Nun danket alle Gott

Kurt Ihlenfeld: Preußischer Choral. Deutscher Soldatenglaube in drei Jahrhunderten, hg. v. Kurt Ihlenfeld, Berlin-Steglitz 1935, nennt verschiedene Überlieferungen nach dem Sieg bei Leuthen 1757. Ein Soldat hat wohl während eines Nachtmarsches das Lied: „Nun danket alle Gott“ angestimmt und 25.000 Soldaten sollen mitgesungen haben. Es war wohl ein äußerst eindrückliches Erlebnis für viele. Das Lied wurde zuletzt während eines großen Ereignisses in unserem Land angestimmt, als die letzten Kriegsgefangenen 1955 im Lager Friedland angekommen waren.

Was ich nachdenkenswert finde: Heute könnten das Lied wahrscheinlich nur noch äußerst wenige singen – und aus dem Gottesdienst kennen (EG 321). Das Lied hat über 200 Jahre unser Land in vielen Situationen begleitet – wo geschah der Traditionsabbruch? Warum? Wer hat ihn herbeigeführt? Hat der Traditionsabbruch Folgen? Wenn ja, welche?

Zu dem Lied: https://de.wikipedia.org/wiki/Nun_danket_alle_Gott Daraus das folgende Zitat:

Nun danket alle Gott
mit Herzen, Mund und Händen,
der große Dinge tut
an uns und allen Enden,
der uns von Mutterleib
und Kindesbeinen an
unzählig viel zugut
bis hierher hat getan.

Der ewigreiche Gott
woll uns bei unserm Leben
ein immer fröhlich Herz
und edlen Frieden geben
und uns in seiner Gnad
erhalten fort und fort
und uns aus aller Not
erlösen hier und dort.

Lob, Ehr und Preis sei Gott
dem Vater und dem Sohne
und Gott dem Heilgen Geist
im höchsten Himmelsthrone,
ihm, dem dreiein’gen Gott,
wie es im Anfang war
und ist und bleiben wird
so jetzt und immerdar.

*

Wie vor ein paar Wochen in einem anderen Zusammenhang geschrieben: Es ist ein Unterschied, ob einzelne Glaubende oder auch eine Gruppe Glaubender in solchen militärischen Lagen Gott dankt, oder ob der Glaube bewusst von Höhergestellten eingesetzt wird, um Menschen zu motivieren, sie zu manipulieren und zu beeinflussen. Nicht immer ist freilich das eine vom anderen zu unterscheiden. Aber der Dank für Bewahrung durch den Einzelnen sollte nicht abgelehnt werden, weil andere den Glauben dazu benutzen, Menschen zu manipulieren. In dem oben genannten Band sehen wir beides: persönlichen Glauben – und die Benutzung des Glaubens. Freilich ist davon wieder zu unterscheiden: Wird der Glaube nur instrumentalisiert, um einen Sieg zu erringen – oder wird er ausgesprochen, um Menschen persönlich zu stärken, zu ermutigen, zu trösten. Auch hier freilich: Beides ist nicht immer zu unterscheiden.

Letztlich: Glaube ist mächtig, um Menschen zu helfen. Aber auch: Glaube kann missbraucht werden. Und so sind wir wieder da, wo wir in allem stehen:

Liebe ist mächtig – kann missbraucht werden;
Wissenschaft ist mächtig – kann missbraucht werden;
Technik ist mächtig – kann missbraucht werden;
Medien werden mächtig – können missbraucht werden;
Ordnung im Staat ist mächtig – kann missbraucht werden;
einzelne Menschen werden mächtig – sie können Macht missbrauchen;
Philosophie ist mächtig – kann missbraucht werden;
Religion ist mächtig – kann missbraucht werden.

Liebe, Wissenschaft, Technik, Medien, Ordnung, mächtige Menschen, Philosophie, Religion abzulehnen, weil sie missbraucht werden könnten, zeugt nicht gerade von Klugheit. Von Klugheit zeugt: Missbrauch aufzudecken, damit der wahre Kern leuchten kann.

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