
In alttestamentlichen Schriften finden wir Widerstand gegen Herrscher und Kritik an Herrschern. Erinnert sei an Exodus (Kampf gegen die Sklavenhalter), an Propheten (Kritik der falschen Politik und des falschen Verhaltens des Volkes), Daniel (Widerstand gegen Glaubensverbot). Psalmen haben manchmal eine weitere Dimension: Auflehnung gegen Gott – diese führt dann aber zur Rückbindung an Gott. Mit Gott, also der Macht schlechthin, wird in der Beziehung zu Gott gerungen. In den hebräischen Schriften finden wir eine Fülle an Hinweisen und Einstellungen zum Thema. Konzentrieren möchte ich mich auf neutestamentliche Schriften.
Jesus Christus: Delegitimierung mächtiger Strukturen – Betonung des Individuums
Jesus Christus hat weniger die politisch Verantwortlichen im Blick. Sein Kampf gilt eher den Unrechtsstrukturen. Er wertet den Menschen als Individuum auf, indem er dem Individuum zum Recht verhilft bzw. dazu ermuntert, als Kind Gottes, gegen eine schlechte Situation anzugehen. Der Mensch ist wichtiger als die Norm, in die er gepresst wird. Destruktive Machtverhältnisse werden bekämpft, delegitimiert (gegen Heuchelei, Missbrauch des Gesetzes, Belastungen von Menschen). Er stellt Gottes Herrschaft/Reich über die irdischen Herrschaften, damit verschiebt er die Machtverhältnisse. Das, was als selbstverständlich angesehen wird, die destruktiven Strukturen, werden aufgedeckt. Aber nicht nur gegen die oberen Herrscher, sondern indem er auch gesellschaftspolitische Vorstellungen von oben und unten umwertet. Missachtete Menschen werden erhoben, Macht bedeutet Dienst. (1)
Apostel Paulus: Unterordnung irdischer Mächte unter Gott – gemeindliche Parallelstruktur
Der Apostel Paulus steht auf der Basis von Jesus Christus. Im Grunde interessiert er sich nicht für die politischen Zustände. Er verkündet den Kyrios, den Herrn, also Jesus Christus – und damit stellt er Gott höher als die menschlichen Herrschaften. Er unterwirft die menschlichen Herrschaften der Macht Gottes – damit ist der Glaubende nur Gott gegenüber loyal, ihm gegenüber verantwortlich. Irdische Mächte sind vorläufig und haben sich vor Gott zu verantworten, sich ihm zu unterwerfen. Damit relativiert er sie. Zudem will er die kleinen Gemeinden zu Zellen einer neuen Gesellschaft machen: soziale Rangordnung wird aufgehoben, ebenso die Ethnie, nicht die römische Bürgerschaft ist relevant, sondern: Glaubende haben Gottes Bürgerrecht. Was ich besonders spannend finde: die Macht der Schwachheit, die Schwachheit als Macht. Letztlich sind die von Gott im Grunde überwundenen Gegner nicht Menschen, sondern: Gesetz, Sünde und Tod. Das heißt, er sieht hinter den Handlungsweisen der Menschen – auch der Herrscher – diese Gewalten.
Apokalypse des Johannes: Entlarvung antigöttlicher und antimenschlicher Macht – durchhalten, bis Gott seine Parallelwelt herbeiführt
Die Apokalypse des Johannes greift das Imperium verbal an. Setzen Menschen ihre Macht absolut, wird sie gottfeindlich, menschenfeindlich, dämonisch. Als solche erkennt der Apokalyptiker die gegenwärtige Macht – nicht nur die Herrscher sind so einzuordnen, sondern Menschen des Alltags lassen sich von den dämonischen Kräften korrumpieren und sind deren asozialen Werkzeuge. Macht wird entlarvt. Entsprechend wird das Römische Reich mit negativen Metaphern konnotiert. Es sind nicht einzelne Menschen, die negativ agieren, sondern sie sind Marionetten einer dämonischen, also antigöttlichen Macht. Angesichts dieser gewalttätigen Macht gilt es durchzuhalten, den Glauben zu bekennen und ihn zu leben bis hin zum Martyrium, also dem Getötet-Werden durch die Mächtigen. Die Getöteten leben in der Parallelwelt Gottes, die er einmal für alle sichtbar herbeiführen wird – Gott hat ein Gegensystem errichtet. Die politisch-dämonischen Mächte werden in einem brutalen Krieg der sich in unterschiedlichen Wellen ergießt, besiegt werden. Siegen wird – das Lamm über den Drachen.
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Diese Überlegungen sind Folge der Beschäftigung mit der Biografie von Karl Steinbauer: Christian Blendinger: Nur Gott und dem gewissen verpflichtet. Karl Steinbauer – Zeuge in finsterer Zeit, Claudius-Verlag München 2001. Karl Steinbauer wandte sich gegen nationalsozialistische Übergriffe.
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(1) Im Lukasevangelium wird in der Geburtsgeschichte Lukas 2 der Caesar Augustus genannt. Aber nur als Zeitangabe, er dient nur der Datierung. Die Akklamation des Engelheeres gilt allein Gott. Die Hirten rennen, um zu sehen, was Gott getan hat, nicht der Caesar. Bekanntlich ist das Magnifikat besonders heftig – vor allem auch darum, weil es in der katholischen Kirche eine große Bedeutung hat. Die Herrschaftskritik in der Geburtsgeschichte des Matthäus ist auch nicht ohne: Ertragen wird der Amoklauf des Herrschers Herodes – aber er kann gegen Gott nichts anhaben.
