie es immer so ist: führen die Länder Krieg, werden die Bürger der Länder in dem jeweils anderen Land drangsaliert, bekämpft. In Europa genauso. Nicht nur im Rahmen des zum Beispiel Ersten Weltkrieges, in dem die Familie Albert Schweitzer von Franzosen inhaftiert wurden, auch im Rahmen des Ukrainekrieges hatten es manche Russen in Deutschland schwer.