„Malerin“ 88: Käthe Kollwitz

Sie hat mich seit meiner Jugend fasziniert. Warnerin vor Krieg, Gewalt, Armut. Damals hatte ich mir sogar das Buch gekauft: „Ich sah die Welt mit liebevollen Blicken. Käthe Kollwitz Ein Leben in Selbstzeugnissen“, hg. v. Hans Kollwitz, Hannover 1968 und: Fritz Schmalenbach: Käthge Kollwitz, Königstein 1974 (Die Blauen Bücher)

Käthe Kollwitz (1867-1945) wohnte mit ihrem Mann, einem Arzt, in einem Berliner Arbeiterbezirk. Ihre Emotion mit Blick auf ausgebeutete und arme Menschen zeigte sie schon 1898 im Zyklus zum Weberaufstand. Sie war mit Gerhart Hauptmann bekannt, der 1892 das Drama Die Weber veröffentlicht hatte. Allerdings bezog sie dieses wie andere Kunstwerke auf das Elend der Gegenwart. Max Liebermann war von dem Zyklus so beeindruckt, dass er sie für einen Preis vorgeschlagen hat, was allerdings von Kaiser Wilhelm II. abgelehnt wurde. „Rinnsteinkunst“ nannte er moderne Kunst. (Meine Frage: Ob Kollwitz allerdings „moderner Kunst“ zuzurechnen ist, da bin ich mir nicht so sicher. Sie ist, aus meiner Sicht, unvergleichlich. Laut dem oben genannten Werk „Leben in Selbstzeugnissen“ [394] habe er „die Kategorie der Rinnsteinkunst für ihresgleichen“ erfunden.) 1906 weigerte sich die Kaiserin eine Ausstellung zum Thema „Heimarbeit“ zu besuchen. Ihr Auguste Viktoria missfiel die von Kollwitz auf den Plakaten dargestellte abgearbeitete Frau.

1914 fiel ihr Sohn Peter – und sie setzte sich künstlerisch für viele linke humanitäre, pazifistische Gruppen ein. 1933 schreibt sie: „Das Dritte Reich bricht an.“ und: „Am 30. Januar 1933 wird Hitler Reichskanzler. Dann alles Schlag auf Schlag.“ Dann: „Am 15. Februar 1933 müssen Heinrich Mann und ich aus der Akademie austreten. Verhaftungen und Hausdurchsuchungen Mitte April kommen wir zurück in der festen Absicht, zu bleiben. Vollkommenste Diktatur.“ … Am Sonnabend, 1. Juli 1933… Ende September muß ich das Akademie-Atelier geräumt haben. Die Arbeit geht von der Hand.“ 1933 wurde sie gezwungen, aus der Preußischen Akademie der Künste auszutreten. Sie hatte einen Apell „zum Aufbau einer einheitlichen Arbeiterfront gegen den Nationalsozialismus“ unterzeichnet. Einen Artikel, der ihr bei den Machthabern Ansehen bringen sollte, lehnte sie ab: „Ich will und muß bei den Gemaßregelten stehen.“ 1936 wird ihr gedroht, ins Konzentrationslager gebracht zu werden, davor würde auch ihr Alter nicht schützen. Sie überlegt mit ihrem Mann, dass sie, bevor es soweit käme, den Freitod wählen würden. Bilder, die in Museen hingen, wurden 1937 beschlagnahmt, wurden der entarteten Kunst zugeordnet. Aus dem Jahr 1937 stammt von ihr ein Selbstbildnis mit geschlossenem Mund. 1946 schrieb sie in ihr Tagebuch: der Mund „schweigt in sich hinein“. In dem Bild liegt Trauer und, wie es in den Lebenserinnerungen heißt: „kaum noch diesseitige Erwartung“. 1943 ist in einem Brief von ihr zu lesen, in dem sie über den Krieg und das Leiden aller Menschen (also nicht zwischen Freund und Feind trennend) schreibt: „Die Menschen sind rein wahnsinnig geworden, es ist wirklich, als wenn die Welt untergehen soll.“ Sie arbeitete bis 1940 weiter, gab dann aus gesundheitlichen Gründen die Arbeit auf. Auch ihr Mann starb in diesem Jahr. 1942 fiel ihr Enkel und sie schuf das eindrucksvolle Bild: „Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden.“ (1) Manche ihrer Kunstwerke wurden 1943 bei einem Bombenabgriff mit ihrer Wohnung zerstört. Sie fand Unterschlupf in Moritzburg und starb wenige Tage vor dem Kriegsende an 22. April 1945. (2)

Was mich an den Werken – ihre Wahl der Druckgrafik (Radierungen, Lithografien, Holzschnitte) – so faszinierte: Die Schwarz-Weiß-Darstellungen passten äußerst gut zu den Themen, die sie dargestellt hat. Es sind Menschen in den Abgründen der Armut, gefesselt vom Tod, Menschen, die in ihrer Armut und angesichts des Todes als Leidende dargestellt wurden. Sie sind nicht Maschinen, die alles einfach so ertragen, sie sind erschöpft. Sie sind Menschen, die sie auch zum Widerstand aufrufen lassen – Widerstand, der allerdings in weiterer großer Armut und im Tod enden lässt. Es sind keine siegreichen Helden zu erkennen, sondern scheitern. Das genannte Bild „Saatfrüchte“ (1) zeigt, wie eine verzweifelte Mutter ihre Kinder beschützen will. Ihre Form des Widerstands. Aber wie der Tod des Enkels zeigt: Es ist nicht möglich.

Mit den Bildern selbst richtet sie das Augenmerk auf diese Übersehenen, Vergessenen. Und indem sie das tut, wird sie die Hoffnung haben, dass sich Menschen verändern lassen und für diese Menschen eintreten. Ich erkenne Hoffnungselemente also nicht so sehr in den Werken selbst, sondern in dem, dass sie möglicherweise hofft, mit den Bilder etwas verändern zu können. Anders formuliert: Die Hoffnung liegt nicht in dem Schicksal, das Kollwitz zeigt, sie liegt in der Wirkung des Bildes, den sie auf den Betrachter machen kann. Allerdings wird deutlich: Auf die martialischen Ideologen der Nationalsozialisten, „die nordische Edelrasse“ (207) haben die Bilder wie auf Wilhelm II. und Auguste Viktoria keine entsprechende Wirkung gehabt. Im Gegenteil. Dennoch: Die Wahl der Druckgrafik ermöglichte auch Bekanntheit bei einem breiten Teil der Bevölkerung.

Oben schrieb ich, dass ich mir nicht so sicher bin, ob sie moderner Kunst zuzurechnen sei. Ich meine das so: Sie ist nicht in die Abstraktion gerutscht, hat nicht mit Formen experimentiert, hat die Farbe nicht zentral eingesetzt. In ihrer besonderen Weise gab sie realistisch die üble soziale Situation wieder. Sind das moderne Anliegen vor 100 Jahren? Sie greift auf geschichtliche Ereignisse zurück – verknüpft sie mit ihrer Zeit. Vielleicht ist ihr Zeitgenosse Munch vergleichbar, dem es allerdings eher, so wie ich das einschätze, stärker um das Individuum, um die existentielle und psychische Erfahrung, ging. Hier ist auch an Otto Dix zu erinnern, den ich hier aufgegriffen habe: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/02/20/maler-22-otto-dix/ (3)

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(1) https://www.staatsgalerie.de/de/sammlung-digital/saatfruechte-sollen-nicht-vermahlen-werden

(2) Biografische Angaben nach: https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%A4the_Kollwitz_Museum_K%C3%B6ln

(3) Intensiver dargestellte Malerinnen und Maler: https://blog.wolfgangfenske.de/?s=malerinnen+und+maler