William Holman Hunt (1827-1910) war einer der Gründer der Präraffaeliten. Er malte Bilder mit einer großen Detailfreudigkeit und viele mit immenser Farbfülle. Wallende Haare, wallende Gewänder.
In seinen Bildern hat er sehr starke christliche Themen eingebunden. Auch in Bildern, die zunächst gar nicht als solche anzusehen sind. Doch auf den zweiten Blick oder durch den Titel wird der Bezug erkennbar. So ist auf einem Bild ein Schäfer zu sehen, der mit einer jungen Frau herumturtelt, in sehr engem Kontakt. Er hat kein Auge für seine Schafe. Und was zeigt der Schäfer der Frau, die ihn anschaut? Einen Totenkopfschwärmer. Und damit weist der Maler darauf hin, dass Verführung zu Tod und Vergänglichkeit führen. Auf dem Schoß der Frau ist ein kleines Schaf. Aber die Frau hat kein Auge für es, sondern nur für den Mann. Diesem Bild hat der Maler den Titel gegeben: „The Hireling Shepherd“ – dieser greift eine neutestamentliche Aussage auf: Vom Mietling, also ein Hirte, der für Geld arbeitet, dem aber die anvertrauten Tiere egal sind. Und im Neuen Testament wird dem Mietling Jesus Christus entgegengestellt, der die Seinen liebt. Der Mietling ist also der falsche Hirte. Und das wurde in der Zeit des Malers auf die Kleriker bezogen. Das heißt, er kritisiert mit dem Bild möglicherweise die Kirchenleute. Oder der Sündenbock der im Schlamm steckt – ein jämmerliches Bild, das ein alttestamentliches Motiv aufgreift.
Daran wird deutlich, dass es den Präraffaeliten auch darum ging, biblische Motive zu malen, ihre Bilder als solche verstehen zu lassen, denen es um geistliche und moralische Wahrheiten geht. Sie haben vielfach auch auf Symbolik des Mittelalters zurückgegriffen.
Freilich hat Hunt nicht nur Bilder mit biblischen Motiven gemalt, sondern auch Landschaften, Porträts, Innenräume, Stadtansichten – auch in der Nacht (1), Bilder, die Mythen der Antike aufgegriffen haben.
Verwirrend ist das Bild, das eine Szene in den Straßen von Kairo wiedergeben soll. Mit einer Hand hält der Händler(?) die Hand einer Frau fest, der Arm der anderen Hand liegt an ihrem Oberkörper und er greift an ihre Maske. Er grinst, die Frau schaut angespannt. Der Betrachter bekommt den Eindruck, als wird hier eine Grenze überschritten, es geht um Zugriff, Enthüllung und Besitz. Er konnte also auch solche Bilder malen.
Oder die Frau, die auf dem Bild mit dem Titel „The Birthday“ gezeigt wird, schaut gar nicht fröhlich, feierlich, sondern bedrückt, in sich gekehrt aus ihrem reichhaltigen Gewand.
Träumerisch hat Amaryllis eine Flöte in der Hand – eigentlich eine bukolische Szene (also wie bei den alten Hirtentexten, z.B. Vergil). Träumerisch – wohl auch der Maler, träumend von einer alten Zeit. Im Hintergrund ein Hirte mit Schafen in einem Pferch, die Schafe der Amaryllis (?) laufen noch frei herum. Mit Blumen im Haar und wallendem roten Haar, bekleidet mit einem weißen Gewand, schaut sie mit blauen Augen in eine innere Ferne.
Er malt ein Bild mit dem Titel Lady of Shalott. Diese Frau lebt in einem Gefängnis, in diesem Gefängnis ist sie äußerst kreativ. Sie schafft sich im Gefängnis durch Wandteppiche eine Ersatzwelt, eine Kunst-Welt, eine Welt, die sie nicht erleben kann und darf. Sie schaut die Welt in einem Spiegel, nimmt sie also nur verzerrt wahr. Wenn sie aus dem Fenster schaut, so der Fluch, muss sie sterben. Sie sieht im Spiegel einen Mann, verliebt sich, schaut dann aus dem Fenster die wahre Welt. Sie bricht aus – und stirbt. Der Maler greift damit die alte Artus-Sage auf, die in der Zeit beliebt war. (2) Es wird deutlich, was für eine Fülle an Symbolik zum Leben in dieser Sage, dann in dem Bild verwoben ist.
Wie in dem letztgenannten Video gesagt wird: Seine Bilder sind Warnung, Gebet, Bekenntnis, es legt Zeugnis ab für den Glauben. Bilder sind keine Dekoration. Sie enthalten eine Fülle an Botschaften.
Ich hatte einmal eine Reihe in diesem Blog: Menschen, die sich nicht unterkriegen ließen. Dazu könnte auch dieser Maler gehören. Er hatte es zunächst auf dem Kunstmarkt schwer, hat sich dann aber immer mehr durchgesetzt. Vor allem das Bild, Jesus als Licht der Welt, in dem Jesus mit einer Laterne etwas schüchtern sinnend an einer verrankten Tür steht und anklopft, machte ihn sehr bekannt und wurde vielfach gekauft. Menschen erkannten in den Bildern religiöse und moralische Erfahrungen wiedergegeben, die sie sehr angesprochen haben.
(1) Ich hatte einige Maler vorgestellt, die Nachtansichten gemalt haben.
(2) https://de.wikipedia.org/wiki/The_Lady_of_Shalott
Weitere Bilder:
Mit Erklärungen:
