Wir schenken uns nichts

Wie in jedem Jahr kann man vor Weihnachten hören: Wir schenken uns nichts.

Einander etwas schenken ist ein wichtiges soziales Ritual. Man signalisiert damit dem anderen: Ich mache mir Gedanken darüber, was Dir gefallen könnte. Oder: Ich zeige Dir, was mir gefällt. Während des Auspackens hat man was zu besprechen – und nach dem Auspacken sowieso. Man fühlt sich bestätigt in der Einschätzung des anderen – oder nimmt wahr, dass man doch nicht so richtig gelegen hat.

Dieses Ritual des Schenkens kann verflachen. Man besorgt sich irgendwas, man weiß, der andere hat eigentlich alles, was soll man noch dazu geben? Geschenkpapier wird aufgerissen, nicht mehr genussvoll, spannungssteigernd langsam entfernt. Man hatte sich vorher nicht viel zu sagen – und nun auch nicht. Aber dennoch bleibt ein Gefühl: Wir beschenken uns. Wir.

Wenn man sich darauf einigt, dass man den Konsum nicht unterstützen will, Sinnloses einfach kaufen will, sollte man sich auf andere Arten des Beschenkens einigen. Denn wenn man gar nichts macht, dann bleibt Leere, unerfüllte Zeit, Langeweile. Statt nichts zu tun als dem Loch, das hinterbleibt, zu huldigen. sollte man sich und sein Hobby in das gemeinsame Leben einbringen, Texte, Bilder, Lieder, die einem gefallen, man spielt Spiele, man lädt sich ein zu einem gemeinsamen Essen…

Die Rituale des Schenkens nicht gering achten – sie höchstens durch andere Rituale ersetzen. Auch diese können irgendwann verflachen – dann muss man eben wieder andere finden, um einander zu zeigen: Du bist mir wichtig.

In der christlichen Tradition besann man sich auf das Geschenk, das Gott uns Menschen gemacht hat. Man las die Weihnachtsgeschichte, betete, sang Lieder, dachte angesichts der Kerzen darüber nach, dass Gott Licht und Wärme in die Welt gebracht hat, indem er selbst in die Welt kam. Schenken war nur ein Teil des Rituals. Als alle anderen Teile weggefallen waren, fokussierte man sich auf das Schenken – und war traurig, dass es nicht mehr so war wie früher. Das Ritual des Schenkens wurde vom Marketing der Firmen aufgegriffen: Kauf dir die Weihnachtsfreude! Wie alles gekauft werden kann: Glück, Liebe, Zukunft… Inzwischen merken immer mehr, dass sie der Oberflächlichkeit auf den Leim gegangen sind. Nun wieder in die Tiefe gehen, neue Rituale – auch des Glaubens finden – das bleibt immer wieder eine Herausforderung.

Vielleicht findet man ja wieder zurück zur Gemeinschaft. Das ist ja modern geworden: Sharing Economy, Crowd-Sourcing-Trends – traditionell hieße das: Gemeinsam Gottesdienste feiern mit anschließendem weihnachtlichen Beisammensein, indem man sich vielleicht mit Kleinigkeiten beschenkt – aber vor allem damit, den anderen wahrzunehmen, ihm zu danken.

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