Ein Bekenntnislied (EG 123), das vermutlich so mancher, der seine Weltanschauung lieber herrschen sähe, nicht besonders prickelnd findet (s. die Auseinandersetzung um das Berliner Schloss und die biblische Inschrift – was ist eigentlich aus dem Gedöns von 2022/2023 geworden?).
Jesus Christus herrscht als König,
alles wird ihm untertänig,
alles legt ihm Gott zu Fuß.
Aller Zunge soll bekennen,
Jesus sei der Herr zu nennen,
dem man Ehre gebenm muss.
Fürstentümer und Gewalten,
Mächte, die die Thronwacht halten,
geben ihm die Herrlichkeit;
alle Herrschaft dort im Himmel,
hier im irdischen Getümmel
ist zu seinem Dienst bereit.
Die im EG (und im Original) letzte 11. Strophe (von ursprünglich 26 Strophen) lautet:
Ich auch auf der tiefsten Stufen,
ich will glauben, reden, rufen, (3)
ob ich schon ein Pilgrim bin:
Jesus Christus herrscht als König,
alles sei ihm untertänig;
ehret, liebet, lobet ihn!
Getextet wurde das Lied von Philipp Friedrich Hiller – wohl 1757. Dieser hatte ein sehr bewegtes Leben, wie er in einer biographischen Notiz erkennen lässt (Pressel 723ff.). Wenn ich das richtig sehe, hat Hiller zu dieser Zeit in Steinheim gewohnt, Herzog Karl Eugen (Württemberg) regierte autoritär, absolutistisch, voller Prunk, baute Militär aus, das Land verarmte. Zudem war der Raum Durchzugsgebiet von Truppen des 7 jährigen Krieges, was Einquartierungen bedeutete, wirtschaftliche, steuerliche Belastungen für die Bevölkerung.
In dieser Zeit ruft der dem Pietismus zuneigende Hiller dem Herrscher, der seine Autorität als von Gott gegeben ansah, den oben genannten Text zu. Hiller war fromm, bibelorientiert, moralisch streng, tiefgehend und nicht oberflächlich – aber er übte auch keinen offenen politischen Widerstand, da Obrigkeiten aus traditionell christlicher Sicht von Gott eingesetzt waren. Aber: Auch der Herrscher wird sich vor Christus beugen müssen. Hiller entzieht dem Herrscher seine spirituelle Aura. Es wird in dem Lied auch deutlich, dass das Heil nicht von solchen und anderen politischen Herrschern abhängig gemacht wird – es gibt Wichtigeres im Leben: Sich Jesus Christus zuwenden. Und das auch als Gemeinde.
Die Gemeindebezogenheit ist auch interessant, weil in seiner Gemeinde Menschen lebten, die ihn bekämpften. Er hatte am Ende seines Lebens keine Stimme mehr – sie wollten ihn loswerden und haben den Antrag gestellt, ihn abzusetzen. Das gelang auf wundersame Weise nicht.
Um Herzog Eugen nicht ganz negativ darzustellen: Er änderte sich in seinem Leben, hatte sehr viele Interessen an Technik, Landwirtschaft, Kunst usw. Seine spätere Frau, Franziska von Hohenheim (pietistisch, bescheiden, mildtätig) soll ihn später positiv beeinflusst haben. Übrigens mochte auch Schiller den Herrscher nicht so besonders. Schiller war ein freier Geist, mochte solche absolutistischen Herrscher nicht. Vielleicht hat auch der pietistische Hintergrund von Schiller eine Rolle gespielt, dem es um das Gewissen des Menschen ging, die Würde des Menschen – und jeder trägt vor Gott Verantwortung für sein Leben. Schiller hat diesen „inneren pietistischen Freiheitsgedanken“ politisch – also nach außen gerichtet – gedeutet. Hiller lebte von 1699-1769 – Herzog Eugen von 1728-1793, wurde schon 1737 Herzog. Hiller hat also sozusagen den „späteren“ Herzog nicht mehr kennen gelernt.
Es seien noch ein paar herrschaftskritische Strophen zitiert, die nicht im Gesangbuch zu finden sind!
3. Sagt mir von erhabnen Thronen,
Die beim ewgen Lichte wohnen;
Nichts ist gegen Jesu groß.
Nennt mir Namen auf der Erden,
Wenn sie auch vergöttert werden,
Sie sind Theil aus seinem Loos.
22. Trachten irdische Monarchen
Dieses Heerdlein (1) anzuschnarchen,
O sein Hirte lacht dazu.
Er lässt diese kleinen Großen
Sich die Köpfe blutig stoßen,
Und den Schafen gibt er Ruh.
Und dann merkt er, dass er sehr angriffslustig ist und schrieb 23.:
Zürnet nicht, erlauchte Machten!
Dieses zielt nicht auf Verachten;
Land und Scepter bleiben euch.
Seid ihr aber Christi Spötter (2),
Wisst, so ist er Gott der Götter;
Sein ist Ehre, Macht und Reich.
(Was er dann in der nächsten Strophe begründet.)
(1) die Glaubenden
(2) Spötter sind für Pietisten nicht Leugner Christi in der damaligen Zeit, sondern Menschen, die äußerlich als Christen auftreten, aber innerlich unchristlich sind, bzw. Menschen, die mit ihrem Lebensstil den christlichen Glauben verhöhnten. So war der Prunk Eugens nicht christlich, dass er Mätressen hatte, zeigte, dass er innerlich unchristlich war, die falsche Autorität war ebenso unchristlich.
(3) Er, der Probleme mit seiner Stimme hatte, schreibt das – aus Trotz gegen seine Krankheit. Sie kann nicht verhindern, dass er Gott lobt. Er kann andere dazu aufrufen, zu rufen: ehret, liebet, lobet ihn – auch wenn seine Stimme versagen sollte, tun es andere. Und das ist eine wunderbare christliche Sicht: Wenn ein Mensch auch nicht mehr beten kann – er ist in das Gebet anderer eingeschlossen.
*
Zu Hiller: Er schreibt in seiner Biografie, dass sein Vater starb, als er selbst noch Kleinkind war. Die Mutter heiratete wieder. 1707 mussten sie vor den Franzosen fliehen (Spanischer Erbfolgekrieg). In seinem Lebensrückblick schreibt er immer wieder von Leiden, darüber, dass er als Jugendlicher unter dem Druck Bösartiger gelitten hat, dass er während der Zeit seiner Ausbildung leiden musste – aber er schreibt nicht, warum. Er dankt Gott nur, dass dieser ihn durch alles hindurchgeholfen hat. Er ließ sich in seiner Jugend zum Bösen verführen, aber durch Gott wurde er aus der „Schlinge Satans“ herausgeführt. Auch seine Frau war häufig vom Tod bedroht. Finanziell hatten sie gerade so viel, dass sie die 11 Kinder gut durchbringen konnten. Über sein Versagen während seines Pfarrberufes schreibt er ebenso (Untreue, Unverstand, Leichtsinn, Trägheit), aber Gott hat ihm vergeben. Er hatte eine Zeit, in der er seine Stimme verloren hatte – aber sie hatte er genutzt, um sein „Büchlein“ (die Lieder) herausgegeben, das Gott „nicht ohne Segen ließ“, das heißt sein Leiden wurde durch Gott zum Erfolg. (Während der Zeit seines Stimmverlustes hat ein Sohn die Predigttätigkeit übernommen.)
Dass Hiller nicht intensiver über das Leiden schreibt, über die Bösartigkeiten, das hängt damit zusammen, dass er das und seine Verfehlungen erwähnt, um Gottes Größe (bzw. auch die Güte der Menschen, die ihm geholfen haben) hervortreten zu lassen. Biografien von Pietisten sind im Grunde die Verfolgung von „Gnadenspuren“: Wo war Gott mir in meinem Leben gnädig? Das steht im vollkommenen Gegensatz zu manchen Menschen der Aufklärung, die sich hervorgehoben haben, ihre Einzigartigkeit, ihre Bildung, die Verbesserung ihres Charakters. Ich bin ich und habe mich zu dem gemacht, der ich bin (vgl. Rousseau – auch Fehler gehören zu seiner Einzigartigkeit -, Benjamin Franklin – Fehler dienen dazu, es künftig aufgrund der Tugenden besser zu machen – , Goethe – das in ihm Angelegte hat seinen Genius entfaltet).
Zu Menschen, die sich nicht unterkriegen lassen: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/01/03/menschen-die-sich-nicht-unterkriegen-liessen/
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