Isolde Kurz

Zurzeit lebe ich politisch abstinent. Abstand gewinnen ist auch nötig. Aber das hier kommt nun: Isolde Kurz.

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Isolde Kurz wurde in Stuttgart geboren, wurde von der Mutter Marie Kurz, geborene von Brunnow, unterrichtet. Mutter wie Vater waren freigeistig demokratisch orientiert. Der Vater hatte Theologie studiert, wurde dann aber freier Schriftsteller, Übersetzer und Bibliothekar. Beide waren evangelisch – die Mutter war verwandtschaftlich mit dem berühmten Pietisten Friedrich Christoph Oettinger verbunden – aber Isolde wurde deutsch-katholisch (*) getauft. Nach dem Tod ihres Vaters 1873 zog sie zu ihrem Bruder nach München, kam in Kontakt mit Künstlerkreisen. Mit Mutter und Bruder zog sie zu einem weiteren Bruder nach Florenz. 1888 erschien ihr erster Gedichtband und es folgten bis zu ihrem Tod zahlreiche weitere Werke. Bekannt wurde sie vor allem auch aufgrund ihrer Novellen. 1905-1911 lebte sie mit ihrer Mutter und pflegte sie. 1911 kam ein „Jugendfreund“, der ihr als Mädchen Sprachen beigebracht hatte, der Altphilologe Ernst Friedrich von Mohl, aus Russland zurück und wurde in den kommenden Jahren ihr Lebensgefährte. Mit ihm reiste sie auch nach Griechenland. Vor 1933 hat sie ein Manifest gegen Auswüchse des Nationalismus unterschrieben, wie auch Aufrufe gegen Antisemitismus und für die „Ächtung der Kriegsmittel“ https://de.wikipedia.org/wiki/Isolde_Kurz In der Zeit des Nationalsozialismus war sie geachtet. Theodor Heuss hatte 1933 zu ihrem 80sten Geburtstag eine offizielle Ehrung angeregt, die sie dann 1943 erhalten hat. Immer wieder beklagte sie auch – vor allem im Roman Vanadis -, dass Frauen im 19. Jahrhundert so niedrig gestanden haben, wie nie zuvor. (Eine interessante Feststellung, die die Beobachtungen bestätigt, dass die Sicht ins Mittelalter durch das 19. Jahrhundert verstellt wird: Das Mittelalter wird vielfach mit dem repressiven Frauenbild des 19. Jahrhunderts in Verbindung gebracht.)

Schwert aus der Scheide. Gedichte, Eugen Salzer Verlag, Heilbronn 1916 – in dem Gedichtbändchen kommt Gott so gut wie nicht vor. Dafür aber die alten Ahnen, die wieder aufleben und den Soldaten als Geistmächte im Krieg vorangehen. Der alte Wodan kommt vor – insgesamt beinhalten sie viel unchristlich Mystisches. Mutter Deutschland ist nicht selten die Angeredete, z.B. (Erntefrieden) Sie spricht ein Mystisches Heilmittel an „Panazee“, das selbst Priester anerkennen würden, wenn sie die Kraft dieses Namens kennen würden – statt des „Amen“. Sie war von der nationalen Kriegsbegeisterung im Zusammenhang des 1. Weltkrieges angesteckt. In dem Gedicht „Schwert aus der Scheide“ kommt Gott vor – alle missgönnen Deutschland den Platz am Licht, alle Feinde umzingeln Deutschland und werden treulos. „Wer bleibt uns treu? – Unser Gott allein.“ Vielleicht aufgrund der Enttäuschung, politisch so falsch gelegen zu haben (Spekulation meinerseits), hat sie sich in der Weimarer Zeit (bis zu Beginn der 30er) angeblich nicht mehr politisch eingesetzt.

In ihrem Gedicht Nachtgebet , wird die Natur angesprochen, sie wird vergöttlicht: „Du bist so groß, ich bin so klein, / So lehre mich, dein frommes Kind zu sein.“ Die Natur soll sie Weiteres lehren, und: „Lass mich vertrauend bei dir sein“. Auch in weiteren Gedichten finden wir christliche – neutestamentliche Anklänge, aber heidnisch rezipiert (Gesang der Seligen ). Und so stellt sich die Frage, wenn in Gedichten von „Gott“ gesprochen wird, ob sie ihn christlich oder sonst wie konnotiert (siehe unten). Im Grunde beweint sie die toten Götter – aber der Ort, an dem sie einst waren, ist geweiht Tote Götter Wie sie schreibt: „Denn wir schnitzen und verkünden / Unsre eignen Götzen.“ suum cuique . Gott hat als Gott in den Gedichten keine Bedeutung.

Es sind zum Teil brutale Gedichte, so das „Alrunenlied an der Wiege eines Neugebornen“: Es besingt schon an der Wiege den späteren Kampf des Säuglings: „Sei ein Streiter, sei ein Held! Kämpf´ im Frieden, kämpf´ im Feld“ – und am Ende wird auf die Norne hingewiesen, deren Spruch lautet: „Göttergab´ ist Götterfluch“: „Geh bis wo dein Ziel gesteckt, / Und bis dich die Erde deckt, / Leide, kämpfe, schweige.“

Auch die beiden Nazarener-Gedichte sind eher eine Art Jesus-Satire. Und locker flockig leicht kommt das „Weltgericht“ daher. Eine Geschichte der Welt – von der Schöpfung bis zum von Gott gewollten Ende. Aber das Ende kommt nicht, denn der Geist – ich vermute nicht der Geist Gottes, denn er will auch das Weltgericht, eher der Weltengeist? (siehe unten) – belehrt den dreieinigen Gott, dass er das Böse nicht durch ein Gericht bekämpfen solle, alles ist, wie es ist, die Schlange beißt sich in den Schwanz, gut und böse – ein ungereimtes Weltgedicht – das Gott nicht bekritteln solle. Mit dem Nichts müsse er sich auch plagen.

Munter ist auch die Erschaffung des Menschen bedichtet worden. Die paradiesische Frau heißt „Lilith“. (***) Nach dem Sündenfall heißt Adams Frau Eva. Aber vor dem Sündenfall: Adam benimmt sich wie ekstatisch, als er die erste Frau, die Lilith-Frau, sah: „Doch Adam sieht den Schöpfer nicht, / Er sieht nur Liliths Angesicht.“ (Das ist, das sei angemerkt, eine spannende Formulierung. Denn so mancher Mann wandte sich gegen Gott bzw. von Gott ab, weil der christliche Glaube Regeln für den sexuellen Umgang mit sich bringt.) Mit Lilith hatte Adam ein Kind (wohl Anspielung auf Jesus) gezeugt, das weiterhin im Paradies lebt und zu seiner Zeit auf die Erde kommt: „Sein Fußtritt wird der Schlange Haupt zerbrechen, / Sie aber wird ihn in die Ferse stechen, / Denn Evas Kinder, die ins Joch gebeugten, / Hassen von Mutterleib den Lichtgezeugten“. Und er wird weiter als der dreimal Große auf der Erde „unergründet“ wirken. Er wirkt in Menschen, die arglos, forschend, tapfer, dichtend sind. Doch die Masse der Eva-Kinder wenden sich gegen ihn: „Gegen ihn gerüstet / Stehen wir alle vereint, / Ihn wegzuziehen von seinem Ziele. / Tröste dich Mutter, Er ist einer, und wir sind viele.“ Damit endet das endlos lange Gedicht („Die Kinder der Lilith“, Gesammelte Werke Band 1, 1925).

Die Gedichte aus Italien (das gold´ne Land) thematisieren auch nicht Glauben, sind aber offener, freier, luftiger (in dem Roman Vanadis lässt sie das von einer Protagonistin schreiben: starre nordische Natur contra: bewegliches, südliches Wesen [439]). Statt Natur wird die Mutter Sonne angesprochen („Sonnendienst“). Rassismus scheint nicht ihre Weltanschauung zu beherrschen, zumindest lässt das Gedicht  „Des Apostels Heimkehr“ das deutlich werden: „Blickt auf den Schwarzen, der uns Bruder ist, / Seht seiner Leiden Maß, das überläuft, / Gesegnet jeder, Heide oder Christ, / Der in die grause Wunde Balsam träuft.“ (Nur [!] die letzte Zeile ist der Grabschrift Livingstones in der Westminsterabbey entnommen.)

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Der Vater von Isolde Kurz wollte keinen Geistlichen an seinem Grab sprechen lassen. Das erfahren wir als Hinweis vor der Trauerrede für Isolde Kurz. Anders jedoch Isolde Kurz: Trauergottesdienst . Die sehr interessante Traueransprache hat Pfarrer Heinrich Mohr de Sylva zur Feuerbestattung  am 8.4.1944 gehalten. In der Traueransprache heißt es, dass sie eine „begeisterte Griechin“ und „altgermanische Seherin“ gewesen sei, die schon „als Kind vom germanischen Heldenfeuertod“ geschwärmt habe. Aber sie habe sich nicht dazu bringen lassen, sich gegen das Christentum zu wenden. Und noch tiefer gehend soll sie gesagt haben – und das ist 1944 überraschend:

„So viele (wörtlich „der Goebbels und seine Leute…“) wollen das Christentum abschaffen! Was für eine andere Religion wollen sie uns denn geben? Etwa die Entwicklung zum Materialismus des grösstmöglichsten irdischen Glücks? Oder vielleicht den Buddhismus und die Lebensverneinung? Oder nur eine Erneuerung des alten vergangenen Germanenglaubens und Griechenglaubens, der zur Götterdämmerung führt und zum Weltenbrand und nicht hinausführt aus dem Wahn der Welt? Was haben wir den Besseres als das Christentum? Und darum will ich christlich bestattet werden.“

Im weiteren Verlauf wird unter anderem überlegt, wie es zu diesen Aussagen kam. Es wird erklärt, dass es unter anderem an „der Verbundenheit der tausendjährigen letzten Geschichte und dem Lebensgefühl und Lebensstil der frommen Ahnen“ liege. „Man fühlt sich auch im Tiefsten, in der Anbetung Gottes, als Glied der Kette, die von den Ahnen zu den Enkeln führt, und als Glied der gegenwärtigen Gemeinschaft der Gläubigen, das heisst der Kirche, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleich verantwortlich.“ Zudem hatte sie kurz nach Kriegsbeginn einen Traum (**), in dem sie an das Leiden dachte und eine Stimme hörte: Gott denkt! Sie wollte wissen, was das bedeute. Und ihr wurde diese Aussage gedeutet: Gott gibt der Weltgeschichte einen Sinn, Gott regiert und schaut, hält den Atem an: er will wissen, was die Menschen können: „Alles still, Gott denkt! Es gibt eine Geborgenheit trotz allem Nichtwissen“. In ihrem Roman Vanadis, von 1931, darauf weist die Trauerrede hin, reflektiert sie intensiv das Verhältnis einer Protagonistin zu Gott.

Laut der Trauerrede hat sie für ihren Grabstein das Wort ausgesucht:

Fern überm Wasserpfade
Flimmert zur Nacht ein Schein.
Lichter vom anderen Gestade:
Was mag sein?

Dieses zeigt eben diese Lebens-Ambivalenz an.

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Und das wird auch im Roman Vanadis (der Name bedeutet: Göttin der Wanen – und ist ein Name für die germanische Gottheit Freya – 7) deutlich, der 1931 veröffentlicht wurde, mir aber nur in der Auflage von 1955 vorliegt. Da es in meinen Darlegungen um Gedichte geht, in denen von Gott die Rede ist, und nicht um Romane, sei er nur kurz mit Blick theologische Fragen angesprochen. Der Roman ist ohne Tiefgang. Freilich beinhaltet er manche Abschnitte, in denen sie ein paar theologische Erwähnungen einflicht. Zunächst ist des Mädchen Vanadis Begeisterung für Balder (****) zu spüren, der germanische Christus (auf den Seiten 32-37 wird begeistert von ihm erzählt, von den Balder Riten, den Opferungen dessen, was den Menschen am liebsten ist…): Balder „war die frühe nordische Spiegelung dessen, der zu Bethlehem in der Krippe lag und der der Menschheit die Mahnung zurückließ: `Seid vollkommen!´ Auch Balder war vollkommen, er konnte kein Böses tun.“ Dann ist von Balders Tod die Rede. Der Vater von Vanadi ist auch ein Balder-Anhänger, je sonderbarer und verwirrter er im Alter wird, desto mehr macht er sich über den christlichen Glauben Gedanken. Über das Julfest – Lichtfest – gelangt er langsam zu Jesus Christus. An Jesus kommt niemand heran, auch die Evangelien nicht. Denn Jesus Christus „erkennt sich in jedem anderem Namen auch, wenn nur wahre Frömmigkeit ihn ruft. Und einmal wird eine Zeit kommen, wo auch unser Abendland ihn mit anderem Namen nennen wird, denn jedes Weltalter sieht eine neue Menschwerdung des Lichtes.“ (111) Ob sie 1931 schon wusste, wie das ausgelegt werden könnte? Wie dem auch sei, es wird religiös hin- und her geredet: Krischna, griechische Philosophen usw. Der Vater kam letztlich dazu, Jesus zu bewundern: „Dieses Feuer wärmt uns, auch wenn wir es gar nicht wissen… alle unsere Frühlinge sprossen aus seinem Licht… (232f.) Eine echte Jesus-Anhängerin war jedoch Vanadis Schwester Esther. Sie liebte Jesus, versuchte ihr Leben an Jesus auszurichten (83; 103f.; 235) – und ganz besonders sieht sie 237, dass es etwas anderes ist, alle irgendwie in Jesus Christus zu erkennen – statt seine Nähe zu spüren. Sie starb sehr früh. Im zweiten Teil spielt Balder keine Rolle mehr. Der väterliche Freund/Ehemann hatte sich im Leben asiatischen Religionen gegenüber offen gezeigt, ist dann aber wieder in den katholischen Glauben zurückgefallen, von dem sie ehrend redet, weil Glauben Menschen eine Stütze gibt, den sie allerdings nicht annehmen kann. Als sie selbst sterbenskrank war, wollte sie entsprechend vom frommen, traditionellen protestantischen Glauben nichts wissen. Die Sehnsucht nach Gott ist dem Menschen eingeboren – aber der Mensch kann Gott nicht begreifen, er ist zu groß. Im Grunde ist er so unerreichbar groß, dass er für den Menschen das Nichts ist. „Die Gottheit verhüllt ihr Gesicht, damit wir sie an immer höherer und höherer Stelle suchen.“ (503) Das letzte Gedicht, das sie in ihrer Krankheit dichtet, endet: „Du hoher Geist, vor den ich hoffend trete, / Du weißt von mir, was niemals ich gewusst. / Verlornes Kind, entatmend im Gebet, / Leg´ ich mein Haupt an deine Gottesbrust.“ (509)

Es wird deutlich, dass der christliche Glaube von philosophischen und polytheistischen Aspekten beherrscht wird. Sie, wie die Protagonistin kommt allerdings nicht vom christlichen Glauben ganz los. Die mir vorliegenden Gedichte sprechen jedoch eine zum Teil andere Sprache.

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(*) Deutsch-katholisch / christ-katholisch war eine Bewegung, die sich von den Konfessionen löste und sozialem Liberalismus anhing, der einen deutschen Nationalstaat im Blick hatte. Es handelte sich um eine rationalistische, aufgeklärte Form christlichen Glaubens, die viel vom Protestantismus übernommen hatte, aber dem protestantischen Konfessionalismus entrinnen wollte. Unter anderem entstand aus ihr die freireligiöse Gemeinschaft. Sie wurde vom Staat verboten.

(**) Schon Anfang des 20. Jahrhunderts beschäftigte sie sich viel mit den Mächten des Unterbewussten und den Träumen. https://www.deutsche-biographie.de/sfz47185.html

(***) Das paradiesische Wesen Lilith zu nennen, ist heikel. Lilith ist in alttestamentlicher Tradition ein Dämon, hat auch in der älteren babylonischen Tradition negative Konnotationen. Von Rabbinen wird sie in Genesis Rabbah 18 mit der ersten Frau Adams verbunden – was später ausgemalt wurde https://www.learnreligions.com/lilith-in-the-torah-talmud-midrash-2076654 . Sie wird mit dem plötzlichen Kindstot in Verbindung gebracht, sie nimmt die Seelen der Kinder, um mit ihnen ihre Dämonenkinder zu gebären. Lilith hat allerdings auch – wie der Geist Gottes vom Begriff her Verbindung zu Luft, Atem, Wind. In moderner jüdisch-feministischer Exegese spielt Lilith wie in dem Gedicht von Kurz eine positive Rolle.

(****) Balder wurde als Lichtgott angesehen, spielt in Sonnenwendfeiern eine große Rolle. Er stirbt, er steht wieder auf. Baldur wird schon in der Lieder-Edda (13. Jh) mit Christus verbunden. Es stellt sich die Frage, ob sich in der Lieder-Edda heidnische und christliche Tradition sich mal mehr mal weniger beeinflusst haben. In Island war der christliche Glaube seit 1000 verbreitet.