Mary Cassatts (1844-1926)Themen: Frauen sind gepflegt, würdevoll, kurz: schön, sind hervorragend gekleidet, haben Kinder, die auch schön gekleidet sind, sind Frauen wie Kinder vor Spiegel und sie lesen. Es sind also Frauen aus gehobeneren Kreisen, zumindest solche, die mit diesen in Kontakt standen. Sie hatte auch professionelle Modelle, soweit ich das mitbekommen habe, auch aus der Arbeiterschicht, aber wohl entsprechend gehoben gekleidet. Es ist die Ästhetik, die ihr wichtig war, nicht die sozialen Zustände waren es. Das sind die Themen von Mary Cassatt, wie sie in der Zusammenstellung erkennbar werden.
Aber wie sie malt, es sind ein sehr faszinierende Bilder vorhanden, und zwar dann, wenn sie Hintergründe nur mit ein paar Farbstichen malt, oder das Gemalte mit Farbstrichen mit dem Hintergrund verschmelzen lässt – also Unfertiges signalisiert, dadurch aber Wesentliches hervorhebt. So ist faszinierend das Bild: Kind mit Hund (3:41). Der Kopf des Mädchens wird hervorgehoben, läuft aus ins Weiß – und aus dem Weiß taucht mit wenigen Strichen der Kopf eines Schoßhündchens auf. Manche Bilder hinterlassen den spannenden Eindruck von Skizzen, deren besondere Schwerpunkte ausgemalt wurden. Alltagssituationen, in denen Menschen gut miteinander umgehen. Die Bilder signalisieren: Es sind im Grunde Schnappschüsse, Momentaufnahmen, die zeigen, dass, bevor die Bilder fertiggemalt sind, sich schon wieder die Situation geändert hat.
Die Bilder vermitteln eine große Zuneigung der Malerin zu Kindern, zu den Müttern, die sie mit Kindern malt. Die Mütter lieben und genießen auch ihre Kinder – und, was sehr gut ist: Sie kann Kinder malen. Es ist bemerkenswert, wie überzeugend sie Kinder in ihrer Präsenz, ihrer Beweglichkeit darstellt. Ich habe einmal gelesen, dass Maler früher Kinder als kleine Erwachsene malten. Und das ist bei ihr überhaupt nicht der Fall. Zu den jeweiligen Kinderbildern in ihren Verhältnissen zu den Müttern kann eine Menge geschrieben werden, wie sie in der Liebe der Mütter leben. Sie haben Würde, sei es als Frau und Mutter, sei es als Kind. Wenn die Bilder genauer betrachtet werden, dann zeigen manche Bilder Fürsorge, manche zeigen, dass die Mütter an anderes denken, sich auf die Kinder konzentrieren. Ähnliche Bewegungen sind auch bei den Kindern zu erkennen: Hinwendung zur Mutter, Abwendung und viele andere mehr.
Dass sie so sehr Kinder und Mütter malt, ist erstaunlich, da sie in intellektuellen Künstlerkreisen unterwegs war und traditionelle bürgerlich-christliche Rollenmuster nicht so in ihrem Fokus lagen. Auch wenn manches Bild madonnenhaft wirkt, so werden sie nicht als Ausdruck ihrer christlichen Frömmigkeit verstanden. Die Beziehung von Mutter und Kind scheint für sie eher im universellen Wesenskern des Menschen verborgen zu liegen. Es sei angemerkt: Das aber lässt wiederum erkennen, dass manche traditionellen Madonnenbilder auch diesen menschlichen Wesenskern erfassen, von daher wunderbar menschlich wirken, auch wenn Göttliches im Hintergrund steht, es vertieft. Es sei angemerkt, dass sie freilich nicht nur Mütter malte, sondern auch Frauen, die lasen, im Theater, im Garten usw.
Mein Thema ist die Situation, in denen die Malerinnen und Maler malten, ist das Licht. Stadtansichten – also Lebenswelt außerhalb von Räumen – sind bei Cassatt kaum erkennbar. Ebenso ist Natur kaum Thema, eher als Hintergrund, Stilleben und Blumenarrangements, sind auch kaum zu finden. Höchstens florale Muster. Im Licht stehen im Grunde die ausgemalten Flächen. Die Gesichter, die Kleidung. Da sie selten Teil eines Umfeldes sind, müssen sie aus diesem nicht mit dem Licht herausgehoben werden. Sie sind selbst das Licht. Wie sie miteinander umgehen – das ist auch lichtvoll.
Sie konnte übrigens von ihren Gemälden, anders als viele andere Malerinnen und Maler, gut leben. Das kann ein Indiz dafür sein, dass sie so viele dieser Bilder gemalt hat – oder umgekehrt: Sie traf einen Nerv ihrer Zeit: die moderne Frau als Mutter. Das Kind als eigenständige Persönlichkeit. Familiäre Erinnerung und Wärme, Geborgenheit. Die neubürgerliche Schicht wollte vermutlich schöne Bilder, die ihre Zeit widerspiegelt – im modernen Kunststil der Zeit. (Das ist nichts Neues. Es gab Historienmalerei usw. – aber vielfach ist die eigene Zeit in den Bildern erkennbar. Das ist aber auch – und das ist mir wichtig, in diesen Bildern von Cassatt erkennbar.)
Gestern hatte ich https://blog.wolfgangfenske.de/2026/07/26/malerin-79-elizabeth-jane-gardner-bouguereau/ – die Malerin und ihr Mann haben sich gegenseitig beeinflusst. Das trifft wohl auch auf Mary Cassatt und Degas zu. Sie haben jahrelang zusammengearbeitet und auch gegenseitig korrigiert.
