
Paul Gerhardt (1): https://blog.wolfgangfenske.de/2026/01/01/1-1-paul-gerhardt-1/
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Paul Gerhardt ist eher bekannt durch – politisch gesehen – harmlose Lieder, wie wir sie im Gesangbuch finden. Aber er kann auch anders. Der Text ist vor 1648 (vor dem Ende des 30-jährigen Krieges) entstanden, hat somit mit der persönlichen Auseinandersetzung mit seinem Herrscher nichts zu tun:
Zum Beispiel sei dieser Text genannt: https://www.projekt-gutenberg.org/gerhardt/saemtlie/chap106.html:
1. Was trotzest du, stolzer Tyrann,
Daß deine verkehrte Gewalt
Den Armen viel Schaden tun kann?
Verkreuch dich und schweige nur bald!
Denn Gottes, des Ewigen Güte
Bleibt immer in völliger Blüte,
Und währet noch täglich, und stehet,
Ob alles gleich sonsten vergehet.
2. Die Zunge, dein schädliches Glied,
Du falscher verlogener Mund,
Tut manchen gefährlichen Schnitt,
Schlägt alles zuschanden und wund:
Was unrecht, das sprichst du mit Freuden,
Was recht ist, das kannst du nicht leiden,
Die Wahrheit verdrückst du, die Lügen
Muß Oberhand haben und siegen.
3. Dein Dichten, dein Trachten, dein Tun
Ist einzig auf Schaden bedacht.
Da ist dir unmöglich zu ruhn,
Du habest denn Böses vollbracht!
Dein Rachen sucht lauter Verderben,
Und wenn nur viel Frommen ersterben
Von deiner vergälleten Zungen,
So meinst du, es sei dir gelungen.
9. Trotz sei dir, du trotzender Kot!
Ich habe den Höchsten bei mir:
Wo der ist, da hat es nicht Not
Und fürcht ich mich gar nicht vor dir.
Du, mein Gott, kannst alles wohl machen,
Dich setz ich zum Richter der Sachen,
Und weiß es, es wird sich mein Leiden
Bald enden in Jauchzen und Freuden.
Interessant ist, dass es hier um eine Interpretation des 52. Psalms geht. Und so ist empfohlen, die Texte miteinander zu vergleichen. Wie in den Psalmen auch häufig zu finden, geht man schweren Herzens in die Lieder hinein, findet seine Not angesprochen – und dann kommt derjenige, der die Texte bis zum Schluss gelesen hat, wieder voller Gottvertrauen heraus, geht nicht verstört in die Zukunft, sondern mit Gott. Das finden wir auch in diesem Text, allerdings recht kurz und knapp.
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Zum Vergleich sei das Lied herangezogen, das auch Tacheles redet: Trostgesang wider das Ärgernis der bösen glücklichen Welt https://www.projekt-gutenberg.org/gerhardt/saemtlie/chap086.html
Hier heißt es in den Strophen 1-4:
1. Du liebe Unschuld du, wie schlecht wirst du geacht’t!
Wie oftmals wird dein Tun von aller Welt verlacht!
Du dienest deinem Gott, hältst dich nach seinen Worten,
Darüber höhnt man dich und drückt dich allerorten.
2. Du gehst geraden Weg, fleuchst vor der krummen Bahn,
Ein andrer tut sich zu, und wird ein reicher Mann,
Vermehrt sein kleines Gut, füllt Kasten, Boden, Scheunen,
Du bleibst ein armer Tropf und darbest samt den Deinen.
3. Du strafst der Bösen Werk, und sagst, was unrecht sei,
Ein andrer übt die Kunst der süßen Heuchelei:
Die bringt ihm Lieb und Huld, und hebt ihn an die Höhen,
Du aber bleibst zurück und mußt da unten stehen.
4. Du sprichst, die Tugend sei der Christen schönste Kron,
Hingegen hält die Welt von Reputation:
Wer diese haben will, sagt sie, der muß gar eben
Sich schicken in die Zeit, und gleich den andern leben.
Mit der sechsten Strophe beginnt der Übergang in das Gottvertrauen, das in folgenden Strophen allerdings immer wieder in die Klage fällt:
6. Halt fest, o frommes Herz, halt fest und bleib getreu
In Widerwärtigkeit: dein Gott, der steht dir bei;
Laß diesen deine Sach handhaben, schützen, führen,
So wirst du wohl bestehn und endlich triumphieren.
Er endet – was Feuerbach, Marx und co. und ihre Epigonen mit Grausen erfüllen mag:
14. Drum fasse deine Seel ein wenig mit Geduld,
Fahr immer fort, tu recht, leb außer Sündenschuld.
Halt, daß den schönsten Schatz dort in dem andern Leben
Des Höchsten milde Hand dir werd aus Gnade geben.
15. Was hier ist in der Welt, das sei nur unbemüht:
Wird dir’s ersprießlich sein, wie’s Gott am besten sieht,
So glaube du gewiß, Er wird dir deinen Willen
Schon geben, und mit Freud all dein Begehren stillen.
Aber es ist ja nicht nur ein Sich-Ergeben, sondern der normale Mensch setzt einen Kontrapunkt, indem er gegen die Bosheit der Menschen Gottes guten Willen tut. Er ist – um ein von Paul Gerhardt nicht verwendetes Bild zu gebrauchen – ein Licht in der Finsternis und wird letztlich in die Herrlichkeit eingehen.
Ein Tipp wird auch gegeben – von Gott:
8. Spricht Er nun: Du bist mein, dein Tun gefällt mir wohl,
Wohlan, so sei dein Herz getrost und freudenvoll!
Schlag alles in den Wind, was böse Leute dichten;
Sei still und siehe zu, Gott wird sie balde richten.
Wenn bei manchen Menschen Gott keine Rolle mehr spielt, sie Gott ablehnen, ist die Antwort von Paul Gerhardt natürlich defizitär. Aber für Paul Gerhardt und die Glaubenden zu seiner und aller Zeit, ist Gott Realität – somit auch Zukunft. Repressalien durch Menschen der Gegenwart sind ärgerlich – aber man muss sich von ihnen nicht unterkriegen lassen, denn Gott redet zu mir, stärkt mich, auch mit solchen Texten. Denn dazu wurden sie ja geschrieben.
Was Menschen als Vertröstung aufs Jenseits bezeichnen, ist im Grunde aktives Handeln in der Gegenwart im Sinne Gottes. Viele dieser Menschen haben Großes geleistet, nicht nur Bücher geschrieben (wie Feuerbach, Marx). Ich habe in meiner Reihe über Menschen, die sich nicht unterkriegen ließen, bislang viele genannt, die mit ihrem Glauben hingegangen sind und geholfen haben – und bekannt wurden.
Aber wie viele gibt es, die keiner mehr kennt? Wie viele, die sich um ihre Angehörigen liebevoll gekümmert haben, Unsägliches von ihnen, wenn das Hirn und Moral gestört waren, ertragen haben. Von diesen Menschen redet keiner. Aber Gott, so der Glaube, kennt sie. Er weiß um sie, er stärkt sie, er wird sie in seinen Armen aufnehmen in Herrlichkeit.
Und wie häufig kommt es vor, dass Menschen nicht die Möglichkeit haben, sich in irgendeiner Form zu wehren und von übermächtigen Strukturen und Menschen erniedrigt werden? Hier bietet der christliche Glaube auch Macht, diese zu unterlaufen: in diesen Strukturen gefangen, bietet der Glaube Freiheit.
All das große Getöse, das man im Zuge von Feuerbach, Marx und co. veranstaltet hat, zu recht, weil es vielen die Augen für soziale Missstände geöffnet hat, soll nicht klein geredet werden. Aber sozial engagierte Menschen gab es vorher schon, Menschen, die andere mobilisierten – nur eben nicht sozialistisch/kommunistisch – um gegen Missstände anzugehen. Sie taten es in der Nachfolge Jesu Christi.
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Hinweisen möchte ich auf die oben genannte vierte Strophe. Das ist doch immer dasselbe: Wer von der Welt Anerkennung haben will, dem wird gesagt:
Wer diese haben will, sagt sie, der muß gar eben
Sich schicken in die Zeit, und gleich den andern leben.
Das finde ich hier – aber auch in dem Film Sophie Scholl, als der Verhörende Nationalsozialist voller Inbrunst der Sophie Scholl sagt, dass nun eben eine andere Zeit angebrochen sei und sie sich damit abfinden müsse. Kommt uns das heute so unbekannt vor? Das ist im Grunde eine ständige Formulierung, wenn eine Gruppe meint, sie habe die Moderne mit Löffeln gefressen und alle hätten stante pede zu folgen.
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